Ein Widerspruch? Eigentlich nicht.

Schließlich findet man die Regel des hl. Benedikt heute auch unter den Ratgebern für ein ausgewogenes ganzheitliches Leben. Bei sich sein, Bewusst leben, das lehrt Benedikt nicht nur die Mönche und Nonnen, die seine Regel befolgen, das entdecken auch immer mehr „weltliche" Menschen wieder neu. Auch wir in Mariendonk erle­ben, dass das gute Maß von Gebet, Arbeit und Erholung, von Zeit für das Chorgebet, Zeit für die Gemeinschaft und Zeit für persönliche Interessen ein sowohl im körperlichen wie im geistigen Sinn gesundes und ganzheitliches Leben fördert.

Allerdings sehen wir in dieser äußeren Prägung des klösterlichen Lebens vor allem den Rahmen, der uns das ermöglicht, was zu allen Zeiten in den benediktinischen Klöstern an erster Stelle steht: Die wahrhafte, d.h. aufrichtige und das Leben umfassend bestimmende Suche nach Gott, die Liebe zu Christus.

Für Benediktiner und Benediktinerinnen gilt in besonderem Maße, dass der Weg zu Gott zusammen mit denen, die in die gleiche Gemeinschaft gerufen sind, zu gehen ist. So fühlen wir uns besonders dazu berufen, Gemeinschaft der Kirche im Kleinen und Konkreten vor Ort zu sein. Möglicherweise ist dies die größte Herausforderung in unseren Tagen.

Mit Eifer einander gehorchen, in Liebe einander dienen, die eigenen Schwächen und die der anderen in Geduld tragen, das sind für Benedikt konkrete Formen, die die klösterliche Gemeinschaft zur Kirche werden lassen. Wo das gelingt, ist der Heilige Geist am Werk.

Den Weg, den der Heilige Geist uns führen will, nicht nur als Einzelne für sich sondern auch in der Gemeinschaft zu erkennen, ihm zu folgen, das ist auch unser Bestreben hier in Mariendonk. Deshalb bemühen wir uns, eingebunden in Schweigen und Gebet, auch darum, eine Gesprächskultur zu pflegen und zu erlernen. „Denn manchmal gibt der Herr dem Jüngeren ein, was recht ist" ( RB3) Mal in der lockeren Form der fröhlichen Runde, mal in ernsthaften thematisch gebundenen Kapitelsgesprächen, mal in der großen Runde, mal in kleineren Gruppen oder im Gespräch zu zweit suchen wir den Austausch. Dabei bleibt immer zu beachten: Finden wir das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zueinander? So dass jede Schwester den Raum behält, ihre eigene Beziehung zu Gott zu leben? Wir aber auch als Gemeinschaft um einander wissen?

Das konkret gelebte Gemeinschaftsleben stellt uns immer wieder in Spannung zu Anforderungen der Moderne: Globalisierung einer digitalisierten Welt, die individuenzentrierte Zivilisation der westlichen Hemisphäre, Anonymität und Unverbindlichkeit stehen in krassem Gegensatz zu den Werten, die wir zu verwirklichen suchen.

Auch wir selber sind Menschen des 20. Jahrhundert und bringen Prägungen dieser Zeit mit ins Kloster. Auch bei uns gibt es Computer, auch bei uns haben sehr viele Schwestern eine eigene e-mail-Adresse. Auch wir erleben ein Übermaß an Arbeit und sind auf Zeiten der Entspannung und des Alleinseins angewiesen. Auch wir sind eingebunden in das Wirtschaftsleben der Umgebung.

Deshalb stellt sich auch für uns immer wieder neu die Frage, wie wir uns dieser Realität der heutigen Gesellschaft zu stellen haben. Wie bewahren wir unsere Identität? In welchem Maß ist unsere Gesprächsbereitschaft gefordert. Was lassen wir ein, was wehren wir bewusst ab, um das Leben in Konzentration und Schweigen nicht zu gefährden.