In unserer Abtei leben wir nach einer Regel, die vor ca. 1500 Jahren geschrieben wurde: Benedikt lebte von ca. 480 - 547 n. Chr. in Italien. Seine Zeit war - ähnlich wie die unsere - eine Zeit des Umbruchs und schneller Veränderungen. Benedikt wollte den durch Irrlehren verunsicherten, durch den Zusam­menbruch der antiken Weltordnung wurzellosen, durch die Völkerwanderungen heimatlosen Menschen einen Weg zeigen, ihren christlichen Glauben unter der Führung des Evangeliums konsequent zu leben - in einer Gemeinschaft, die Kirche im Kleinen ist.

Er konnte für seine Regel auf ältere Re­geln zurückgreifen, die er jedoch gemäß sei­ner eigenen Erfahrung als Mönch und Abt weiterentwickelte, in­dem er eigene Akzente setzte.

Benedikt erwartet von denen, die sich einer Gemeinschaft unter seiner Regel anschließen wollen, dies eine: Sie sollen ihr Leben lang Gott suchen. Das bedeutet für ihn, dass die je eigenen Kräfte des Mönches / der Nonne nicht auf sich selbst und den eigenen Vorteil ausgerichtet sind, sondern auf Gott - und das ganz konkret in der Gemeinschaft mit ihrer Struktur und Litur­gie, ihrer Tagesordnung und den nötigen täglichen Diensten. Denn die Kräfte jeder Einzelnen sollen nicht im Gegenseitigen-sich-Übertrumpfen (und sei es in falsch verstandener Frömmigkeit) vertan werden, sondern im Miteinander unter Regel und Äbtissin für den gemeinsamen Weg in den unendlichen Gott hinein eingesetzt werden.

Benedikt versteht das Klosterleben als Weg, keineswegs als bequemes Nest oder als Rückzugsort. Der Weg ist hart und gerade am Anfang oft eng; daher möchte die Regel die Schritte der Beginnenden leiten, damit am Ende das Herz wahrhaft weit werden kann angesichts der Größe der Liebe Gottes.

Benedikt selbst bezeichnet am Schluss seine Regel als „Regel des Beginnens”, was paradox anmutet. Doch der Fortschritt, den er meint, beruht gerade darauf, sich nach Jahren der Erfahrung und der Reife immer mehr am Anfang des Weges zu wissen.

Grundlage der Regel Benedikts ist die Heilige Schrift, das Buch derer, die Gott suchen. Auf sie verweist seine Regel immer wieder und sie durchzieht und prägt somit alle Momente benediktinischen Lebens.

So suchen wir Gott auf dem Weg, den Gott selbst uns eröffnet hat: in seinem Wort, also der Bibel, und im menschgewordenen Wort, in Jesus Christus. In ihm ist Gott von sich aus auf uns zugegangen und hat uns die Gemeinschaft mit sich ermöglicht. Daher bedeutet Gott suchen: uns aufnehmen zu lassen in die Lebensgemeinschaft mit dem lebendigen Wort. Das Wort Gottes ist in der Schöpfung, im Mitmenschen und vor allem in der Heiligen Schrift zugänglich - in Jesus Christus ist es Mensch geworden.

Weil wir in der ganzen Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testaments dem lebendigen und personhaften Wort Gottes begegnen, ist das Hören auf die Bibel, das immer tiefere Eindringen in sie und das betende Antworten in der Freude des Heiligen Geistes Mitte des Lebens unserer Gemeinschaft und jeder einzelnen Schwester.

Die Regel des hl. Benedikt ist dabei die „Lehrmeisterin”, die uns führt und unsere Schritte leitet. Was sie von anderen Regeln jener Zeit unterscheidet, ist das große Gewicht, das Benedikt einer solidarischen und sich in allem ergänzenden Gemeinschaft beimisst. Für ihn geht es dabei nicht um Gleichmacherei, denn jeder Mönch, jede Nonne ist anders, hat andere Fähigkeiten und braucht unterschiedliche Herausforderungen.

Jedoch ist der Weg zu Gott nicht im Einzelkampf möglich, son­dern gerade das Leben in einer Gemeinschaft (Kirche, Gemeinde, Kloster) gewährleistet das Vorankommen, das Wachsen. Nur gemeinsam können wir das werden, was wir von Gott aus sind und wie er uns gemeint hat: liebenswert und beziehungsfähig.

Die Spiritualität der Regel zielt einerseits auf die end-zeitliche Vollendung in Gott, andererseits auch auf das Nahziel hier auf Erden, die Nachfolge Christi, d. h. ein Leben für Gott und für die anderen. Benedikt sieht dabei sehr deutlich und mit großem Einfühlungsvermögen die Schwierigkeiten und Gefahren eines gemeinschaftlichen Lebens. Seine Regel versucht deshalb, Wege aufzuzeigen, in gegenseitigem Respekt und in der Achtung der Berufung der je anderen eine der Nachfolge Christi entsprechende Lösung zu finden: vom schlichten Ausharren statt sofort wegzulaufen bis hin zu gemeinschaftlichen Lösungsversuchen.

In Bezug auf den Abt bzw. die Äbtissin betont Benedikt dabei vor allem die Verantwortung, die diese für die Gemeinschaft vor Gott haben, und er fordert von den Oberen, sie sollen so leiten, dass sie in allem Vorbild sind.