bedeutet körperliche und geistige Ganzhingabe, vollkommene Konzentration und Aufnahmebereitschaft für Gottes Wort und seine Liebe. Jungfräulichkeit und Keuschheit sind in unserer Zeit sehr missverständliche Begriffe, die Vorurteile wecken wie das der Flucht ins Kloster aus enttäuschter Liebe oder der erzwungenen Ehelosigkeit, "weil die eh keinen Mann abkriegt". Von unserer Realität, so unterschiedlich das Leben der einzelnen vor dem Kloster auch aussah, ist das jedoch weit entfernt. Der Verzicht auf eine Liebesbeziehung zu einem einzigen Menschen kann, wenn es kein erzwungener, bitterer Verzicht ist, sondern eine frei und bewusst getroffene Entscheidung, all unsere Kräfte bündeln, um Gott zu lieben, von dem wir wissen, dass er uns zuerst geliebt hat.. Diese Liebe zu Gott suchen wir als Frauen, die sich ihres Frauseins bewusst sind und die in Freiheit auf Partnerschaft, gelebte Sexualität und Kinder verzichtet haben. Keuschheit ist für uns auch ein ehrfurchtsvoller Umgang miteinander, der unseren ganzen Lebensstil prägen soll, und die achtsame und respektvolle Distanz, die für ein lebenslanges, tagtägliches Zusammenleben mit so vielen auf so engem Raum notwendig ist.

Dies sind wohl sehr missverständliche Begriffe; sie wecken viel­fach Vorurteile wie das der Sexualfeindlichkeit oder das verächtliche Bild der frustrierten alten Jungfer, die keinen Mann abbekommen hat. Von unserer Realität, so unterschied­lich das Leben der einzelnen vor dem Kloster auch aussah, ist das jedoch weit entfernt.

Wenn auf partnerschaftliche Liebe verzichtet wird, bleibt eine “Leer-Stelle”, denn die Liebe zu Gott, der wir im Kloster nichts vorziehen wollen, ersetzt diese Form der menschlichen Liebe nicht. Beides findet auf unterschiedlichen Ebenen statt, denn selbstverständlich können Menschen auch in einer Partnerschaft Gott lieben. Doch die Energie und Kraft, die aus der von Gott geschenkten Liebes- und Beziehungsfähigkeit erwächst, kann durch den Verzicht auf eine Liebesbeziehung zu einem einzigen Menschen auf die Beziehung zu Gott und durch ihn auf alle Menschen gerichtet werden. Das ist dann möglich, wenn dies kein erzwungener, bitterer Verzicht ist, sondern die frei und bewusst getroffene Entscheidung, alle Kräfte, inklusive die der Liebesfähigkeit, auf Gott auszurichten und auch die „Leer-Stelle” und die mit ihr unter Umständen verbundene Trauer und Sehnsucht mit hineinzunehmen in diese Beziehung.

Diese Beziehung suchen wir als Frauen, die sich ihres Frauseins bewusst sind und die sich im Wissen darum, dass sie auf Wertvolles verzichten, gegen Partnerschaft, gelebte Sexualität und Kinder entschieden haben. Doch wir suchen die Beziehung zu Gott auch in dem Wissen, zuerst von ihm geliebt worden zu sein. Gottes Liebe und Annahme ruft die Menschen auf ver­schiedene Weisen und verschiedenen Wegen zu sich, doch nie ohne ihnen ihre Freiheit zu lassen, denn Liebe ohne Freiheit gibt es nicht. Gottes Liebe fördert immer größere Freiheit - was wir dazu tun können, ist für dieses Geschenk offen zu sein. In unserem Leben heißt das, eine ganzheitliche, Körper und Geist umfassende Hingabe, vollkommene Konzentration und Auf­nahmebereitschaft für Gottes Wort und Liebe, die in uns Gestalt annehmen und konkret werden will.

Ehrfurchtsvoller Umgang miteinander und eine gewisse Förm­lichkeit, achtsame und respektvolle Distanz, Konsequenz, Feingefühl, Mäßigung, Treue und Verantwortlichkeit gegenüber sich selbst und dem gewählten Weg sowie Ganzheitlichkeit und Übereinstimmung von geistigem und körperlichem Leben – auch diese Bedeutungen hat für uns Ehelosigkeit und Keuschheit. Dabei muss wahre Keuschheit, anders als der bloße Verzicht auf sexuelle Handlungen, auf großer Ehrlichkeit beruhen, denn es gilt, die eigene Sexualität zu akzeptieren und zu versuchen, sie in das Ganze eines perso­nalen, christ­lichen und klösterlichen Lebens zu integrieren. Auch inner­halb eines mo­nastischen Le­bens müssen die mensch­lichen Bedürf­nisse nach Beziehung, Intimität und Liebe nicht verdrängt werden, können Glück, Freude und Erfüllung erfahren werden. Weit davon entfernt, für Lustfeindlichkeit oder verklemmte Angst vor Körperlichkeit zu stehen, ist so verstandene Keuschheit und Jungfräulichkeit ein selbstbestimmt und konsequent begangener Weg, das eigene Leben ganz und gar als das anzunehmen, was es ist: ein wun­derbares Geschenk Gottes.

Diesen Geschenkcharakter des Lebens weiter zu vermitteln an die nächste Generation ist eine wesentliche Form von Fruchtbarkeit, die auch aus solcher Jungfräulichkeit erwächst. Denn fruchtbar soll jeder Mensch, also auch jede Nonne vor Gott sein – für ihr eigenes Wachstum im Glauben und in der Liebe, für die Mitmenschen und um dem Geschenk Gottes überzeugend Ausdruck zu verleihen. Wenn jede Schwester im Rahmen unserer Gemeinschaft ihre Begabungen und Fähigkeiten entdecken und umsetzen kann, sind wir eine wahrhaft kreative und fruchtbare Gemeinschaft. Dass aus einem Verzicht etwas im Tiefsten wahrhaft Sinn – volles und Fruchtbringendes wird, ist jedoch kein Automatismus, sondern bei aller notwendigen menschlichen Anstrengung immer Gabe Gottes.

Für unsere Lebensform heißt Fruchtbarkeit im Letzten stets: mit unserem ganzen Sein, mit all unserem Tun zu verkörpern, was und an wen wir glauben, und so mit Leib und Seele ein je einmaliger Ausdruck des Göttlichen zu werden.

Und: wenn auch alltagssprachlich Jungfräulichkeit und Keusch­heit im ausschließlich körperlich-biologischen Sinn verstanden werden, ist der eigentliche Sinn ein theologischer: die Kirche, von der wir ein Teil sind, ist ganz zu Christus gehörig, ist ihm in Treue verbunden, und dafür ist unser Leben Zeichen. Die Kirche soll das Wissen um Gottes Existenz, sein Wirken und seine Heilstaten in der Welt wach halten. Jungfräulichkeit ist inner­halb dieses Kontextes ein Zeichen für das Kommen des Reiches Gottes – vollendet in Zukunft, anfanghaft schon jetzt.