Demut ist ein unmoderner Begriff, bei dem es wie beim Gehorsam um die Frage geht: Wo stehe ich? Für Benedikt ist in der Nachfolge Christi die unterste Stelle, d.h. der radikale Dienst anzustreben. In Christus hat sich Gott nicht nur zu uns herabgebeugt, sondern sich auch an unsere Seite gestellt. Er ist Mensch geworden, nicht mit weltlicher Macht ausgestattet, nicht als menschlicher Herrscher, sondern indem er sich klein gemacht hat, damit wir durch ihn groß werden können als Kinder Gottes. So verstanden ist Demut keine Schönfärberei eigener Machtlosigkeit, sondern Ergebnis einer wirklich selbstbestimmten Orientierung am Vorbild Christi. Es ist keine Haltung der Unterwürfigkeit, sondern eine Haltung, die den Blick frei macht auf Gott und durch ihn auf die anderen. Dabei ist Demut für Benedikt keine Tugend, die erworben werden kann, keine Verwirklichung von hochgespannten Idealen, zum Beispiel durch die in einigen Frömmigkeitsformen früher praktizierten "Demutsübungen"; Demut ist eine Erfahrung, in die wir hineinwachsen aus dem Erleben der eigenen Schwachheit und Bedürftigkeit. Damit eröffnet sich uns die Chance, all unsere Erbärmlichkeiten der Barmherzigkeit Gottes zu übergeben und ihn zu bitten, unsere leeren Hände mit seiner Liebe und Gnade zu füllen.

 

Ein Begriff, der bei vielen zunächst wohl eher negative Assoziationen weckt: Unterwürfigkeit, Unmündigkeit, Abgabe der eigenen Verantwortung, Mitläufertum und vieles mehr.

Benedikt fordert Gehorsam jedoch auf einem anderen Hinter­grund: Im Wort steckt „Hören”, und „Hören” ist für ihn immer zuerst das Hören auf Gott. Wo im Gehorsam Gott ausgeblendet oder negiert wird, haben wir es stattdessen mit letztlich kleinen, fehlbaren und längst nicht immer wohlwollenden menschlichen „Befehlshabern” zu tun. Wir müssen entscheiden, wem und wie wir gehorchen wollen - und das schließt uns selber mit ein, denn auch stets nur auf die eigenen Launen, Ideen und Empfin­dungen zu hören, ist nicht immer das, was wirklich gut tut. In jedem Leben, nicht nur dem klösterlichen, stellt sich die Frage: Wem gehorche ich? Im Beruf, im Privatleben? Gehorche ich dem, was die Medien suggerieren, dem was „in” ist - von Kleidung über Schönheitsideale bis zu physischer und psychischer „Wellness”? Dem Druck der Familie, der Bekannten?

Für uns heißt Gehorsam im Umgang miteinander, das persön­liche Streben, die eigenen Ansprüche nicht in den Vordergrund zu stellen, anzunehmen, dass nicht meine Sicht der Dinge oder Situationen die entscheidende ist. So wird immer wieder in all­täglichen Aufträgen oder Bitten wahrnehmbar, dass die Welt sich nicht um mich dreht, sondern dass es das je Größere der Wirklichkeit der Welt und vor allem Gottes gibt. Auch für den Gehorsam ist Christus das Vorbild, und das bedeutet, dass es um die wahre Größe und Freiheit des Menschen geht, auch wenn das Gegenteil der Fall zu sein scheint: das Loslassen-Können vom Kreisen um mich selbst bedeutet, wenn dies in die Größe und Weite Gottes hinein geschieht, letztlich eine größere Freiheit und Einfachheit. Ich muss nicht mehr um jede Entscheidung kämpfen, wenn ich überzeugt bin, auf dem richtigen Weg zu sein. Hier wird deutlich, dass es Benedikt nicht um blinden Gehorsam geht, denn den Willen Gottes, den richtigen Weg zu erkennen, erfordert Aufmerksamkeit und Prüfung.

Gleichzeitig ist Gehorsam auch ein Weg, das zu schenken, was uns oftmals das Kostbarste ist: unsere Zeit. Wenn ich tue, worum eine andere mich bittet oder wozu ich aufgefordert werde, muss ich meine Zeit für eine andere hergeben. Dieses Verfügen-Lassen über meine Zeit, der Verzicht auf eigene Vorstellungen, wie diese Zeit zu nutzen sei, ist oft nicht leicht. Doch es ist eine gute Schule dafür, dass wir letztlich alle alles loslassen müssen und mit dem Tod weder über unsere Zeit, unseren Körper noch unsere Zukunft selbst verfügen können.

Darüber hinaus gehören zur inneren Bestimmung des klösterlichen Gehorsams Aspekte wie Vertrauen, Gemeinschaftsgeist, Beziehungsfähigkeit, Selbstlosigkeit und Gewissensbildung. Gehorsam darf weder bedingungslos gefordert oder erbracht werden, noch darf Gehorsam Ersatz sein für eigenes Denken und Verantwortung.

Diese Spannung fordert uns immer wieder neu heraus. Auch hier gilt, was oben schon geschrieben wurde: Wir erfahren – auch und gerade in Situationen, in denen Gehorsam gefordert wird, - stets neu, dass im Letzten nur Gott uns die Mittel schenkt, die unser Zusammenleben tragen und glücken lassen: die Berufung und die Sehnsucht. Nicht zuletzt für den Gehorsam braucht es Gott als ständigen Bezugspunkt, damit er nicht auf menschlichem Niveau zu etwas Falschem und Menschenunwürdigem wird.

Authentisch und wahrhaftig zu ge - horchen , ist und bleibt ein ganzes (Ordens)Leben lang eine große Herausforderung.