Klösterliche Armut meint in erster Linie Verzicht auf Privatbesitz und gleichzeitig Dankbarkeit für den Reichtum, den Gott uns schenkt. Alles im Kloster ist Geschenk der Gemeinschaft, d.h. keine Schwester verfügt über eigenes Geld, auch Dinge für den persönlichen Gebrauch werden nicht selbst eingekauft, sondern von der Gemeinschaft erbeten. Die Freiheit, die aus dem Loslassen von Besitz und Haben-wollen entsteht, hilft uns verantwortlich mit Dingen und Ressourcen umzugehen. So folgen wir Jesus und ahmen das Vorbild der christlichen Urgemeinde nach, in der die Gläubigen alles teilten, was sie besaßen.

 

Klösterliche Armut ist nicht deckungsgleich mit dem, was im Allgemeinen unter Armut verstanden wird. Armut im Sinn von Hunger, Durst, mangelnder medizinischer Versorgung und Bildung, Armut als Folge von sozialer Ungerechtigkeit, Unter­drückung und Ausbeutung, Kriegen oder Katastrophen ist Un­recht und Leid, das Menschen gegen ihren Willen zugefügt wird. 

Unsere Armut dagegen ist ein selbstgewählter Verzicht, sie ist Beschränkung auf das Notwendige und in erster Linie eine Armut in der Verfügbarkeit. Insofern können wir mit den Armen im allgemeinen Sinn nur solidarisch sein und versuchen mit ihnen zu teilen.

Auch im Vergleich der Klöster untereinander ist Armut relativ: je nach dem, was der Vergleichspunkt ist - andere Klöster in Deutschland oder ein Kloster z.B. in der Ukraine - sind wir ärmer oder reicher.

Klösterliche Armut ist für uns in erster Linie Dankbarkeit für den Reichtum, den Gott uns schenkt. Um uns dies immer wieder vor Augen zu führen, ist alles im Kloster Geschenk der Gemein­schaft: keine Schwester verfügt über eigenes Geld, auch Dinge für den persönlichen Bedarf werden nicht selbst eingekauft, sondern erbeten. Auch dass wir nicht selbst entscheiden können, an welchem Sonntag es ein Stück Kuchen oder an welchem Hochfest es ein Glas Wein zum Essen gibt, verdeutlicht, dass diese Dinge - der relative „Luxus”, aber eben auch der Bleistift - nicht Privateigentum sind. Die Freiheit, die aus dem Loslassen-Können von Besitz und Haben-Wollen entsteht, bedeutet nicht lustlose oder neidvolle Entsagung, sondern das Loslassen-Können macht oft die Dankbarkeit und Freude gerade über die kleinen Dinge im Alltag erlebbar. Gleichzeitig soll der verant­wortungsvolle Umgang mit allen Dingen, eben weil es nicht die eigenen sind, in einer konsumorientierten Welt ein Zeichen für einen anderen Umgang mit Besitz und Ressourcen wie Wasser, Energie oder Lebensmitteln sein.

Nach innen, auf einer geistigen Ebene, bedeutet diese Form der Armut und des Verzichtes, dem Vorbild Jesu sowie der christ­lichen Urgemeinde nachzufolgen. In diesem Sinn geht klösterliche Armut tiefer als nur Haben und Beanspruchen: es heißt, zu teilen und sich mit der Anderen zu freuen, wenn sie bekommt, was sie braucht.

Darüber hinaus spielen für uns weitere Aspekte in unsere klösterliche Armut mit hinein, die unter Begriffen wie Einfach­heit, Uneigennützigkeit, Verzicht auf Macht, Einfluss und sozia­len Status, Großherzigkeit, Gelassenheit und Zufriedenheit, Leichtigkeit und Offenheit zu fassen sind.

So verstanden ist Armut im Kloster weder Geiz und Missgunst „von oben“ noch Genussfeindlichkeit oder mürrisch ertragener Verzicht „von unten“. Sie ist ein Ausdruck und wesentliches Element der Zeichenhaftigkeit unserer Lebensform.