Vortrag von Äbtissin Sr. Dr Christiana Reemts OSB anlässlich der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz 2014

Die Feier der Eucharistie und die Leitung der Kirche

Sehr geehrte Bischöfe, sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe die große Ehre, heute morgen zu Ihnen über die Feier der Eucharistie zu sprechen. Ich kann Ihnen sicher nichts wirklich Neues sagen, aber ich will versuchen, einige Punkte anzusprechen, die mir im Zusammenhang mit unserem Dokument wichtig zu sein scheinen.

1. Eucharistie als Aktualisierung der Taufberufung

Wir Christen leben aus dem Ruf, der in der Taufe an uns ergangen ist. Dieser Ruf ist ein Ruf zur Heiligkeit, nicht zu einer moralischen Heiligkeit, die wir aus eigener Kraft verwirklichen könnten, sondern zu der von Gott geschenkten Heiligkeit der Kinder Gottes. Um es anders auszudrücken: die Taufe beruft uns zum Leben in Christus und schenkt uns als Glieder an seinem Leib zugleich die Möglichkeit, uns mit den Gaben, die der Geist in uns wirkt, in diesen Leib einzubringen. Wir sind nicht nur passive Empfänger der Wohltaten Gottes, sondern durch seine größte Gabe, die Freiheit, berufen, mitzuwirken an der Erlösung der Welt. Darin besteht unsere Würde und unser Auftrag.

 

Wir sind frei und das bedeutet auch, dass Gott immer wieder unser Ja erfragt. Wir sind zwar durch die Taufe ein für allemal in Christus hineingenommen, wir haben das unauslöschliche Merkmal empfangen, das die Taufe verleiht, aber wir müssen unsere Taufe auch ständig aktualisieren und unsere Verbindung mit Christus, die von ihm aus unverbrüchlich ist (vgl. Röm 11,29), unsererseits erneuern. Unser Ja wird, da wir zeitliche Wesen sind, in der Zeit gesprochen; wir können es nicht wie die Engel ein für allemal sagen, es ist ein Ja im Prozess, das erst im Tod „end-gültig" im wahrsten Sinne des Wortes wird. Ohne ständige Erneuerung wird unsere Verbindung mit Christus auf Dauer „leblos", ja sie stirbt ab. Das ist ein Prozess, der schleichend vor sich geht, den wir aber leider bei vielen Christen beobachten.

Die Verbindung mit Christus wird in der Eucharistie, im Hören und Annehmen seines Wortes und im Essen seines Leibes und Trinken seines Blutes, immer wieder erneuert. Christus ist das Lebensprinzip jedes Getauften; nur in Gemeinschaft mit ihm leben wir wirklich. Im Johannesevangelium sagt er uns: „Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen" (Joh 15,5). Dazu erklärt der heilige Augustinus, dass es mit Absicht heißt: „nichts", denn auch wenn wir oft meinen, ohne Christus handeln zu können oder uns zumindest so verhalten, als könnten wir es, bleibt dieses harte und ganz ernst zu nehmende Wort bestehen, dass ohne ihn, d.h. ohne eine lebendige, aus der Eucharistie genährte Verbindung mit ihm, nichts in der Kirche (und letztlich auch nichts in der Welt) geschehen kann, was wirklich fruchtbar ist. Erst wenn unser Leben so in Christus einbezogen ist, so dass wir mit Paulus sagen können: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,20), kann es Frucht bringen. Wer nicht an der Eucharistie teilnimmt, der gehört zwar durch die Taufe zum Leib Christi, er hat aber, da er sich nicht vom Fleisch und Blut Christi ernährt, keinen wirklichen Anteil am Lebensstrom der Kirche. Einem solchen Menschen fehlt bei aller möglicherweise vorhandenen weltlichen Einsicht die Fähigkeit, geistlich zu denken und zu handeln. Vielleicht ist es heute ein Problem unserer Kirche, dass es zu viele solcher Menschen in ihr gibt.

In diesem Zusammenhang scheint es mir wichtig, oft gehörte Texte aus Lumen Gentium neu zu hören und vielleicht etwas anders zu betonen. In Lumen Gentium heißt es, dass die Eucharistie „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens"1 ist. Meines Erachtens wird zu oft betont, dass sie Höhepunkt ist, und zu wenig, dass sie Quelle ist. „Höhepunkt" evoziert das Bild eines Berges, den man gelegentlich der schönen Aussicht wegen besteigt, auf dem man aber nicht wohnt und der für das Alltagsleben mit seinen Entscheidungen keine große Rolle spielt. Wenn dagegen gesagt wird, dass die Eucharistie „Quelle des ganzen christlichen Lebens ist", wird deutlich, dass es überhaupt kein christliches Leben gibt, das nicht aus der Eucharistie entspringt. Dabei geht es nicht darum, eine möglichst flächendeckende Versorgung mit Eucharistiefeiern sicher zu stellen. Viel wichtiger ist die Frage, wie wir die Eucharistie so feiern können, dass ihr eigentlicher Charakter für die Kirche und in der Kirche wieder erfahrbar wird.

2. Sich selbst darbringen

In Lumen Gentium heißt es: „In der Teilnahme am eucharistischen Opfer, der Quelle und dem Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens, bringen sie (= die Gläubigen) das göttliche Opferlamm Gott dar und sich selbst mit ihm"2 und in Sacrosanctum Concilium hören wir, dass die Gläubigen „sich selber darbringen lernen" sollen3. Das ist eine große Forderung, denn die Aufgabe, die uns Christen, Priestern wie Laien damit gestellt ist, lautet: Priester sein (wir sollen darbringen) und zugleich Opfergabe sein (wir sollen uns darbringen). In diesem Tun dürfen wir Christus nachfolgen, von dem es in einer der Präfationen der Osterzeit heißt: „Er ist zugleich Priester, Altar und Opferlamm". Auch wir, die wir mit ihm zusammen den „ganzen Christus"4 bilden, sollen zugleich Priester, Altar und Opferlamm sein.

Insofern könnte man mit dem gleichen Recht wie von einem „gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen" von einem „gemeinsamen Altarsein aller Gläubigen" oder einem „gemeinsamen Opfergabesein aller Gläubigen" sprechen. Auf diesen letzten Gedanken möchte ich im Folgenden etwas eingehen, weil er mir sowohl für die Taufberufung aller Gläubigen und das sich von ihr herzuleitende gemeinsame Priestertum als auch für den Dienst der Leitung einige Impulse zu enthalten scheint. Meine These dabei lautet, dass christliches Leben genau darin besteht, sich in die Hingabe Christi, d.h. in sein Opfer einbeziehen zu lassen, und dass Leitung bedeutet, hier voranzugehen und zu helfen.

Doch was meint der Begriff Opfer oder Opfergabe im christlichen Verständnis? Sicher nicht wie in anderen Religionen eine Gabe, mit der Menschen versuchen, auf Gott einzuwirken, um etwas von ihm zu bekommen. Der heilige Augustinus definiert: „Ein wahres Opfer ist alles, wodurch bewirkt wird, dass wir in heiliger Gemeinschaft Gott anhangen"5. Beim Opfer geht es also um die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, eine Gemeinschaft, die nicht von uns Menschen gemacht, ja noch nicht einmal gewollt werden kann, sondern die Gott aus freier Liebe schenkt. Er tut es, indem er sich selbst in Christus zur Gabe für uns macht.

Die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch wird ermöglicht durch die Hingabe des Vaters, der seinen Sohn der Welt schenkt und durch die Hingabe des Sohnes, der nichts anderes kennt als den Willen des Vaters. In diese göttliche Hingabe darf die Kirche eintreten. Sie hat kein eigenes Opfer anzubieten, aber sie darf sich einbeziehen lassen in das Opfer Christi, in dem sie mit Gott verbunden wird und dadurch die große Aufgabe hat, auch andere - letztlich die ganze Welt - mit Gott zu verbinden. Nochmal: „Ein wahres Opfer ist alles, wodurch bewirkt wird, dass wir in heiliger Gemeinschaft Gott anhangen". Allerdings können wir Christen, anders als Christus, der sich ein für allemal geopfert hat (vgl. Hebr 7,27; 10,10), nur nach und nach zu einer Gabe werden, d.h. wir müssen in der Zeit erst werden, was wir in Christus bereits sind.

Wir beten daher im 3. Hochgebet: „Er mache uns auf immer zu einer Gabe, die dir wohlgefällt" und im 4. Hochgebet: „Gib, dass alle, die Anteil erhalten an dem einen Brot und dem einen Kelch... eine lebendige Opfergabe [werden] in Christus zum Lob deiner Herrlichkeit." Wichtig scheint mir auch hier, dass wir auf die Zeitdimension achten: Wir beten darum, etwas zu werden, wobei implizit gesagt ist, dass wir es noch nicht sind. Wir bitten darum, verwandelt zu werden: Von Menschen, die ihre eigenen Wege gehen, in Menschen, die in Christus leben und seinen Weg mitgehen.

Für die Feier der Eucharistie bedeutet das: Man bekommt in ihr nicht nur etwas, sondern man gibt auch etwas, nämlich sich selbst, und d.h. man hat in dem Maße an Christus Anteil, als man sich in seine Lebenshingabe einbeziehen lässt6. Wir geben in der Eucharistie keine Gabe, die außer uns selbst liegt, sondern wir lassen uns in den Leib Christi aufnehmen. Damit gehören wir nicht mehr uns selbst, sondern Gott, wir sagen ja dazu, dass er über uns verfügen kann. Das ist leicht gesagt und einfach niedergeschrieben, aber im Alltag ist diese Lebenshingabe eine Lebensaufgabe. Wie oft wird das den Gläubigen verkündet? Ich fürchte nicht allzu oft.

3. Wandlung - Verwandlung

Papst Leo der Große schrieb im 5.Jh.: „Unsere Teilhabe an Christi Leib und Blut bewirkt nichts anderes, als dass wir in das verwandelt werden, was wir essen, und den beständig in unserem Geist und Leib tragen, mit dem wir gestorben, begraben und auferstanden sind"7. Dieser Gedanke ist keine Einzelmeinung eines Theologen der Alten Kirche, sondern findet sich häufig in den Gabengebeten und in den Gebeten nach der Kommunion. Einige Formulierungen aus diesen Gebeten möchte ich in einer eigenen, bewußt sehr wörtlichen Übersetzung zitieren:

Die Kirche bittet darum, dass in der Eucharistiefeier „unsere Erlösung wirklich vollzogen wird"8. Wie soll das geschehen? Dadurch, dass „am ganzen Leib der Kirche vollzogen wird, was zuvor an ihrem Haupt geschehen ist"9, dass sie nämlich „zur ewigen Gabe gemacht wird"10 und „eins gemacht in Christus in Freude Frucht bringen darf für das Heil der ganzen Welt"11. In der Eucharistie findet ein sacrum commercium - ein heiliger Austausch zwischen Gott und Mensch - statt, der darin besteht, „dass wir dir darbringen, was du geschenkt hast, und wir so dich selber empfangen dürfen"12. Wir bitten darum, dass „wir als Glieder am Leib Christi in Wahrheit das sind, was wir im Sakrament empfangen haben"13. Dadurch „gehen wir immer mehr in das über, was wir empfangen"14. Ja, unsere Liturgie wagt sogar sehr kühn zu bitten: „Da du uns den Leib und das Blut deines Sohnes als Speise gibst, gewähre uns auch Anteil an seiner göttlichen Natur"15.

Eucharistie besteht nicht darin, dass wir mehr oder weniger staunend zusehen, wie jemand anders - Christus - eine wunderbare Verwandlung vollbringt, oder anders ausgedrückt: als Gläubige dabeizusein, wenn ein Priester mit „Zauberworten" Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelt, auch nicht darin als Priester selbst die Wandlung zu bewirken, sondern wir alle (Priester und Laien) sollen in der Eucharistie unsere eigene Wandlung zulassen. In der Eucharistie bringt sich die Kirche Gott dar und bittet darum, er möge sie annehmen und mit dem Leben seines Sohnes verbinden, ja man könnte pointiert sagen, dass der Leib Christi darum bittet, wirklich in den Leib Christi verwandelt zu werden. Augustinus erklärt: „Wenn du also verstehen willst, was der Leib Christi ist, dann höre auf den Apostel. Der sagt den Gläubigen: 'Ihr aber seid Christi Leib und Glieder' (1 Kor 12,27). Wenn ihr selbst also Leib Christi und seine Glieder seid, dann liegt euer eigenes Geheimnis auf dem Altar: Ihr empfangt also euer eigenes Geheimnis. Auf das, was ihr seid, antwortet ihr 'Amen'. Und durch diese Antwort leistet ihr eine Unterschrift. Du hörst nämlich: 'Leib Christi', und du antwortest: 'Amen'. Sei darum ein Glied des Leibes Christi, damit dein Amen wahr ist"16.

Diese Wandlung können wir nicht "machen", weder mit moralischen Höchstleistungen noch mit religiösen Übungen, wir sind aber auch nicht rein passive Empfänger dessen, was Gott an uns wirkt, sondern er will, dass wir mitwirken, indem wir unsere eigene Verwandlung zulassen17. Dieser Gedanke ist biblisch, denn immer entspricht dem göttlichen Handeln in der Bibel ein menschliches Geschehen-lassen, das Sprechen eines Fiat. Ohne das Fiat Mariens wäre der Sohn Gottes nicht Mensch geworden, ohne unser Fiat kann Christus uns nicht in sein Leben aufnehmen. Johannes Paul II. sagt in seiner Enzyklika Ecclesia de Eucharistia: „Es besteht daher eine tiefgehende Analogie zwischen dem Fiat, mit dem Maria auf die Worte des Engels geantwortet hat, und dem Amen, das jeder Gläubige spricht, wenn er den Leib des Herrn empfängt"18.

Während wir die irdische Nahrung in unseren Körper verwandeln, verwandelt die Eucharistie uns in den Leib Christi. Und dieser Leib gibt sich hin für die vielen, für das Heil der ganzen Welt. Das bedeutet für unser christliches Selbstverständnis, dass wir, wie Lumen Gentium sagt, obwohl „eine kleine Herde... für das ganze Menschengeschlecht die unzerstörbare Keimzelle der Einheit, der Hoffnung und des Heils" sind19. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir, wenn wir Eucharistie feiern, Himmel und Erde, Gott und Mensch verbinden und damit einen Dienst leisten, den die Welt dringend braucht. Eucharistie ist nicht nur etwas, was die aktuell Feiernden schön finden oder für ihr seelisches Wohlbefinden zu benötigen meinen, sondern der größte Dienst, den wir Christen unseren Mitmenschen leisten können, wichtiger als alles andere. Wenn all unsere kirchlichen Einrichtungen und Veranstaltungen wegfielen und nur noch drei Gläubige übrigblieben, die am Sonntag die Messe feierten, gäbe es in Deutschland Kirche.

Vielleicht klingt das alles in Ihren Ohren etwas weltfremd. Sind die Probleme nicht ganz andere? Doch eines der aktuellen Probleme, nämlich die Tatsache, dass es in Zukunft immer weniger Eucharistiefeiern geben wird, könnte vor diesem Hintergrund einmal anders, wie ich meine, positiver gesehen werden: Gott nimmt der Kirche die vielen Eucharistiefeiern und ermöglicht ihr dadurch, neu zu fragen, was sie in der Eucharistie eigentlich tut. Er gibt uns durch die selteneren Eucharistiefeiern Zeit zu fragen: Will und kann ich auf die Spendeformel „Leib Christi" im vollen Ernst mit „Amen" antworten? Und er lässt uns nach jeder Eucharistiefeier Zeit, dieses Amen in unserem Leben auch wahr werden zu lassen.

4. ... und die Leitung der Kirche

Was bedeutet das nun für den Dienst der verschiedenen Formen von Leitung? Ich möchte hier bewusst ganz allgemein von „Leitung" sprechen. Dabei ist die priesterliche Leitung eingeschlossen, aber nicht exklusiv gemeint, denn es geht mir an dieser Stelle nicht um die Leitung der Eucharistiefeier selbst, sondern um jede Art von Leitung, die aus dem Auftrag Christi heraus geschieht. Denn in unserer Kirche gibt es viele Arten von Leitung und sie alle stehen unter dem Anspruch Christi: „Wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein" (Mk 10,44). Mit anderen Worten: Wer in der Kirche leiten will, muss vor allem darin vorangehen, sein Leben in der Nachfolge Christi zu einer Opfergabe machen zu lassen und bereit sein, sich verwandeln zu lassen.

Wollen wir eine Opfergabe sein? Wollen wir diese Wandlung? Sich das zu fragen, scheint mir für alle Gläubigen wichtig, besonders aber für Menschen, die in der Kirche eine Lei­tungsaufgabe haben, denn man kann in unserer Kirche meines Erachtens nur leiten, wenn man auf diese Frage mit Ja antwortet. Ich sage das mit aller Vorsicht und sogar mit einer gewissen Sorge, ja Angst, denn der Anspruch ist sehr groß und ich weiß, dass ich selbst ihm oft nicht gerecht werde. Aber ich bin dennoch sicher: Eine Leitung in der Kirche, die nicht vor allem im Mitgehen auf dem Weg, der Christus selbst ist, besteht, ist verfehlt, selbst wenn sie vieles optimal organisiert.

Es kann in der Kirche verschiedene Formen von Leitung geben, die man mit einem Bild als „der Herde vorangehen", „der Herde folgen" und "mitten unter der Herde sein"20 beschreiben kann. Ein Hirt geht seiner Herde voran, wenn er ihr die Hingabe vorlebt. Nicht als asketische Leistung, sondern eher in einer Gebärde des Sich-Zurücknehmens, der Kenosis, auch z.B. durch Annehmen der eigenen Armut und Schuld, im demütigen Akzeptieren der eigenen Grenzen, des eigenen Mittelmaßes, im Sklave-aller-sein. In all dem gehen wir der Herde voraus und zeigen ihr den Weg. Man leitet aber auch und das ist die zweite Form, indem man der Herde folgt, d.h. indem man diejenigen wahrnimmt, die schon weiter sind als man selbst. Menschen, die von Christus mit der Aufgabe zu leiten, beauftragt wurden, sind nicht unbedingt heiliger, demütiger, näher bei Christus als alle anderen, aber sie sind diejenigen in der Kirche, von denen verlangt ist, Heiligkeit, Demut und Christusnähe bei den anderen wahrzunehmen. Dazu braucht es das, was Paulus das „Gesinntsein wie Christus Jesus" (Phil 2,5) nennt, denn nur dadurch ist ein neidloses Erkennen der Charismen anderer möglich, ohne das Kirche nicht aufgebaut wird. Jeder Hirt, der unter dem Hirten Christus seinen Dienst tut, muss sowohl vorangehen als auch folgen und gleichzeitig immer wieder die dritte Form der Leitung ausüben, nämlich mitten unter der Herde zu sein, um zu wissen, was sie bedrängt und zu hören, worüber sie spricht.

Leitung in der Kirche bedarf der ständigen Rückbindung an Christus, den eigentlichen Hirten der Kirche. Nach Gregor dem Großen besteht sie in einem ständigen Wechsel von Ausgesandt-Werden und Zurückkehren zum Sendenden. Leitende sind wie Flüsse, die die Kirche bewässern sollen. Sie haben kein eigenes Wasser, sondern empfangen ihr Wasser von Gott und „bewässern" damit die anderen. Um ein solcher Fluss zu sein, dürfen wir selbst nicht vertrocknen, d.h. wir können auf Dauer nur dann für andere fruchtbar sein, wenn wir selbst immer neues Wasser in uns aufnehmen21. Sonst besteht die Gefahr, dass wir nicht mehr das Wasser der Quelle Gottes zu den Menschen leiten, sondern unsere eigenen Bäche. Daher muss, wer in der Kirche Leitungsaufgaben übernimmt, immer mehr aufhören, als Privatperson zu handeln, er muss sein Glied-am-Leib-Christi-Sein lieben lernen als Teil des „nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,20). Denn darin genau unterscheiden sich Heilige und Sünder: Der Sünder lebt auf eigene Rechnung, der Heilige lebt „durch Christus, mit Christus und in Christus". Doch wer von uns ist schon heilig? Über Bischöfe kann und will ich nichts sagen, aber von uns anderen kann ich wohl behaupten, dass wir immer nur teilweise „in Christus" sind, uns nur teilweise hingeben und daher auch nur teilweise wirklich leiten können.

Denn Leben in Christus ist zwar Freude und Fülle, es schenkt uns eine große Hoffnung und die Möglichkeit wirklich zu lieben, aber es bedeutet gleichzeitig Verzicht auf das, was wir Sünder Leben und Fülle nennen. Wandlung, unser Denken erneuern, denken, was Gottes ist (vgl. Röm 12,2), bedeutet immer auch, sein Leben verlieren" (Mt 16,24). Eucharistie heißt auch, dem Kreuz zuzustimmen, dem Kreuz nicht als Wandschmuck, sondern in seiner ganzen Grausamkeit, als der Art, wie Gott die Welt durch den Tod hindurch erlöst und wohin er auch uns führt. Es bedeutet, etwas anzunehmen, was in keiner Weise unseren eigenen Wünschen entspricht. Wir sind in jeder Eucharistiefeier eingeladen, unser Leben in Gott hinein zu verlieren, um es bei ihm zu gewinnen, aber machen wir uns nichts vor, wir spüren den Verlust und oft nehmen wir uns im Alltag wieder vom Altar. Dass wir Opfer oft eher mit Leid, Tod und Zerstörung als mit Hingabe und Verwandlung in Verbindung bringen, ist daher nicht völlig falsch, denn für den sündigen Menschen geht der Weg zum Vater durch den Tod hindurch, oder anders gesagt: für uns ist Hingabe immer auch schmerzhaft.

Ich komme zum Schluss: Alle Glaubenden sind Priester und berufen, sich in das Opfer Christi hineinnehmen zu lassen, sich hinzugeben und verwandeln zu lassen. Darin müssen diejenigen, die in der Kirche leiten, vorangehen. Die Eucharistie ist keine Tankstelle, an der wir Kraft erhalten für die Aufgaben, die wir selbst uns gesetzt haben, sondern sie ist der Ort, wo wir uns loslassen, uns hingeben und das, was daraus wird, einen anderen bestimmen lassen. Leitung besteht ganz wesentlich darin, zu vermitteln, dass nicht wir den Weg bestimmen, sondern dass unsere Lebensaufgabe Hinterhergehen heißt.

Mariendonk, 09.09.2014 Äbtissin Dr. Christiana Reemts OSB