Essay von Herrn Jochen Maaz, April 2015

Opfer oder Erlöser? - Gedanken zur Opfertheologie

Im kirchlichen Sprachgebrauch wird Jesu Tod am Kreuz häufig als „Opfer" bezeichnet. Jesus ist das „Opferlamm". Jesus opfert sich, um die „Sünden der Welt" hinwegzunehmen.

Wenn man an die heidnischen Opferkulte denkt, dann brachten die Menschen damals den Göttern Opfer dar, um sie gnädig zu stimmen. Die Menschen hatten wohl immer irgendwie das Gefühl, mit ihrem Tun und Handeln möglicherweise ihren Gott oder ihre Götter zu beleidigen. Ein permanentes Schuldgefühl verlangte danach, mit Opfern den Göttern Genugtuung für den eigenen oder kollektiven Verstoß gegen deren Willen zu leisten. Auch konnten die menschlichen Werke und ihr Glanz möglicherweise den Neid der Götter erregen, der dann mit Opfern besänftigt werden musste.

 

Opfer wurden im Alten Testament auch Jahwe, dem Gott Israels, dargebracht. Aber welche Opfergaben wären dem Schöpfer des Himmels und der Erde angemessen? Jahwe selbst schätzte diesen blutigen Kult offenbar nicht: „Was soll ich mit euren vielen Schlachtopfern? Spricht der Herr. Die Widder, die ihr als Opfer verbrennt, und das Fett eurer Rinder habe ich satt; das Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke ist mir zuwider." (Jes 1, 11) Was Jahwe dagegen fordert, ist Umkehr: „Wascht euch, reinigt euch! Lasst ab von eurem üblen Treiben! Hört auf, vor meinen Augen Böses zu tun." (Jes 1, 16)

Eine Zäsur des überlieferten Opferdenkens der Israeliten geschah durch das Auftreten Jesu, der von sich sagte, er sei Gottes Sohn. Er kehrte mit seiner Botschaft den herkömmlichen Opfergedanken geradezu um: Er, der Sohn Gottes, bot sich selbst den Menschen sozusagen als „Opfergabe" an: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.... Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm." (Joh 6, 54 –56) Jesu Worte sind für seine Zuhörer eine Zumutung. Noch nie hat ein Mensch so über sich gesprochen. Viele seiner Jünger sind irritiert, können das, was sie eben gehört haben nicht verstehen, empfinden es als unerhörte Anmaßung und ziehen sich von Jesus zurück.

In der Tat – Jesu Rede stellt den überkommenen Opfergedanken und –sinn auf den Kopf: Nicht der Mensch bringt Gott ein Opfer dar, sondern der menschgewordene Gott bietet sich selbst den Menschen als „Gabe" dar.

Ein solches Angebot enthebt den Menschen der Notwendigkeit von blutigen Opferritualen. Gott muss durch sie nicht „gnädig" oder „versöhnlich" gestimmt werden. Durch sein eigenes Opfer bietet er dem Menschen gewissermaßen auf leibhaftige Weise an, an seiner Göttlichkeit teilzunehmen. Ein für Menschen unfassbares Angebot!

Aber ist dieses Teilhabeangebot Jesu wirklich als –umgekehrtes – Opferangebot Gottes an die Menschen zu verstehen?

Wenn von Jesus als „Opferlamm" gesprochen und sein Tod als „Opfertod" angesehen wird, so ist doch zu fragen, wem dieses Opfer dargebracht wird und zu welchem Zweck.

Wenn Jesus Gottes Sohn ist und Gott als Dreieiniger aufgefasst wird, dann wäre es ein absurder Gedanke, dass sich Gott selbst zum Opfer darbringen lässt. Welche „Genugtuung" für ihn sollte dadurch gewährleistet sein?

Auch die Aussage, dass Jesus, der Sohn Gottes, für die Sünden der Welt geopfert wurde bzw. dass er als Opferlamm die Schuld der ganzen Menschheit auf sich geladen und sie somit gesühnt hat, wirft Fragen auf. Die Welt, die Menschheit, hat nach Jesu Tod bis heute ungeheure Gebirge von Schuld aufgehäuft: Sind auch sie vor 2000 Jahren – etwa im Vorgriff – gesühnt worden? Können die monströsen Verbrechen des 20. Jahrhunderts – der Holocaust, der Stalin-Terror – jemals gesühnt werden? Müssen die Nachfahren der Täter nicht einfach mit dem Bewusstsein der Schuld ihrer Vorfahren leben? Auch das Inferno von Hiroshima und Nagasaki ist und bleibt – trotz abgründiger Versuche es zu rechtfertigen – als unauslöschlicher Schuldkomplex der Verursacher bestehen.

Die Sünde ist auch durch den Tod Jesu nicht aus der Welt verbannt worden, denn der Mensch ist Mensch geblieben: unvollkommen, schwach, vom Bösen korrumpierbar – eben sündhaft. Und wenn gesagt wird, durch Jesu Kreuzes(opfer)tod sei die Menschheit mit Gott versöhnt worden, so ergibt das auch eine seltsame Logik: Gott wird durch den Opfertod Gottes (seines Sohnes) mit sich selbst versöhnt? Kann die Aussage, dass Gott selbst seinen eigenen Sohn „hingegeben", an menschliche Henker „ausgeliefert" hat, den Kreuzestod Christi als „Opfertod" hinreichend erklären?

Jede theologische Begründung von Jesu Tod als Opfertod kommt nicht an dem aus der Antike überkommenen Opferbegriff vorbei: Den Göttern bringt der Mensch ein Opfer dar – ob blutig oder nicht – um die von ihm Beleidigten gnädig zu stimmen. Für die unausweichlichen neuen Beleidigungen müssen dementsprechend neue Opfer gebracht werden. Ein universales und end-gültiges Opfer für alle Zeiten kennt dieser Opferbegriff nicht, noch viel weniger einen Gott, der sich selbst als Opfer von Menschen darbringen lässt.

Und doch hat sich bis in unsere Zeit die Opfertheologie in der Christenheit erhalten. Die sakralen Kunstwerke in vergangenen Jahrhunderten stellen in oft recht drastischer Weise die Passion Christi dar. Es ist eine Fixierung und Fokussierung des Lebens Jesu auf sein Leiden und Sterben nicht zu übersehen – und zwar durchaus im Sinne eines Geopfertwerdens. Jesus ist das „Lamm Gottes", das zur „Schlachtbank" geführt wird. Künstler können sich nicht genug tun, das grausige und brutale Geschehen des Verurteilungs- und Hinrichtungsprozesses dem Betrachter anschaulich vor Augen zu führen. Die Details der Folter gewinnen sogar ein Eigenleben: Da werden - als Bild oder als Skulptur – die heiligen durchbohrten Hände und Füße, die heilige Seitenwunde, ja sogar die heiligen Nägel den Gläubigen zur Verehrung oder Anbetung dargeboten. Ebenso sind es die vielen religiösen Texte – theologisch oder erbaulich – die oft nahezu obsessiv auf das Leiden des Gottessohnes ausgerichtet sind, das Martyrium, die Qualen Jesu geradezu zum Selbstzweck machen: Seht her, so viel und so entsetzlich musste Jesus leiden. Wozu musste er so unendlich leiden? Um die Menschen mit seinem unschuldig vergossenen Blut von deren Sünden reinzuwaschen und ihre Schuld zu tilgen. Durch diesen „Opfergang" hat Jesus die schuldige Menschheit wieder mit Gott versöhnt. Das ist Opfertheologie pur. Sie wird vom Apostel Paulus so definiert: „Ihn hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten mit seinem Blut" (Röm 3, 25) Diese Theologie wurde dann auch auf den Begriff „Nachfolge Christi" übertragen. Sein Kreuz auf sich nehmen heißt in diesem Sinn: Christsein bedeutet im wesentlichen leiden. Leiden unter Krankheiten, leiden unter Verfolgung und Folter, leiden unter Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Verleumdung. Je bereitwilliger, ja geradezu sehnsüchtiger der Christ das alles – und zwar seiner Sünden wegen – auf sich nimmt, umso wohlgefälliger ist er Gott. Er wird dadurch dem leidenden Christus ähnlicher. Man kann den Eindruck gewinnen, dass Gott eine besondere Freude am gebeugten und beschädigten Menschen hat. Dabei hat Gott selbst sein Wohlgefallen an seinem heilen und unversehrten Sohn geäußert: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe." (Matt 3, 17) Auch Jesus will nicht nur die Gesundung der Seele, wie seine Dämonenaustreibungen zeigen, sondern auch durchaus die Heilung von körperlichen Leiden: So heißt es bei Matthäus 15, 30: „Da kamen viele Menschen und brachten Lahme, Krüppel, Blinde, Stumme und viele andere Kranke zu ihm; sie legten sie vor ihn hin und er heilte sie." Bei Markus 6, 56 wird berichtet: „Und immer, wenn er in ein Dorf oder eine Stadt oder zu einem Gehöft kam, trug man die Kranken auf die Straße hinaus und bat ihn, er möge sie wenigstens den Saum seines Gewandes berühren lassen. Und alle , die ihn berührten, wurden geheilt." Jesus heilt sogar am Sabbat, was die Pharisäer so in Rage bringt, dass sie beschließen, Jesus zu töten (Mat 12, 9 – 14)

Die Leidenstheologie findet ihre Konkretion auch in Heiligenlegenden und –biografien. Die Frage, inwieweit bei manchen „Leidensheiligen" auch psychische Fehlentwicklungen oder psychosomatische Phänomene erkennbar sind, stößt dann wohl auf erbitterte Ablehnung bei den Vertretern der Opfertheologie.

Ist aber diese Theologie wirklich stringent biblisch begründbar? Hat Jesus selbst ein Opferdenken geoffenbart oder gefordert?

Bei Hosea lesen wir: „Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer." (Hos 6,6 )

Jesus selbst entgegnet den Pharisäern, als sie sich darüber mokieren, dass er im Haus des Zöllners Matthäus zusammen mit anderen Zöllnern und Sündern zu Tische sitzt: „Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer." (Matt 9, 13)

Jesus bezieht sich auf die Schrift, in der Gott, sein himmlischer Vater, ausdrücklich vom Menschen barmherziges Denken und Handeln, nicht aber Opfer fordert.

Warum sollte Gott dann von seinem Sohn die blutige Selbstaufopferung fordern als Sühne für menschliches Versagen und Fehlverhalten?

Wenn wir im Johannes-Evangelium lesen, dass Gott die Menschen so sehr geliebt hat, dass er seinen Sohn Mensch werden und sich menschlichem Schicksal mit all seinen Bedingungen unterwerfen ließ, dann ist die Menschwerdung Gottes ein reiner Akt göttlicher Liebe. Die Liebe Gottes ist ihrem Wesen nach aber bedingungslos, sie ist weder auf irgendwelche Vorleistungen angewiesen noch von irgendwelchen Bedingungen abhängig. Sie ist vollkommen frei. Sie bedarf keiner Sühneleistung, keines Opfers, um wirksam zu sein. Allen, die sich um Gotteserkenntnis bemühen (siehe Hosea 6, 6), d.h ., die sich von Gottes Liebe berühren und erfüllen lassen, vergibt er auch ihre Sünden.

Das Einzige, was Gott im Alten Testament und was Jesus im Neuen Testament fordert, ist: Umkehr bzw. Abkehr vom Bösen. Die Menschen, die das vollzogen haben, werden in der Bergpredigt selig gepriesen: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen." (Matt 5, 8)

Wenn nicht als Sühneopfer – wie könnte dann die Menschwerdung Gottes und seine Passion verstanden werden?

Die Passion Jesu ist zwar der Höhe- und Endpunkt der Menschwerdung Gottes. Aber sie ist auch integraler Bestandteil der gesamten Biografie Jesu. Diese Biografie ist in all ihren Facetten die Botschaft vom richtigen Leben, durch welches das Reich Gottes verwirklicht werden kann, in seinen Anfängen jetzt schon: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe." (Joh 13, 15)

Die Zwangsläufigkeit von Jesu Passion jedoch hat ein Heide vorgezeichnet: Jesus trat ja als Sohn Gottes auf, als Mensch ohne Sünde, somit als ein im wahrsten Sinn vollkommen Gerechter. In seinem Werk „Politeia" (2. Buch) lässt Platon in einem fiktiven Gespräch Glaukon und Sokrates über die Frage diskutieren, welches Schicksal den wahrhaft Gerechten erwartet. Glaukon beantwortet diese Frage, indem er sagt: „Der Gerechte wird gegeißelt werden, gefoltert, in Fesseln gelegt, er bekommt beide Augen ausgebrannt und wird schließlich, nachdem er alles Schlimme erlitten hat, ans Kreuz geheftet." Platon verfasste seine Schrift 400 Jahre vor Christus. Die Antwort des Glaukon ist von universaler Bedeutung. Sie bezieht sich nicht auf ein göttliches vollkommenes Wesen, sondern sie geht von der Idealvorstellung eines Menschen, von einem „wahrhaft Gerechten" aus. Dessen tragisches Schicksal steht wiederum im Zusammenhang mit der abgründigen Natur des Menschen, der Wahrheit immer wieder als bedrohliche Herausforderung empfindet, die es mit allen Mitteln abzuwehren gilt.

Insofern trifft Glaukons Aussage auf jeden wahrhaft Gerechten zu – im Grunde auch für viele, die sich aufrichtig um diese Gerechtigkeit bemühen.

Glaukons Prognose mag für Christen geradezu frappierend prophetisch klingen. Aber sie ist wohl eher der Menschenkenntnis Platons zuzuschreiben.

400 Jahre später wird Platons fiktiver „wahrhaft Gerechter" Wirklichkeit in der Person des Jesus von Nazaret, des menschgewordenen Gottes. Dieser „wahrhaft Gerechte" wusste um sein Schicksal, das Glaukon einem solchen Menschen vorausgesagt hatte, bevor es ihn ereilte.

Die Menschwerdung Gottes in Jesus manifestiert sich aber eben nicht nur in seiner Passion allein, sondern in einer menschlichen Biografie, die Geburt, Kindheit, Erwachsenenalter und gewaltsamen Tod umfasst. Diese Biografie Gottes sagt schon als solche etwas über Gott und den Menschen aus. In ihr tritt uns Gott in der menschlichen Gestalt des Jesus von Nazaret gegenüber. Er zeigt uns in ihm etwas von dem Wesen Gottes, sagt Jesus doch von sich selbst : „ Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen." (Joh 14, 9) Andererseits ist auch in Jesu Biografie erkennbar, was Gott mit Menschsein meint: Es ist ein Menschsein jenseits der uns geläufigen gesellschaftlichen Maßstäbe und Wunschvorstellungen.

Gott wählt also nicht den Lebenslauf eines zur Elite gehörenden Menschen, der seinen Weg auf der Sonnenseite des Lebens geht. Schon den Anfang seiner Menschwerdung lässt er am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala beginnen: In einem Stall – nicht in einem Palast oder in einer Villa. Es sind die denkbar widrigsten Umstände, unter denen er das Licht der Welt erblickt. Seine Kindheit und Jugend prägen nicht die Annehmlichkeit eines vom Reichtum bestimmten Lebensstils, sondern die Anforderungen und Bedingungen eines einfachen Handwerkerhaushaltes. Es sind die Lebensumstände ungezählter einfacher Menschen, die mit ihrem Fleiß, ihrer Hände Arbeit erst den Glanz der Eliten ermöglichen. Jesus wählte das Leben dieser einfachen Menschen.

Auch sein öffentliches Auftreten und Wirken war ein Leben auf staubigen Straßen in der Hitze des Orients und von Heimatlosigkeit bestimmt: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann." (Mat 8, 20). So antwortet Jesus einem Schriftgelehrten, der sein Jünger werden will und ihm vollmundig versichert: „Meister, ich will dir folgen, wohin du auch gehst." (Mat 8, 19)

Jesu Begleiter bzw. Jünger waren gleichfalls nicht Vornehme oder Würdenträger sondern einfache, biedere Handwerker.

Gott tritt uns in Jesus von Nazaret nicht als herrscherliche Gestalt entgegen. Vielmehr hat er, der unnahbare Gott, „Knechtsgestalt" angenommen. Er wird sichtbar, vernehmbar, verletzbar. Er macht sich so klein, dass er dem Menschen buchstäblich auf Augenhöhe begegnen kann. Und er beugt sich noch tiefer: Er, der Meister und Herr, wäscht seinen Jüngern die Füße. Auch das genügt noch nicht: Er liefert sich den Menschen so radikal aus, dass er ihnen auch den Zugriff auf sein Leben erlaubt.

„Es ist vollbracht." Diesen letzten Satz des gekreuzigten Jesus im Johannes-Evangelium – und nur in diesem – drückt deutlich aus, was es mit dem Leben Jesu und seiner Passion auf sich hat: Vollbracht ist der Wille des Vaters: Vollbracht ist die Menschwerdung Gottes. Gott hat seine Menschwerdung nicht als Versuch angelegt, der jederzeit abgebrochen werden kann. Die Sicherheit des stets möglichen Abbruchs hat er von Anfang an ausgeschlossen. Er hat seine Menschwerdung vollbracht, durchgestanden bis zum bitteren Ende. Er hat in diesem Leben als Mensch gezeigt und auch gelehrt, wie der Mensch leben soll: ganz auf Gott ausgerichtet. Dieses auf Gott ausgerichtete Leben zerfällt nicht mehr in sakral und profan. In diesem Leben ist Gott ständig präsent – bei der Arbeit, in der Ruhe, im Gebet. Ein solches Leben besteht nicht darin „anstatt die Ehre des Herrn die menschliche Ehre und das persönliche Wohlergehen zu suchen." (Papst Franziskus in „Evangelii Gaudium") Ein solches menschliches Leben in Gott hat es nicht nötig, um gesellschaftlichen Aufstieg besorgt zu sein. Statusdenken und das Zurschaustellen von Statussymbolen sind ihm fremd. Ein Leben in Gott bewahrt den Menschen auch davor, in Größenwahnsinn und Machtrausch zu verfallen. Für ein solches Leben hat der Satz von Teresa von Avila vollgültigen Sinn: „Gott allein genügt."

So stellt sich das Leben Jesu, das Leben, das Gott als Mensch leben wollte, als einfaches Leben dar. Es sollte die Lebensweise der Vielen sein und ist somit auch eine eigene, universale Aussage Gottes über den Menschen. Sie ist eine irdische Botschaft, die der himmlischen Botschaft vom Reich Gottes den Weg bereiten soll. Wer diese irdische Botschaft gering achtet bzw. glaubt, sich über sie hinwegsetzen zu können, wird auch der himmlischen Botschaft wenig zugänglich sein. Mit Jesu Leben sind viele Hinweise verbunden, die aus der irdischen Einfachheit heraus auf das Göttliche verweisen: Schon Jesu Mutter, die begnadete einfache Frau aus dem Volk verweist im Magnifikat auf die himmlische Botschaft: Gott hat auf die „Niedrigkeit seiner Magd" geschaut und „Großes" an ihr getan, so dass sie „von nun an" selig preisen werden „alle Geschlechter". „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen." Jesus selbst wäscht seinen Jüngern die Füße. Mit der Fußwaschung macht auch Jesus sich zum Dienenden und gibt seinen Jüngern ein Beispiel – „dann müsst auch ihr einander die Füße waschen" (Joh 13, 14). Gemeint ist der Dienst aneinander, die Annahme des Anderen und die Sorge um ihn, um dessen Heil. Jesus stellt mit dieser irdischen Geste die Verbindung zu seinem göttlichen Auftrag her: „Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es" (Joh 13, 13). Welchen Vorrang Jesus der Bereitschaft zum Dienen, zum Dienst an den Anderen, einräumt, wird deutlich, als er gewahr wird, wie seine Jünger darüber streiten, wer von ihnen wohl der Größte sei. Er ruft sie zusammen und sagt zu ihnen: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein (Mark 9, 35).

Zu fragen wäre nun aber: Wollte Jesus, wollte Gott mit seiner Menschwerdung der Menschheit nur das Exempel eines gradlinigen und schuldfreien Lebens geben? Wo bliebe dann das Erlösungswerk Christi?

Um dieser Frage nachzugehen, möchte ich noch einmal auf Platons fiktiven „wahren Gerechten" zurückgreifen: Das Schicksal von Platons Gerechtem führt diesen offenbar unausweichlich durch Verfolgung und Folter zum Tod am Kreuz, denn sein gerechtes Leben stellt einen ständigen und unerträglichen Kontrast zur vorherrschenden gesellschaftlichen Denk- und Lebensweise dar. Dieser Kontrast ist Ärgernis und Herausforderung vor allem für die, welche das gesellschaftliche Leben bestimmen. Er fordert sie heraus, das Ärgernis zu beseitigen. Der Tod dieses Gerechten ist beklagenswert, weil er ungerechterweise von blindwütigen und hasserfüllten Menschen verursacht wird und erscheint daher sinnlos.

Jesus dagegen ist nicht der fiktive sondern der reale, der lebendige „wahrhaft Gerechte". Sein Leben, sein Reden steht jedoch ebenfalls im Kontrast zu der Denk- und Lebensweise der herrschenden politischen und geistlichen Elite, zu den Pharisäern und Schriftgelehrten. Jesus sucht sogar die Auseinandersetzung mit den Mächtigen und stellt ihre Heuchelei, ihren Opportunismus, ihre Korruptheit und damit auch ihre Unglaubwürdigkeit bloß. Er wird so unausweichlich zum gesellschaftlichen Ärgernis, das beseitigt werden muss und wird, wie Platons Gerechter, am Kreuz enden.

Der Tod Jesu, des menschgewordenen Gottes, ist ebenso schmachvoll wie der von Platons Gerechtem. Aber er ist nicht sinnlos, denn er zeigt eine Perspektive auf.

Er ist nicht der tragische Endpunkt eines Lebens, sondern – Jesus hat es vorausgesagt – das Tor zu einem unvergänglichen Leben. Jesus hat in seiner Todesstunde dem neben ihm gekreuzigten reuigen Verbrecher diese Perspektive eröffnet: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein" (Lk 23, 43)

Es ist Jesu Antwort auf die geradezu zaghafte Bitte des Verbrechers: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst." Was hat diesen Verlorenen dazu gebracht, eine solche Bitte an den zu richten, dessen Verspottung er doch gerade von den „führenden Männern des Volkes", den Soldaten der Eskorte und seinem ebenfalls gekreuzigten Kumpan erlebt hatte? Er selbst ist sich voll bewusst, dass er zu recht am Kreuz hängt. Er erkennt andererseits, dass der andere an seiner Seite schuldlos den Tod am Kreuz erleidet. Diese Erkenntnis, dass ein gänzlich Unschuldiger zum Tod verurteilt wurde, bewirkt in ihm anscheinend die Umkehr des gehörten Spotts in sein Gegenteil: Der Verspottete ist für ihn der Messias. Jesus ist der von Gott Gesandte, der Befreier Israels. Durch ihn ist Rettung, Heil, Erlösung möglich. Ist es nicht die Sehnsucht nach Erlösung – nicht nach der Erlösung vom Kreuzestod – die den Verbrecher seine so bescheidene Bitte aussprechen lässt? Ist es nicht eine Bitte um ein barmherziges Gedenken des Schuldlosen an den mit schwerer Schuld Beladenen? Schwingt in dieser Bitte nicht die Hoffnung mit, dass Jesus über den Tod hinaus – über beider Tod hinaus – dieses in schwerer Schuld am Kreuz geendete Leben entschulden, erlösen, es in „sein Reich" holen kann? Der Verbrecher ist offenbar trotz seiner Untaten ein gottesfürchtiger Mensch, denn er wirft seinem spottenden Spießgesellen ja dessen mangelnde Gottesfurcht vor und er weiß wohl, dass Schuld eine überzeitliche Dimension hat, die durch einen irdischen Strafvollzug nicht abgegolten, gelöscht werden kann. Nur Gott kann Schuld endgültig vergeben, d.h. den Menschen wirklich von seiner Schuld erlösen, ihn wieder heil machen. Was Jesus ihm dann verspricht, geht weit über ein bloßes „Gedenken" hinaus: Jesus sagt ihm die volle und unmittelbare („heute noch") Teilhabe an seinem Reich zu. In dieser Zusage ist die endgültige Vergebung seiner Schuld enthalten: Er wird ein von aller Schuld Erlöster sein. Jesu Tod ist, so gesehen, kein Opfertod – sein Tod wird ja durch menschliche Boshaftigkeit verursacht – sondern durch ihn hindurch wird Jesus als Auferstandener die Wahrheit und Gültigkeit seiner Verheißung bezeugen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben (Joh 11, 25 – 26)".

Die vom Evangelisten Lukas aufgezeichnete Szene auf dem Hügel Golgota erscheint so als Vorgriff des österlichen Geschehens: In seiner Antwort auf die Bitte des Verbrechers, der schon ein Glaubender ist, offenbart sich Jesus als der, welcher dem Tod nicht endgültig unterworfen sein wird. Jesu Zusage an den, der mit ihm den Tod erleidet, ist die Verheißung des Lebens, des Lebens „im Paradies", d.h. des von aller Schuld und ihren bedrückenden Lasten befreiten Lebens. Jesu Antwort ist die Antwort des Erlösers.

Im auferstandenen Jesus wird dann auch der endgültig befreite, der erlöste Mensch für die Jünger sichtbar. Denn der vom Tod auferstandene Jesus von Nazaret bleibt nicht unsichtbar, sondern er kehrt zu seinen Jüngern zurück. Er redet mit ihnen. Er isst und trinkt mit ihnen. Er lässt sich vom skeptischen Thomas auf die Echtheit seiner Existenz prüfen. Indem er sie anhaucht, lässt er seine Jünger von dem Leben spendenden Geist erfüllt werden, der bei und in ihnen bleiben wird und durch den sie das Erlösungswerk des Auferstandenen fortsetzen werden, indem sie seine Botschaft verkünden und deren Wahrheit durch ihr glaubwürdiges Leben bezeugen. Alle, die an diese Botschaft glauben, werden an dem Geist, den die Jünger in sich trugen, ebenfalls teilhaben. Durch ihren Lebensvollzug werden sie zum Heil in der Welt beitragen können.

So mag am Ende meiner Gedanken zur Opfertheologie eine Äußerung von W. Kasper stehen: Das Kreuz Christi ist „das Ereignis, worin sich Gott, der Logos, in absoluter Liebe mit dem Leiden und Sterben des Menschen identifiziert." *

W. Kasper definiert die Passion Christi hier nicht als Opfer sondern als Identifikation Gottes mit dem Schicksal des Menschen durch Inkarnation Gottes. In diesem Identifikationsprozess Gottes, der sich von der Geburt im Stall bis zum Tod am Kreuz erstreckt, offenbart sich Gott in immer anderer Weise dem Menschen als der, der für uns da sein will.

Leiden und Tod sind nicht Opfer, sondern Konsequenz eines Lebens, das sich dem „Fürsten dieser Welt" und seinen Korruptionsversuchen verweigert, ja sogar widersetzt.

Jesus selbst ist sich dieser Konsequenz nur allzu bewusst. Auf dem Ölberg wird er, im Angesicht dessen, was ihm bevorsteht, nahezu überwältigt von Angst, von Todesangst: „Da ergriff ihn Furcht und Angst, und er sagte zu ihnen (zu Petrus, Jakobus und Johannes): Meine Seele ist zu Tode betrübt. ... Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe. Er sprach: „ Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht das, was ich will, sondern was du willst soll geschehen (Mark 14, 33 – 36)".

Den Worten an seine Jünger und der Bitte an seinen Vater ist nicht zu entnehmen, dass Jesus sich als „Opferlamm" fühlt, dass er den Gang nach Getsemani als „Opfergang" betrachtet. Im Kampf gegen seine Todesangst geht Jesus sogar soweit, seinen Vater zu bitten, ihm – wenn möglich - das bittere Ende zu ersparen, auf das er sich mit seinem messianischen Anspruch unausweichlich zubewegt hat. Und wenn er zu seinem Vater sagt: „Aber nicht, was ich will, sondern was du willst, soll geschehen"., dann scheint in diesem Augenblick sein Wille nicht mit dem des Vaters kongruent zu sein. So spricht nicht einer, der von vornherein bereit ist, heroisch einen Opfertod zu erleiden. Jesus gibt aber dem Willen des Vaters den Vorrang – und er weiß sehr wohl, was sein Vater will, was er von ihm erwartet: Dass er sich entscheidet, seinen Weg, den Weg der Menschwerdung Gottes , zu Ende zu gehen. Aber nicht Heroismus und schon gar nicht eine fraglose Opferbereitschaft sind in den Worten zu finden, die Jesus in dieser dramatischen Getsemani-Stunde an seinen Vater richtet.

Es ist vielmehr die klare Erkenntnis, das er einen von Anfang an gefährlichen Weg kompromisslos bis in diese Stunde gegangen ist, die Jesus die abschließenden Worte zu seinen Jüngern sagen lässt: „Die Stunde ist gekommen; jetzt wird der Menschensohn den Sündern ausgeliefert. Steht auf, wir wollen gehen (Mark 14, 41 – 42)."

Jesus hat sich entschieden, auch den letzten Schritt zur Vollendung seines Weges zu tun, der mit seinem Tod enden und mit seiner Auferstehung der Welt die Erlösung vom Tod, d.h. die Befreiung von der Macht der Sünde, bringen wird.

* Zitiert nach Georg Mandl „Spurensuche im Buch der Natur" in „Christ in der Gegenwart", Nr. 2, Jan. 2015