Die Erneuerung des Ordenslebens nach dem Vaticanum II in der Abtei Mariendonk

von Sr. Dr. Thereisa Heither, Abtei Mareindonk

Das Dekret „Perfectae caritatis" verlangte als Realisierung der Konzilsbestrebungen eine „zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens". In der Abtei Mariendonk vollzog sich diese Erneuerung in einem längeren Prozeß, der bis heute andauert. Er kam hinzu zu dem Prozeß der Umstellung vom Institut der Ewigen Anbetung zur benediktinischen Abtei, der allerdings schon weitgehend vollzogen war. Er hatte schon viele Änderungen des täglichen Lebens mit sich gebracht, und deshalb war die Erneuerung, die nach dem Konzil angesagt war, ganz organisch und folgerichtig und wurde bereitwillig angenommen.

 

Das Wichtigste war die Erneuerung der Liturgie, die nach dem Konzil große Möglichkeiten bot, vor allem den Gebrauch der deutschen Sprache und damit auch die Einheit der Gemeinschaft beim Vollzug des Gottesdienstes, den nun alle Glieder mit Verständnis mittragen und ausführen konnten. Die erst durch das II. Vatikanum kirchenrechtlich mögliche volle Eingliederung der Laienschwestern in den Konvent wurde 1968 vollzogen; die Aufhebung der Trennung von Laien- und Chorschwestern war jedoch bereits seit langem ein Wunsch eines großen Teiles des Konventes gewesen.

Zwischen 1965 und 1980 wurden alle Texte und Gesänge in Mariendonk ins Deutsche übersetzt. Die Leitung dieser großen Aufgabe hatte unser damaliger Spiritual, Pater Dr. Bonifatius Fischer, ein erfahrener Philologe, der lange Jahre Leiter des Vetus-Latina-Institutes in Beuron war. Mit ihm zusammen arbeiteten mehrere Schwestern an diesem Projekt. Es wurden alle Texte, die Psalmen, Messgesänge, Antiphonen, Hymnen, aber auch die Orationen, kurz das gesamte Offizium in die deutsche Sprache übertragen.

Heute benutzen wir in Mariendonk sechs verschiedene Bücher, d.h. je ein Buch für die Advents- und Weihnachtszeit, für die Fastenzeit, für die Karliturgie und die Osternacht, für die Osterzeit, für die Jahreszeit und für Feste. In diesem Buch finden Schwestern und Gäste alle Texte für das Stundengebet und die Messe.

Nach dem Konzil hörte man von vielen Austritten von Ordensleuten; vielen erschien diese Lebensform im Ganzen als nicht mehr zeitgemäß, und sie zweifelten am Sinn ihres Lebens im Orden. Wir versuchten, uns darüber klar zu werden, was der entscheidende Sinn unserer Berufung war. Ab 1977 begann ein neues Noviziat, es war ein paar Jahre leer geblieben, und wir mussten den jungen Schwestern - ich wurde als Noviziatsleiterin bestellt - vermitteln, was das Wesentliche im Leben einer Benediktinerin ist. In den folgenden Jahren gab es mehrere Eintritte meist sehr junger Frauen. Neu war für uns, dass darunter junge Frauen waren, die keine kirchliche Sozialisation mitbrachten. So war es notwendig, die Ausbildung im Noviziat so zu gestalten, dass die Novizinnen das christliche Leben von Grund auf lernen konnten. Die Inhalte unseres Glaubens, das grundsätzliche Wissen um die Heilige Schrift, die Sakramente der Kirche, die Liturgie, das Verständnis der Psalmen, das alles sollten sie in den sechs Jahren, die sie im Noviziat zubrachten, aufnehmen.

Aber das Wissen allein reichte nicht aus, das wurde uns klar. Wir mussten versuchen, ihnen den Weg zu einer lebendigen persönlichen Beziehung zu Jesus Christus zu zeigen. Nur so kann Ordensleben in Treue und mit Freude gelebt werden. Eine Beziehung zu Christus kann nur wachsen, wenn jeden Tag ein lebendiger Austausch mit ihm stattfindet, das heißt, dass er zum Menschen spricht und sich ihm mitteilt, und der Mensch ganz Ohr wird und versucht, ihm zu antworten. Das Wort Christi in der Schrift als aktuelles und lebendiges Wort an jede einzelne zu hören und ihm zu antworten, das ist unsere Form der lectio divina, die wir den jungen Frauen vermitteln wollten und mussten, wenn sie in unsere Gemeinschaft hinein wachsen sollten.

Dabei hat uns die Theologie der Kirchenväter sehr geholfen, denn Voraussetzung dieses täglichen Gesprächs mit Christus ist, dass wir lernen, die Worte der Schrift als aktuell an uns gerichtetes Wort zu verstehen, und das ist das große Anliegen der Väter. Unsere zwei Spirituale, Pater Dr. Hermann Keller und Pater Dr. Bonifatius Fischer, die seit 1948, dem Zeitpunkt unserer Anerkennung als Abtei, nacheinander bei uns lebten, führten uns ein in die patristische Theologie. Wir erkannten, dass die Kirchenväter uns helfen konnten, zu einem existenziellen Schriftverständnis zu finden, wie es für die lectio divina notwendig ist. Dieses Verständnis der Heiligen Schrift, speziell des Alten Testamentes, ist schon in den Paulusbriefen (vgl. 1 Kor 10,1-11) grundgelegt, wo es die Väter fanden und für das Verständnis vieler anderer Stellen anwandten. Die Kirchenväter bezogen ihr gesamtes theologisches Denken aus der Schrift und lebten aus ihr. Sie sind die Quellen der Theologie der Gesamtkirche. Unser geistliches Leben in Mariendonk ist von dieser Theologie geprägt, die Glaube und Vernunft, wissenschaftliche Bemühung und Frömmigkeit verbinden will. Wir hatten damit ein Kriterium, das uns bei den neuen Anregungen nach dem Konzil sowohl für die Liturgie als auch für das gesamte monastische Leben helfen konnte zu unterscheiden, welche Elemente eine zeitgemäße Erneuerung forderten, welche aber auch aufgrund der Tradition bewahrt werden mussten.

Inzwischen ist es eine allgemeine Tendenz in der Theologie geworden, die Exegese der Kirchenväter ernst zu nehmen, denn man merkt, dass die bisherigen gebräuchlichen Methoden in der Exegese den Menschen nicht mehr genügen. Sie suchen mehr Hilfe für ihren Glauben und ihr christliches Leben. Daher ist die Theologie und das Schriftverständnis der Kirchenväter in hohem Maße zeitgemäß.

Ein weiterer Schritt der Erneuerung betraf die Klausur. Das Gitter in den Sprechzimmern hatte wirklich keinen Sinn mehr und wurde beim Umbau und Anbau eines neuen Traktes nicht mehr erneuert. Dieser Anbau diente dazu, dass wir Praktikantinnen in der Paramentik und in der Landwirtschaft sowie afrikanische Schwestern aufnehmen konnten. Damit war eine Öffnung der bisher sehr geschlossenen Gemeinschaft zur Welt hin gegeben, was unseren Horizont erweiterte und uns unsere eigene Berufung und Sendung deutlicher werden ließ.

In der Zeit nach dem Konzil war in der Kirche eine große Unsicherheit spürbar; die Menschen fragten sich, ob die traditionelle Lehre und Praxis der Kirche noch Bestand haben könne angesichts der vielen Umbrüche in der Gesellschaft.

In dieser Zeit konnte und sollte ich in Bonn ein theologisches Studium absolvieren und wurde so mit vielen Problemen in der Kirche konfrontiert. Davon konnte ich im Konvent berichten, und wir hatten so Anteil an vielen theologischen Auseinandersetzungen. Unsere Novizinnen brachten viele Fragen mit und es kamen immer mehr Gäste, die unsicher waren, wie sie in ihrem christlichen Leben Halt und Klarheit finden konnten. Die Gästearbeit, auch und gerade an jungen Gästen, nahm ständig zu. Ein wichtiges Problem war das Verständnis der Heiligen Schrift, das sehr in Frage gestellt war durch die historisch-kritische Methode in der Exegese. Es verunsicherte die Glaubenden und schreckte viele davon ab, überhaupt noch in der Schrift zu lesen, weil man ihnen erklärt hatte, es sei alles ganz anders zu verstehen als sie es dem Wortlaut nach bisher verstanden hatten. Eine Frau z. B. fragte mich immer wieder: Waren es wirklich drei, die nach Emmaus gingen, oder ist das nur ein Bild?

Durch das Studium und die anschließende Promotion erwarb ich mir die Kompetenz, antworten zu können, und allmählich konnten auch die jüngeren Mitschwestern bei den Veranstaltungen für die Gäste mitwirken. So wurde das Leben der Abtei auf Dauer verändert, weil Glaubensvertiefung und Seelsorge einen immer breiteren Raum einnahmen. Das war ganz im Sinn des Konzils, hat sich aber einfach aus den Gegebenheiten entwickelt.

Ich muss aber auch noch erwähnen, dass wir der monastischen Tradition treu blieben und manche Elemente, die als unzeitgemäß verdächtigt wurden, beibehielten. Da ist auf jeden Fall das Schuldkapitel zu nennen, das als Reinigungsprozeß für die Gemeinschaft sehr wichtig erschien.

Es ist auch die starke Betonung der Gemeinsamkeit gegen den immer mehr sich ausweitenden Individualismus zu nennen. Wir behielten die Observanz der täglichen gemeinsamen Rekreation bei und auch die gemeinsamen Ferien in unserer Abtei. Vorträge und andere Veranstaltungen sind bei uns bis heute für den ganzen Konvent verpflichtend und werden im gemeinsamen Austausch fruchtbar gemacht.

Abschließend kann ich sagen, dass unsere Abtei ein klares Profil hat, was in einem Geistlichen Dokument Ausdruck findet, das gerade wieder erneuert und an andere Zeitverhältnisse angepasst wird. Die Patristik, die unser Arbeiten in der Wissenschaft, aber auch unsere Frömmigkeit prägt, gibt uns auch in der Liturgie (wir lesen außer der Heiligen Schrift im Offizium nur Texte der Kirchenväter) immer neue Impulse. Das trifft auf mich persönlich zu, denn, wie Sie merken, gibt dieser Bericht eine sehr persönliche Sicht wieder, aber ich weiß, dass es auch für viele meiner Mitschwestern gilt.