Tagebuch (12)
Im Moment beeilen sich evangelische und katholische Theologen, die Vorstellung, die Pandemie sei eine Strafe Gottes, als zynisch zurückzuweisen. Sicher ist es vermessen und falsch, wenn Menschen in der jetzigen Situation den Zeigefinger erheben und genau zu wissen meinen, für welche Sünden (meistens ihrer Mitmenschen!) hier die Rechnung präsentiert wird. Im Evangelium finden wir mehrfach die Aussage Jesu (Lk 13,1-5; Joh 9,1-3), dass dieser Zusammenhang von uns nicht hergestellt werden darf, weil wir das Wirken Gottes in dieser Welt nicht durchschauen.
Wohl aber kann ein Unglück wie diese Pandemie ein Anlass sein nachzudenken, umzukehren und neu zu glauben. Wir können nicht sagen, für welche Sünden in der Vergangenheit die Pandemie eine Strafe ist, wohl aber sollte sie für uns ein Anstoß sein uns zu fragen, wohin wir in Zukunft gehen wollen. Wenn das geschieht, wäre sie zu unserem Heil und vielleicht irgendwann sogar ein Grund zur Dankbarkeit.
Schon jetzt gibt es auch viel Gutes: 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs nehmen deutsche Kliniken französische Patienten auf, weil hier noch Beatmungsplätze frei sind; in Dresden werden italienische Patienten eingeflogen; chinesische Teams reisen in andere Länder, um ihre Kollegen zu unterstützen und ihre Erfahrungen weiterzugeben. Globalisierung mag mit zu den Ursachen der Pandemie zählen, doch es gibt sie auch im Positiven: einstige Feinde teilen Beatmungsplätze auf Intensivstationen.