Tagebuch (17)
Wenn wir in diesen Tagen die Leidensgeschichte lesen, dann begegnen wir in ihr immer wieder Menschen, die die Wahrheit ablehnen, obwohl sie sie klar erkennen („dieser Mensch tut viele Zeichen“; „ich finde keinen Grund ihn zu verurteilen“). Sie lehnen die Wahrheit ab, weil sie ihr Leben und ihre bisherigen Überzeugungen durcheinander bringen würde. Sie lehnen die Wahrheit ab, weil sie ihre Konsequenzen scheuen. Ich fühle mich von solchen Texte herausgefordert und frage mich: Bin ich ein Mensch, der wissen will, was wahr ist, unabhängig davon, ob es mir angenehm und meinen Plänen förderlich ist? Oder will ich meine Freiheit bewahren und nichts zur Kenntnis nehmen, was mich zwingen würde, mein Leben zu ändern und eine Richtung einzuschlagen, die ich ungemütlich und unerfreulich finde? Ich glaube, man sollte diese Fragen nicht zu schnell beantworten.
In Mariendonk sind wir nach wie vor alle gesund. Wir haben mehr Zeit als sonst und können manches erledigen, was schon lange dran war. Andererseits ist für uns wie für alle anderen die Ungewissheit schwer zu ertragen, wie lange diese Sondersituation dauern wird. Wird sich nach dem 19.4. etwas ändern? Wie werden die Bestimmungen dann lauten? Was wird dieses Jahr noch möglich sein und was nicht? Es ist eine Herausforderung, auf Pläne zu verzichten.