Tagebuch (20)
Das Leitwort des Gründonnerstag ist Hingabe: Jesus gibt sich hin im Dienst an seinen Jüngern, er gibt sich hin, indem er  ihnen die Füße wäscht, und er gibt sich hin in der Eucharistie, in der sein Sterben für uns sakramental vergegenwärtigt wird.
Doch auch der Vater ist reine Hingabe. Er gibt seinen Sohn in unsere Welt, obwohl er weiß, wie wir sind. Ja, bereits bei der Zeugung des Sohnes gibt der Vater sich ganz und gar hin und behält nichts von sich zurück. Es wäre falsch und eine von der Kirche zurückgewiesene Irrlehre zu meinen, der Vater habe erst existiert und dann den Sohn gezeugt. Im menschlichen Bereich, d.h. im Bereich der Zeit, ist es natürlich so, dass ein Mensch erst da sein muss, um dann zu zeugen; kein Mensch ist immer schon Vater. Von Gott aber glauben wir, dass er nie nicht Vater war - auch das Wort “war” ist hier schon wieder zeitlich und damit falsch -, sondern dass er von Ewigkeit her den Sohn zeugte. Die Person des Vaters ist dadurch bestimmt, dass er sich ganz und gar verschenkt.
Das freie Tun des Vaters ist immer Schenken und Geben, das freie Tun des Sohnes ist, Danken, Empfangen und Gehorchen. Das wird in der Bibel besonders im Johannesevangelium deutlich. Dort wird einerseits die totale Bezogenheit des Sohnes auf den Vater ausgedrückt und andererseits seine dem Vater gleiche Göttlichkeit und Macht. Das aber bedeutet, dass in Gott Empfangen und Sich-Verdanken genauso göttlich und frei ist wie Ursprung-Sein und Sich-Verschenken. Dieser Gedanke ist für uns schwer zu vollziehen. Insgeheim meinen wir doch immer, dass Geben mehr ist als Empfangen, Herrschen mehr als Gehorchen. Darüber nachzudenken, dass es in Gott anders ist, würde zum Gründonnerstag passen.
 
Station des Kreuzwegs auf unserem Friedhof. Photo: Helmut Schmitz