Tagebuch (44)
Distanz schafft Nähe, auch das ist eine neue Erfahrung!
Immer wieder begegnen wir Besuchern in der offenen Kirche. Der sportlichen Kleidung nach, mit Fahrradhelm, Rucksack oder Inlinern, sind es Menschen, die sich nicht speziell zu einem Besuch im Kloster aufgemacht haben, sondern eher im Vorüberfahren oder - gehen durch das Schild an der Straße angelockt wurden: „Kirche und Krypta offen“. In gebotener Distanz, seit einigen Tagen mit Mund-Nasen-Schutz, kommt es zu spontanen Begegnungen.
Viele dieser Menschen haben noch nie eine Nonne aus der Nähe gesehen, hätten wohl kaum an unserer Pforte geklingelt, um mit uns ins Gespräch zu kommen und ihre Fragen zu stellen, doch nun treffen wir uns  und - das ist für mich das Erstaunliche - trotz der skurrilen äußeren Situation liegt eine seltsame Intensität in diesen Begegnungen: Wir spüren Verbundenheit, gegenseitiges Wohlwollen, wir tauschen gute Wünsche aus. Oft kommen auch Fragen: Wie geht es Ihnen hier im Kloster? Wie geht es den alten Schwestern? Völlig fremde Menschen fragen, ob sie etwas für uns tun können? ob wir etwas brauchen? Und immer wieder, was mich besonders berührt: „Es ist gut, dass Sie hier sind und beten! Beten Sie auch für mich!“ Ein junger Mann, der beim Joggen vorbeikam: „Bleiben Sie hier, wir brauchen Sie!“
Es scheint, dass es eine neue Solidarität gibt, die uns intensiver miteinander verbindet, als ich je für möglich gehalten hätte. Mußten wir bislang unser Klosterleben rechtfertigen, so scheint in dieser Krise unsere Lebensform plötzlich sinnvoll. Alle erfahren, dass sie ihr Leben nicht selbst in der Hand haben, dass wir aufeinander und auch auf das Gebet, d.h. auf Gott angewiesen sind. Wir sitzen alle in einem Boot, da gelten keine Distanzregeln!