Tagebuch (55)
Ich kann vor Glaubenden von Gott reden, ich kann vor Atheisten von ihm reden, aber getaufte Gleichgültigkeit lässt mich stottern, unsicher werden, schließlich verstummen. Hinterher werfe ich mir meine Feigheit vor doch ich höre bei jedem Wort, das ich sage, die Langeweile meines Gegenübers: „Kennen wir alles seit Kindertagen...“, und dieses Alles-immer-schon-Wissen führt dazu, dass mir der Glaube blass erscheint. Nicht weil ich selbst nicht mehr glaube, sondern weil ich keinen Weg sehe, diese Herzen zu erreichen.
Vor einiger Zeit sprach ich mit einer Gruppe junger Frauen, die sehr weit weg vom Christentum waren. Ich versuchte zu provozieren: „In ihren Augen muss ich ja wohl in einer totaler Illusion leben.“ - „Nein, so sehen wir es nicht, wenn der Glaube ihnen gut tut, leben sie ihn ruhig.“ - „Ich glaube aber nicht, weil es mir gut tut, sondern weil ich überzeugt bin, dass der Glaube wahr ist.“ - „Wahrheit bedeutet uns nichts, wir wollen unsere Freiheit und ein schönes Leben.“ - „Aber wenn ihr am Ende eures Lebens erkennen müsstet, dass ihr euer Leben vertan habe, weil ihr die eigentliche Realität gar nicht wahrgenommen habt?“ - „Das ist uns egal, wenn das Leben angenehm war und uns Spaß gemacht hat, war es in Ordnung.“