Neulich begegnete mir in einem Gebet die Bitte um „die Geistesgabe der Freude“, eine Formulierung, die ich bedenkenswert fand. Ist Freude eine Geistesgabe, ein Charisma? Gibt es Menschen, die dieses Charisma haben und andere, die es nicht haben? Wäre das nicht ziemlich traurig?
Tatsächlich zeigt die Erfahrung, dass es Menschen gibt, die eher zur Freude geneigt sind, während andere sich nur selten von Herzen freuen. Das ist eine Frage des Charakters, aber das erwähnte Gebet setzt voraus, dass man die Freude als Geistesgabe nicht einfach hat, sondern um sie beten darf - für sich und für andere. Sie ist wie die Liebe (vgl. 1Kor 13) ein Geschenk von Gott, aber man kann sich um dieses Geschenk bemühen. Das wird vielleicht oft vergessen, wenn man von Charismen spricht. Mir ist jedenfalls beim Nachdenken über die ungewöhnliche Formulierung „Geistesgabe der Freude“ deutlich geworden, dass ich diese Geistesgabe mir selbst, meinen Mitschwestern und allen Christen in unserem Land wünsche und in Zukunft bewusster erbitten will. Alles, was wir als Kirche sagen und tun ist wichtig, aber am wichtigsten ist, dass wir Zeugen und Zeuginnen der Freude sind.
 
 
(Bild Schwester Bonifatia Gesche Mai 2020)