Fast immer wenn ich mit Gruppen, die bei uns zu Gast sind, auf das Gebot der Nächstenliebe komme, sagt früher oder später jemand, Jesus habe uns geboten, sich selbst zu lieben. Geschlossen wird das aus dem Satz: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Tut mir leid, aber das hat Jesus nicht gemeint! Vielleicht hätten wir gerne, dass er uns die Selbstliebe ans Herz legt, aber er tut es nicht. Im Gegenteil: Er gebietet uns, abzulassen  vom Kreisen um uns selbst und auf Gott und die Menschen um uns herum zu schauen. Selbstliebe setzt er voraus, gebietet uns aber Nächstenliebe, die für uns viel schwerer ist.
Diese Fehlinterpretation, der ich immer und immer wieder begegne, ist schon sprachlich falsch. Wenn ich sage: „Du musst dein Fahrrad genauso sorgfältig putzen wie dein Auto“, ist das keine Mahnung zum Autoputzen, sondern eine zum Fahrradputzen, vorausgesetzt wird, dass das Gegenüber sein Auto sowieso putzt.
Ja, aber, wird man mir antworten, sich selbst zu lieben, ist gar nicht selbstverständlich, nur wenn man es gelernt hat, kann man auch den Nächsten lieben. Daran ist natürlich etwas Wahres, aber ich bleibe mißtrauisch, denn ich kenne zu viele Leute, die so sehr üben, sie selbst zu lieben, dass sie zur Nächstenliebe nie kommen werden.
„Wie sich selbst“ meint im biblischen Sinn auch gar nicht die Annahme seiner selbst, wozu ein Mensch tatsächlich erst im Laufe seines Lebens kommt, sondern einfach die Erfüllung der alltäglichen Bedürfnisse: Hunger, Durst, Schlaf, ein Dach über dem Kopf, keine Schmerzen. Wir alle sorgen dafür, dass diese unsere Bedürfnisse erfüllt werden, denn sie sind die Grundlage für alles Weitere; Nächstenliebe hieße, diese Bedürfnisse genauso wichtig zu nehmen, wenn ein anderer sie hat.