Eine meiner frühesten Erinnerungen, ich war vielleicht fünf oder sechs: Ein Bettler kommt an unsere Haustür und spricht lange mit meiner Mutter. Am Abend dann ein erregter Wortwechsel meiner Eltern, weil meine Mutter dem Bettler eine wertvolle Uhr geschenkt hat. Argument meiner Mutter: Wir haben jeder eine Uhr, wir brauchen diese Uhr nicht, der Mann war in Not und kann die Uhr versetzen. Argument meines Vaters: Der hat dir eine rührselige Geschichte erzählt und du bist darauf reingefallen, vermutlich ist der Mann ein Betrüger. Antwort meiner Mutter: Lieber lasse ich mich zehnmal betrügen als einmal jemanden, der wirklich in Not ist, ohne Hilfe wegzuschicken. Das akzeptierte mein Vater.
Warum ich das erzähle? Zur Zeit begegne ich oft Menschen, die bei allem und jedem den Verdacht haben, man erzähle ihnen nicht die ganze Wahrheit und in Wirklichkeit steckten hinter den Vorgängen finstere egoistische Machenschaften. Die Bischöfe, die Priester, die Politiker, die Virologen - alle belügen die Öffentlichkeit und kaschieren ihre eigentlichen Motive. Tatsächlich sind wir Menschen - nicht nur die anderen, sondern auch ich selbst - in unserem Handeln meistens zweideutig, weil nie ganz uneigennützig. Trotzdem bin ich bereit, den anderen - Gesundheitsminister Spahn, Prof. Wieler, Kardinal Woelki - zuzugestehen, dass sie versuchen, ihr Bestes zu tun. Ich bin in manchen Punkten der Ansicht, etwas anderes wäre besser, darüber müßte man diskutieren. Aber ich weigere mich, ständig üble Motive anzunehmen und bin bereit mich, deshalb naiv nennen zu lassen.