Mehr noch als die Corona-Pandemie belastet mich der Zustand der Kirche.  Was bedeutet die Kirche für mich?

Die Kirche ist die geliebte Braut Christi. Wenn ich sie liebe, liebe ich, was er liebt.
Die Kirche ist der Leib Christi. Nur in ihr bin ich in das Leben Christi einbezogen.
Die Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden, für mich allein hätte ich nicht die Kraft, Christin zu sein.
Die Kirche ist meine Mutter, ich habe von ihr alles empfangen, was in meinem Leben Grund zur Freude ist: den Glauben, die Heilige Schrift, die Sakramente. Ohne sie würde ich verhungern.

Kirche war für mich viele Jahre gleichbedeutend mit unserer Gemeinschaft und mit der großen Tradition, die ich kennenlernte. Der „Amtskirche“ begegnete ich kaum und mußte mich daher auch nicht mit ihr auseinander setzen. Selbst die Frage des Frauenpriestertums, die mich als studierte Theologin ja hätte umtreiben können, war mir nicht wichtig. Ich verstand das Mönchtum als eine charismatische Bewegung und glaubte, dass es gut ist, dass es in unserer Gemeinschaft keine Priesterinnen gibt, sondern dass für die Messe ein Priester von außen kommt. Er vertritt uns gegenüber Christus, den Herrn, ist aber auch Bote der Gesamtkirche, zu der wir gehören.
In den letzten Jahren mußte ich den Scherbenhaufen, vor dem unsere Kirche steht, wahrnehmen, etwas, was ich vor zehn oder zwanzig Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Zu viele Christen, auch viele Priester haben Gott an 4., 27 oder 83. Stelle ihres Lebens gesetzt und dazu beigetragen, dass die Kirche implodiert. Kann ich diese Kirche wirklich noch lieben?
Im 1. Petrusbrief heißt es: „Jetzt ist die Zeit, in der das Gericht beim Haus Gottes beginnt“ (1Petr 4,17). Gericht im biblischen Sinn bedeutet Offenbar-Werden dessen, was ist. Dieses Gericht erleben wir zur Zeit, und wir sollten dankbar sein, dass alles aufgedeckt wird. Wir sollten vor allem nicht versuchen, uns zu trösten, indem wir uns vormachen, das meiste seien  Verleumdungen. Es gibt sicher Verleumdungen, aber das meiste ist leider wahr.
Wir sind damit konfrontiert, dass Menschen in unserer Mitte, die geweiht wurden, um uns Christus sakramental zu vergegenwärtigen, ihr Amt dazu benutzt haben, um Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene zu missbrauchen, die sich ihnen anvertrauten und erwarteten, in ihnen und durch sie Christus zu begegnen. Das ist eine Dimension des Bösen, mit der wir nicht gerechnet hatten. Wir alle wissen, dass auch Priester keine Heiligen sind, dass sie egoistisch ein können, suchtkrank, ihrem Zölibatsversprechen untreu, ihrem Bischof ungehorsam oder dass sie einfach unerfreuliche Zeitgenossen sind. Aber das sind ihre persönliche Sünden und Charakterschwächen. Ein Priester, der eine Freundin hat, hat diese Freundin als Mann, der nicht auf Sexualität verzichten kann oder will. Ein Priester, der sein Priestersein benutzt, um andere zu mißbrauchen, begeht sein Verbrechen ausdrücklich als Priester, sein Tun ist damit nicht nur furchtbar für seine Opfer, sondern zugleich auch ein Sakrileg und eine Blasphemie, weil er Gott lästert und den Glauben in anderen zerstört.
Schlimm ist das alles, weil für mich kein Weg an der Kirche vorbeiführt. Ich brauche sie, um „in Christus“ zu sein. Ich kann Gott nur in der Kirche finden und leide darunter, dass die Kirche mir den Glauben so schwer macht. Ich glaube nicht, dass diese Traurigkeit in diesem Leben je aufhören wird und auch nicht, dass es je eine Zeit ab, in der es keinen Grund zu ihr gab. (Fortsetzung folgt)