Zunehmend kritisch stehe ich dem Begriff des „geistlichen Mißbrauchs“ gegenüber, der zur Zeit von allen Kirchendächern herab verkündet wird. Natürlich passiert es - leider viel zu oft! -, dass der Glaube benutzt wird, um Menschen zu manipulieren, in Abhängigkeit zu bringen und für eigene Ziele auszunutzen. Das ist eine Perversion dessen, was das Evangelium eigentlich will: „Zur Freiheit seid ihr berufen.“
Aber auf die Freiheit des Evangeliums hinzuwachsen, ist ein lebenslanger Prozess, bei dem man die Führung durch Menschen braucht, die schon weiter sind als man selbst. Sich dieser Führung zu überlassen, wird in der geistlichen Tradition als Gehorsam bezeichnet, ein Wort, das man heute nicht mehr gerne verwendet. Statt dessen spricht man lieber von „geistlicher Selbstbestimmung“. Es ist richtig, dass der Gehorsam das eigene Gewissen niemals ausschalten darf; falsch aber ist die Meinung, dass im Grunde jeder selbst am besten weiß, was für ihn gut ist. In Bezug auf sich selbst ist man oft sehr blind!
Bei manchen Texten zum geistlichen Mißbrauch, die ich in letzter Zeit gelesen habe, frage ich mich, ob man nicht vielen Heiligen, auch Paulus, ja sogar Jesus selbst geistlichen Mißbrauch vorwerfen muss. Ist es wirklich schon geistlicher Mißbrauch, wenn man klar sieht, was für einen anderen gut ist und ihm das liebevoll sagt?