Gott aus ganzem Herzen lieben und den Nächsten wie mich selbst, welche Überforderung! Dieses Gebot widerspricht sämtlichen anthropologischen Erkenntnissen, die klar belegen, dass Menschen immer auf ihren eigenen Vorteil aus sind und sich von einer geistigen Wirklichkeit wie Gott nur sehr kurze Zeit fesseln lassen. Es widerspricht auch meiner eigenen Erfahrung, denn ich kenne meine Halbherzigkeit und meinen Egoismus. Daher: Ich fühle mich von dieser Forderung Jesu diskriminiert und erwarte, dass es auch für laue Christen wie mich einen Platz in der Kirche gibt! Oder noch besser, dass man solch diskriminierende Gebote endlich aufgibt. Es muss reichen, Gott ein bisschen zu lieben und den Nächsten halb so viel wie sich selbst, alles andere ist dem heutigen Menschen nicht mehr verständlich zu machen.
Und jetzt im Ernst: Wir wollen einander mit Respekt und Akzeptanz begegnen und haben gelernt, zu uns selbst und zum anderen „Du bist okay“ zu sagen. Menschen, die ständig an anderen oder auch an sich selbst herumkritisieren, sind für ihre Umwelt nicht sehr erfreulich. Aber das gilt untereinander, nicht jedoch in der Begegnung mit Gott. Die momentane Fixierung in der Kirche auf moralische Fragen übersieht, dass wir alle - auch diejenigen unter uns, die moralisch perfekt sind oder sich dafür halten - vor Gott nicht okay, sondern Sünder sind und umkehren müssen wie alle anderen. Das Problem sind nicht Gottes Gebote, sondern unser Unglaube und daraus folgend unser Ungehorsam. Beides aber betrifft uns alle.