Im Moment beobachte ich auf der einen Seite eine immer geringere Bereitschaft , eigene Schuld einzugestehen; der Rückgang des Bußsakramentes, auch unter Priestern und Ordensleuten, ist dafür ein deutliches Zeichen. Auf der anderen Seite wird in der Kirche, aber auch in der Politik ständig von allen möglichen Leuten gefordert, sie müssten sich entschuldigen und in Sack und Asche Buße tun.
Ich vermisse manchmal die Unterscheidung zwischen wirklicher Schuld, zu der klare Einsicht in das Böse des eigenen Tuns gehört, und einem Handeln, das sich in der Zukunft als falsch erweist, ohne dass man das vorher wissen konnte. Eine falsche Einschätzung kann man zugeben, aber nicht eigentlich bereuen, denn als man handelte, meinte man ja, das Richtige zu tun.
Ich habe in meiner Amtszeit als Äbtissin vieles getan, was sich nachher als falsch oder zumindest als weniger gut erwies. Manchmal wußte ich, dass es mein Fehler war, manchmal mußte ich mir eingestehen, dass ich zwar meinte, das Richtige zu tun, dass aber eigene Interessen oder Ängste meinen Blick getrübt hatten, vieles konnte ich aber schlicht und einfach nicht wissen, hinterher ist man immer klüger. Menschen, die ständig behaupten, sie hätten es vorher schon gewußt, machen sich meiner Meinung nach oft etwas vor. Wir handeln in dieser Welt, ohne alle Fakten zu kennen, darin besteht die Kontingenz unseres Lebens.