In Mariendonk haben wir in der Mittagshore und in der Vesper längere Lesungen und weichen auch im Morgenoffizium bei der Lesung aus dem Alten Testament und den Apostelbriefen von der allgemeinen Leseordnung ab, weil wir die ganze heilige Schrift im Gottesdienst hören wollen. Das führt dazu, dass unsere Gäste mit Texten konfrontiert werden, die sie noch nie gehört haben. Oft höre ich die Texte mit ihren Ohren und manchmal ist mir das Vorgelesene geradezu peinlich: Die Söhne sollen in Zucht gehalten werden, die Frauen sollen schweigen, die Sklaven gehorchen, die Böse kommen ins nie erlöschende Feuer... usw.
Natürlich kann und muss man vieles erklären, aber ich glaube der Anstoß bleibt, auch für mich selbst. Einfach nicht hinhören, wenn es mir nicht paßt? Bei Werken von Verfassern mit Namen Jesaja, Lukas oder Paulus von Tarsus könnte ich das tun, bei modernen Autoren tue ich es ja auch, aber in der Bibel höre ich das Wort des lebendigen Gottes. Muss dieses Wort nicht fremd und anstößig sein? Ich versuche es stehen zu lassen, nichts zu streichen und zu hoffen, dass ich das, was ich jetzt nicht verstehe, später verstehen werde. Wichtig ist mir, mich nicht über das Wort zu stellen. Unverständnis dagegen darf sein!