Blog von Äbtissin Christiana Reemts

„Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist“ (Joh 6,65). Erster Impuls: „Das ist ungerecht, was tun die, denen es nicht gegeben ist?“ Doch mit dieser Empörung stelle ich mich über Gott, indem ich sein Tun beurteile. Die Versuchung dazu ist groß, immer wieder ertappe ich mich dabei, an die Bibel meine Maßstäbe anzulegen, statt die Maßstäbe der Bibel an mich und mein Leben anzulegen.
Die richtige Art und Weise, diesen Bibelvers aufzunehmen, ist vermutlich das Gebet: „Herr Jesus Christus, tritt du beim Vater für mich ein, damit er mir schenkt, dass ich zu dir kommen kann.“ Ein etwas paradoxes Gebet, aber auch nicht paradoxer als das Gebet: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24).
 
Was suchen die Menschen, die zu uns kommen? Oft nicht das, was wir zu geben haben oder jedenfalls nicht das, was uns das Wichtigste ist, die Gebets- und Eucharistiegemeinschaft, das Leben als Kirche im Kleinen.
Ich nehme eine deutliche Verschiebung der Frömmigkeit wahr, hin zu mehr persönlichen Formen. Viele Menschen kommen in unsere Krypta, um still zu beten und eine Kerze anzuzünden - das ist offenbar das neue Sakrament. Andere kommen, um in unseren Seminaren und bei Bibelgesprächen etwas für sich und ihre Gottesbeziehung mitzunehmen. Nur sehr wenige möchten an unserem Chorgebet teilnehmen, das ist ihnen zu lang, zu fremd, zu unpersönlich.
Sich selbst als Kirche zu verstehen -”sentire cum ecclesia” - wird immer unverständlicher. Aber so entsteht ein Christentum ohne Kirche, was in meinen Augen eine Schrumpfform ist. Viele geistliche Begriffe sind auch, aber nicht in erster Linie auf den einzelnen zu beziehen: Umkehr, Reinigung, Demut. Sicher muss ich umkehren, neu werden, in Demut meine Schwäche erkennen und annehmen. Aber viel schwieriger ist es, „unsere“ Schwäche, die Schwäche der Kirche, ihre Sündigkeit, Armut und Niedrigkeit zu akzeptieren, ohne ihr die Treue aufzukündigen.
 
Morgen feiern wir das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Selbst viele Katholiken wissen mit diesem Fest nichts anzufangen. Sie  kommen sich sehr aufgeklärt vor, wenn sie mir erklären, was alles gegen den Glauben insgesamt und gegen die Vorstellung der „Himmelfahrt“ eines Menschen im Besonderen spricht. Dabei ist das, was sie äußern, oft nur ziemlich platte Pseudo-Naturwissenschaft.
Was mir leid tut und mich ratlos macht: Viele Menschen weigern sich die Antworten des Glaubens zu verstehen, sie finden sie zu schwierig. Tatsächlich haben sie recht, die Antwort ist oft komplizierter als die Frage, aber es ist unreif, nur Fragen zu stellen und bei den Antworten wegzuhören.
 
 
Manchmal geht einem plötzlich etwas auf, was man eigentlich immer schon wissen konnte. So ging es mir, als mir klar wurde, dass die Kirche nicht schrumpft, sondern unaufhörlich wächst, wächst bis zum Ende der Welt. Von Schrumpfung kann man nur sprechen, wenn man unter Kirche ausschließlich die jetzt lebenden Katholiken versteht und selbst dann nur, wenn man seinen Blick sehr eingeschränkt auf Europa richtet. Aber zur Kirche gehören alle Gläubigen aller Zeiten, von Maria und den Apostel bis zu denen, die die Wiederkunft Christi erleben werden. Mit jedem getauften Kind wächst die Kirche.
 
Bei dem französischen Theologen Jean Daniélou fand ich einmal folgenden Gedanken, von dem ich leider nicht mehr sagen kann, aus welcher Schrift ich ihn habe. Für mich ist das Gesagte fast eine Art von Gottesbeweis, auf jeden Fall etwas, was ich selbst genauso erfahre.
„Gott ist es, der mir widersteht. Gerade dadurch drängt er sich mir auf. Denn wenn ich ihn erfände, so würde ich ihn mir willfähriger gestalten. Gerade daran aber, dass er mich stört, dass er meine Denkgewohnheiten und meine Pläne, mein Leben nach meinem Geschmack einzurichten, umstößt, erkenne ich seine Gegenwart. Diesem Paradox sehe ich mich gegenüber. Gerade das, um dessentwillen ich wünschte, dass er nicht existierte, zwingt mich dazu, seine Existenz anzuerkennen. In mir verspüre ich allzu viel Interesse daran, dass er nicht existiert, als dass mir mein Wunsch, dem möge so sein, nicht verdächtig vorkommen müßte. Indem ich mich vergeblich bemühe, ihn meinem Willen anzupassen, lerne ich ihn erkennen. Schließlich wird er mich lehren, ihn zu lieben, indem ich meinen Willen dem seinen zu beugen suche.“