Blog von Äbtissin Christiana Reemts

In dieser Woche lautet eines unserer Gebete: „Schütze uns, Herr, weil wir zu dir flehen; trage uns, weil wir schwach sind; mach uns rein, weil wir der Erde verhaftet sind! Da wir durch Todesschatten in den Tod wandern, schenke du uns das Leben durch dein Licht!  Und wenn du uns gnädig aus allem Unheil errettet hast, führe uns bis auf den Gipfel des Glücks.“
Heute morgen dachte ich: Ja, tatsächlich, wir wandern in den Tod, jeder Mensch wandert vom Tag seiner Geburt an in den Tod, auch wenn wir diese Tatsache meistens verdrängen. Unser Lebensweg führt durch Todesschatten, d.h. in Situationen, in denen die Tatsache, dass wir sterben werden, nicht mehr wegzuschieben ist, und mit denen Gott uns aufrütteln und dazu bringen will, die Augen aufzumachen und uns zu fragen, was trägt. Das Gebet spricht vom Leben durch Gottes „Licht“, worunter ich als Christin Jesus verstehe. Er ist mein Licht und mein Leben. Und weil es ihn gibt, hoffe ich auch, dass ich allen Todesschatten zum Trotz (und Covid-19 ist ein solcher Todesschatten) auf den „Gipfel des Glücks“ gelange. Wobei ich sagen muss, dass ich immer, wenn wir dieses Gebet beten, denke: Herr, so viel zu verlangen, würde ich gar nicht wagen, ich wäre schon mit viel weniger zufrieden als mit dem Gipfel des Glücks. Aber die Kirche legt mir dieses Gebet in dem Mund und lehrt mich damit, dass wir Christen nicht zu bescheiden sein sollten; uns ist keine kleine bürgerliche Zufriedenheit verheißen, sondern wirklich die Fülle allen Glücks.
 
"Wissen Sie, in dieser Zeit darf man keine Angst haben. Angst schwächt immer."
 
Sr. Laurentia (97)
Fast immer wenn ich mit Gruppen, die bei uns zu Gast sind, auf das Gebot der Nächstenliebe komme, sagt früher oder später jemand, Jesus habe uns geboten, sich selbst zu lieben. Geschlossen wird das aus dem Satz: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Tut mir leid, aber das hat Jesus nicht gemeint! Vielleicht hätten wir gerne, dass er uns die Selbstliebe ans Herz legt, aber er tut es nicht. Im Gegenteil: Er gebietet uns, abzulassen  vom Kreisen um uns selbst und auf Gott und die Menschen um uns herum zu schauen. Selbstliebe setzt er voraus, gebietet uns aber Nächstenliebe, die für uns viel schwerer ist.
Diese Fehlinterpretation, der ich immer und immer wieder begegne, ist schon sprachlich falsch. Wenn ich sage: „Du musst dein Fahrrad genauso sorgfältig putzen wie dein Auto“, ist das keine Mahnung zum Autoputzen, sondern eine zum Fahrradputzen, vorausgesetzt wird, dass das Gegenüber sein Auto sowieso putzt.
Ja, aber, wird man mir antworten, sich selbst zu lieben, ist gar nicht selbstverständlich, nur wenn man es gelernt hat, kann man auch den Nächsten lieben. Daran ist natürlich etwas Wahres, aber ich bleibe mißtrauisch, denn ich kenne zu viele Leute, die so sehr üben, sie selbst zu lieben, dass sie zur Nächstenliebe nie kommen werden.
„Wie sich selbst“ meint im biblischen Sinn auch gar nicht die Annahme seiner selbst, wozu ein Mensch tatsächlich erst im Laufe seines Lebens kommt, sondern einfach die Erfüllung der alltäglichen Bedürfnisse: Hunger, Durst, Schlaf, ein Dach über dem Kopf, keine Schmerzen. Wir alle sorgen dafür, dass diese unsere Bedürfnisse erfüllt werden, denn sie sind die Grundlage für alles Weitere; Nächstenliebe hieße, diese Bedürfnisse genauso wichtig zu nehmen, wenn ein anderer sie hat.
 
Im Deutschen haben wir den Begriff „Heidenangst“. Damit ist nicht die Angst vor den Heiden  gemeint, noch nicht einmal primär die Angst, die die Heiden haben, weil es in ihrem Leben keine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod gibt, sondern vor allem die Angst, die wir Christen haben, weil wir im Innersten gar nicht wirklich Christen sind. Im Moment haben wir eine „Heidenangst“ vor dem Covid19-Virus.
Der Prophet Jesaja sagt, dass es für den Menschen nur eine Furcht geben sollte, die Furcht vor Gott, die alle anderen Ängste relativiert. Er sagt seinen Zeitgenossen und auch uns: „Nennt nicht alles Verschwörung, was diese Leute Verschwörung nennen. Was sie fürchten, sollt ihr nicht fürchten; wovor sie erschrecken, davor sollt ihr nicht erschrecken. Den Herrn der Heere sollt ihr heilig halten; vor ihm sollt ihr euch fürchten, vor ihm sollt ihr erschrecken“ (Jes 8,12f). Gottesfurcht ist das Wissen um die Macht und Herrlichkeit Gottes, sie ist anbetende Liebe und das Vertrauen, dass Gott mit allem, was geschieht, mag es auch noch so angsteinflößend sein, letzten Endes unser Glück will (vgl. 1Tim 4,3). Das gilt auch in Coronazeiten!
 
Im Lukasevangelium sagt Jesus: „Von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück!“ Das beziehen wir meistens nur auf materielle Dinge, vor allem auf geliehenes Geld. Aber was ist „das Meine“, was ist es wirklich? Es ist alles, was mir gehört und worauf ich Anspruch habe. Vor allem gehört mir meine Zeit, sie ist mein Leben, aber ich brauche auch die Aufmerksamkeit und Liebe der anderen, ihre Achtung und die Anerkennung meines Tuns. Das alles kann verloren gehen, es kann mir genommen werden. Dann erst wird der Satz in seiner Radikalität deutlich: „Von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück!“