Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Hinter fast allen Problemen in der Kirche scheint mir eine verkürzte Christologie zu stehen etwa im Sinn des berühmten Wortes von R. Niebuhr: „A God without wrath brought men without sin into a kingdom without judgement through the ministrations of a Christ without a Cross“.
In sehr freier Übersetzung: „Ein Gott, der alles versteht und nichts übelnimmt,  bringt Menschen, die sich keinerlei Schuld bewusst sind, in das Himmelreich. Sie erreichen diesen Ort der Seligen, ohne sich vorher einem Gericht stellen zu müssen, durch die Vermittlung Christi, der sie liebt. Das Kreuz ist dafür ganz unnötig.“
Ein schöner Mythos, nur leider nicht der christliche Glaube.
 
Mose betet für das Volk, das das goldene Kalb verfertigt hat und von Gott abfiel. Er weiß, dass sein Volk gesündigt hat, er weiß es nicht aus sich, sondern durch Gottes Gebot.
Ich finde es schwierig, wie Mose für andere zu beten, weil sie gesündigt haben, es kommt mir überheblich vor. Aber damit distanziere ich mich von der Offenbarung, ich spreche Gottes Wort nicht mehr nach. Gerade für Menschen, die sündigen, muss man beten, die Heiligen haben es nicht nötig, sie beten eher für uns.
 
In den vergangenen Tagen haben wir in Mariendonk als Vorbereitung auf Pfingsten intensiv um die Einheit der Kirche gebetet. Diese Einheit kann es nur in Christus geben.
Das Geschenk des Pfingstfestes, die Gabe des Geistes ist Einsicht; Verstehen dessen, was die Botschaft Jesu bedeutet, aber auch Verstehen anderer Menschen. Im Heiligen Geist können wir in neuen Sprachen reden und zugleich die Sprache der anderen verstehen (Mk 16,17; vgl. Apg 2,4). In fremden Sprachen reden, bedeutet nicht unbedingt, dass ich spontan Chinesisch, Koreanisch oder Kisuaheli reden kann, aber wenn ich mich auf Gottes Geist einlasse, kann ich andere Menschen wirklich verstehen und in ihrer Sprache zu ihnen sprechen.
Im Heiligen Geist können wir in der Sprache der Kinder reden und in der Sprache der Jugendlichen, wir können in der Sprache des jeweils anderen Geschlechts reden, in der Sprache der anderen Partei, der anderen Religion, der anderen sozialen Schicht.
Sagen Sie bitte nicht, jeder wäre in der Lage, all diese fremden Sprachen zu reden und zu verstehen, die vielen Missverständnisse, Konflikte und Auseinandersetzungen, von denen unsere Welt beherrscht wird, zeigen, wie dringend wir Gott darum bitten müssen, fremde Sprachen zu verstehen, heute mehr denn je.
 
Nach Ansicht von Platon ist Unrecht für alle Beteiligten oder Betroffenen ein Übel, aber Unrecht tun ist ein größeres Übel als Unrecht erleiden.
Glaube ich das? Glaube ich, dass der Mörder mehr zu bedauern ist als der Ermordete, der Vergewaltiger mehr als sein Opfer, Adolf Hitler mehr als Edith Stein?
Platon läßt Sokrates im Dialog Gorgias sagen, natürlich wolle er am liebsten weder Unrecht tun noch Unrecht erleiden, müsste er aber wählen, so würde er es vorziehen, Unrecht zu erleiden. Denn der Täter wird in seinem Mensch-Sein mehr zerstört als das Opfer.
Oft habe ich bei Gruppen, die unser Kloster besuchen, diesen Gedanken erwähnt und fast immer Widerspruch geerntet, einen Widerspruch, den ich selbst innerlich spüre und deshalb gut nachvollziehen kann. Alles in mir wehrt sich gegen diesen Gedanken. Aber dachte nicht auch Jesus so?
 
Am 20.4. schrieb ich über die 21 koptischen Märtyrer. Dazu schickte mir ein Leser ein Predigt, die er vor vielen Jahren zum Fest des heiligen Stephanus gehalten hatte. Verblüfft, auf eigentümliche Weise getröstet und mit Vertrauen erfüllt hat mich, wie sehr die Aussagen von Märtyrern unserer Tage mit dem, was die Apostelgeschichte schreibt, übereinstimmen. Wir brauchen vor nichts Angst zu haben, Gott wird uns auch im Tod noch festhalten!
In der Apostelgeschichte hören wir: „Stephanus aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7,55f).
In den Berichten über die Märtyrer des Nationalsozialismus, deren wir in diesen Tagen gedenken, heißt es:
„Nikolaus Groß neigt beim Segen (des Gefängnispfarrers) still das Haupt. Sein Gesicht scheint schon erleuchtet von der Herrlichkeit, in die einzugehen er sich anschickt.“
Graf Moltke hat „gestrahlt wie einer, der zur Hochzeit geht.“
Über Hans Scholl: „Sein Gesicht war schmal und abgezehrt ....nun leuchtete es und überstrahlte alles. ... Er gab jedem die Hand und sagte: Ich habe keinen Hass, ich habe alles, alles unter mir. Dann ging er ohne die leiseste Angst und von einem tiefen, herrlichen Enthusiasmus erfüllt. Ehe er sein Haupt auf den Block legte, rief er laut, dass es durch das große Gefängnis hallte: Es lebe die Freiheit.“
Über Sophie Scholl: „Sie lächelte immer, als schaue sie in die Sonne ... Auch sie war um einen Schein schmaler geworden, aber in ihrem Gesicht stand ein  wunderbarer Triumph. Ihre Haut war blühend und frisch ... und ihre Lippen waren tiefrot und leuchtend.“
Von Christoph Probst hören die Aufseher: „Ich wusste nicht, dass Sterben so leicht sein kann“.
(Zitate entnommen aus: (Joachim Maaz, Predigt zum Fest des Hl. Stephanus, 26. Dezember 2010).