Blog von Äbtissin Christiana Reemts

In den aktuellen Diskussionen ist immer wieder von „Zwangszölibat“ die Rede und es wird gefordert, diese unmenschliche Bedingung für das Priestertum endlich aufzugeben. Bei vielen Beiträgen, die ich lese, fühle ich mich persönlich angegriffen, denn ich lebe selbst in dieser Lebensform und empfinde sie nicht als ein Joch , sondern als ein Geschenk, für das ich Gott danke. Manchmal vermisse ich allerdings, dass unsere Priester sich zu dieser Lebensform bekennen und von ihrer Schönheit sprechen.
Wir müssen in unserer Kirche neu den Mut haben, davon zu sprechen, dass man auch auf ganz vitale Interessen und Begierden verzichten kann. Dazu brauchen wir ein neues Verhältnis zur Sexualität, nicht im Sinn immer weiterer Liberalisierung, sondern im Sinn tieferer Humanisierung.  Kein Mensch hat ein Recht darauf, seine sexuellen Wünsche jederzeit befriedigen zu können, egal auf wen sich sein Begehren richtet. Bei Pädophilen ist uns das klar, aber es gilt für jede Lebensform, dass Liebe immer auch den Verzicht auf das Ausleben eigener Wünsche fordert.
In unserer Kirche gibt es Menschen wie meine Mitschwestern und mich, die, um Gott und die Menschen freier lieben zu können, auf Ehe, Familie und Geschlechtsverkehr verzichten. Wir wollen damit leiblich sichtbar machen, dass wir Christus nichts vorziehen. Dieser Verzicht schenkt uns Zeit für Gebet und Bibelstudium, Zeit für andere Menschen. Wir sind dadurch keine besseren Christen als Eheleute, aber wir sind von Christus wie die Priester zu einer anderen Aufgabe berufen worden. Was ärgert unsere Gesellschaft eigentlich so maßlos daran?
 
Zur Zeit sind an den Wochenenden, aber auch an Arbeitstagen deutlich mehr Menschen zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs als sonst in dieser Jahreszeit. Wenn das Wetter schön ist, kann man an der Niers nicht mehr gehen, ohne in ein Gedränge zu geraten. Nebeneffekt der Pandemie: Menschen stellen fest, dass es auch im Nahbereich Schönes gibt. Neulich las ist irgendwo, dass die Landbevölkerung den Lockdown besser erträgt als die Stadtbevölkerung, Das wundert mich nicht. Es gibt mehr zwanglose Kontakte draußen und mehr Bewegungsfreiheit. Und selbst wenn es wie Schleichwerbung wirkt: Ein Kloster ist in einer solchen Situation sozusagen das Nonplusultra: eine große Wohngemeinschaft, die sowohl Nähe als aus Distanz ermöglicht, in der man nicht einsam ist und nach wie vor gemeinsam mit anderen Gottesdienst feiern kann.
 
Zur Zeit lesen wir im Gottesdienst den Propheten Ezechiel. Er geht wie alle Propheten Israels sehr hart mit dem Volk ins Gericht, wobei der Hauptvorwurf lautet, dass Israel seinem Gott aber nicht vertraut, sondern seine Hoffnung auf alles Mögliche setzt. Ich fühle mich getroffen, gerade auch in der gegenwärtigen Situation. Worauf hoffe ich - für Mariendonk, für mich selbst?
Ich bin froh, dass unsere alten Mitschwestern heute zum zweiten Mal geimpft werden, aber vor dem Tod retten wird sie die Impfung nicht. Uns alle werden keine Schnelltests retten, keine Impfung, kein Ende des Lockdowns, so wünschenswert das alles ist, ohne Gott wird diese Welt früher oder später verglühen und jeder einzelne wird sein wie nie gewesen. Doch wenn Christus wirklich auferstanden ist und den Tod besiegt hat, wie wir Christen glauben, dann wäre es wirklichkeitsfremd, seine Hoffnung auf irgend etwas anderes als auf ihn zu setzen.
 
Ich bin froh und dankbar, dass so schnell eine Impfung gegen Covid19 entwickelt wurde und glaube, dass jeder einzelne Mensch, der geimpft wird, für uns alle ein Gewinn ist. Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass Geimpfte Vorteile bekommen, z.B. im Hotel übernachten, ins Restaurant gehen oder an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen können, denn ich sehe nicht, warum mir als Ungeimpfter ein Nachteil entsteht, wenn andere etwas Schönes unternehmen können. Man kann doch nicht im Ernst fordern, dass nur weil nicht alle dürfen, niemand darf. Leben wir denn in einem Kindergarten? Sind Mißgunst und Neid die Hauptmotive für unser Handeln?
 
"Wenn zwei von euch auf der Erde übereinstimmen in dem, was sie erbitten, werden sie es von meinem himmlischen Vater erhalten“ (Mt 18,19f).
Origenes erklärt dazu:
„Der Einklang führt zusammen und bietet dem Sohn Gottes Raum, der nur in die Mitte derer kommt, die zusammenklingen. Das Zusammenklingen verwirklicht sich auf zwei Weisen: dadurch, dass man die gleiche Lehre besitzt und dadurch, dass man gleichförmig lebt.
Wenn zwei von uns auf der Erde übereinstimmen in dem, was sie erbitten, werden sie es vom Vater Jesu erhalten Man erhält von Gott nicht, um was man gebeten hat, wenn man nicht auf Erden übereinstimmt. Der Grund dafür, dass wir nicht erhört werden, wenn wir beten, ist, dass wir weder in der Lehre noch in der Lebensweise übereinstimmen. Wenn wir der Leib Christi sind, müssen wir die aus göttlicher Musik stammende Symphonie wahren. Wie es nämlich in der Musik ohne Zusammenklang der Stimmen keinen Genuss des Hörens gibt, so freut sich Gott auch nicht an der Kirche, wenn sie nicht zusammenklingt noch erhört er sie“ (Origenes, Kommentar zum Matthäusevangelium 14,2 stark gekürzt).
Wir leben in einer Zeit des Streites, des Streites auch in der Kirche. Das belastet uns alle. Auch viele Klöster sind zerrissen zwischen den verschiedenen Vorstellungen und Ansprüchen ihrer Mitglieder. Wo nicht Gott, der Eine, im Mittelpunkt steht, findet Spaltung und in ihrer Folge Vereinzelung statt. „Zerstreuung“ ist in der Bibel immer das Ergebnis eines Abfalls von Gott.Zum Glauben gehört der immerwährende Kampf, die Einheit zu wahren.