Aktuelles

Tagebuch (28)
In dem Fürbittenbuch in unserer Krypta fand ich den Eintrag: „Gott der Liebe und der Hoffnung - beschütze deine Welt!“ Als ich diese Bitte in mein Gebet übernahm, stutzte ich zunächst: „Beschütze deine Welt!?“ Ist es nicht doch eher unsere Welt? Können wir zu Gott sagen: „Beschütze deine Welt?“ Hat er nicht die Welt in unsere Hände gegeben, damit wir die Erde bebauen und die Schöpfung als Lebensraum erhalten und pflegen? Ist nicht die Erde unsere Welt und sind nicht wir allein verantwortlich für das, was auf ihr geschieht?
Aber die Bibel sagt uns auch, dass Gott die Welt und den Menschen zu seiner Freude geschaffen hat, dass er sich über die Schöpfung freute, als er sah, dass sie gut, ja sehr gut war. Vor allem freut Gott sich über den Menschen: „Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich“ und: „Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte... Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag.“ Das heißt doch: Gott ist die Welt nicht egal, er freut sich über seine Schöpfung, er nimmt Anteil an der Welt. Und das erst recht nach der Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus, der in die Welt kam als Mensch wie wir, der in ihr gelebt hat, der gestorben und auferstanden ist und der als der Auferstandene die Wundmale behält und sich so seinen Jüngern zu erkennen gibt.
So kann ich also mit gutem Recht beten: „Gott der Liebe und der Hoffnung - beschütze deine Welt!“
Tagebuch (27)
Eben fiel mir ein Text von George MacDonald in die Hände, der vielleicht im Moment nachdenkenswert ist. Auf MacDonald wurde ich durch C.S.Lewis aufmerksam, der ihn immer wieder zitiert. Der Text hat den Titel „Unnötige Aufregungen“.
„Wir trüben unsre Aufmerksamkeit mit Kleinigkeiten, füllen die himmlischen Räume mit Gespenstern, vergeuden die himmlische Zeit mit Hast. Wenn ich mir wegen einer Kleinigkeit Sorgen mache, sogar einer eingestandenen Kleinigkeit, dem Verlust irgendeines unwichtigen Gegenstandes zum Beispiel, mein Gedächtnis anstrenge, im Haus das Unterste zuoberst kehre, nicht aus einer unmittelbaren Notwendigkeit, sondern aus Verdruß über den Verlust an sich; wenn ich ein Buch ausgeliehen und nicht zurückbekommen habe und der Name des Entleihers mir entfallen ist, so dass ich mich über das Fehlen eines Bandes aufrege, ist es dann nicht Zeit, dass ich einige Dinge verliere, da ich so unvernünftig an ihnen hänge? Der Verlust von Dingen ist ein Zeichen der Gnade Gottes: er soll uns lehren, sie fahren zu lassen. Oder ich habe einen Gedanken verloren, der irgendwie mit der Wahrheit zu tun hatte und versuche verzweifelt, ihn zurückzurufen, bin unglücklich, bis ich ihn wieder gefunden habe, vielleicht nur, um ihn noch weit mehr zu verlieren in einem Notizbuch, in dem ich nie mehr danach schauen werde! Ich vergesse, dass es Gott auf Lebendiges ankommt.“
Tagebuch (26)
In einer Situation wie der jetzigen ist die normale Reaktion, dass man den Kopf einzieht und hofft, dass die Dinge sich bald wieder normalisieren. Jedenfalls ging es mir so. Ich dachte: „Drei Wochen stehen wir das durch und dann machen wir da weiter, wo wir aufgehört haben.“ Normal war für mich, wie wir letztes Jahr oder vor einigen Wochen gelebt und gewirtschaftet hatten. Allmählich wird deutlich, dass es keine Rückkehr in die Normalität von vor vier Wochen geben wird, jedenfalls nicht so bald. Das zu akzeptieren fällt schwer und manchmal komme ich mir wie in einem surrealistischen Traum vor.
Gleichzeitig erlebe ich auch Schönes: Vieles fällt weg, was nicht nur ein Verlust ist, sondern teilweise auch eine Erleichterung. Gestern sagte mir eine Mitschwester, als ich am Ende des Tages leise seufzte, weil ich den Eindruck hatte, den ganzen Tag über nichts Effektives getan zu haben: „Vielleicht sollen wir lernen zu leben und nicht immer nur zu leisten.“ Ja, wir müssen als Einzelne und als Gesellschaft versuchen, in einen anderen Gang zu schalten. Bis uns das wirklich gelingt, wird noch etwas Zeit vergehen, aber ich habe den Verdacht, wir werden diese Zeit bekommen.
 
Tagebuch (25)
In den Medien ist zur Zeit die Rede von der „Corona-Krise“. Unter einer Krise stelle ich mir zunächst etwas Negatives vor. „Ich krieg' die Krise“ würde ich sagen, wenn es in einem frisch renovierten Raum in Mariendonk einen Wasserrohrbruch gibt oder wenn ich mir unmittelbar vor einer Romreise das Bein breche.
Doch das Wort „Krise“ ist ursprünglich offener und hat eine vielfältigere Bedeutung. Es kommt aus dem Griechischen und bedeutet Trennung, Scheidung, Entscheidung, dann auch Richterspruch, Gericht und Urteil. Ein sehr wichtiger Satz im Johannesevangelium lautet: „Mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht“ oder wie man auch übersetzen könnte: „Das aber ist die Krise: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht.“
Das Kommen Jesu in unsere Welt bringt uns alle in eine Entscheidungssituation. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Jesus fordert die Entscheidung, was wir lieben: uns selbst oder ihn und unsere Mitmenschen. Von daher versteht man, dass Covid-19 tatsächlich eine Krise ist, eine Situation, in der wir neu entscheiden müssen, was uns wichtig ist. Damit sind wir mit Covid-19 zugleich auch vor ein Gericht gestellt.
 
Tagebuch (24)
Wenn in der Bibel Gott oder sein Engel auf einen Menschen zugeht, ist immer das erste Wort: „Fürchte dich nicht“. So auch an Ostern. Der Engel sagt dieses Wort zu den Frauen und auch der Auferstandene sagt es zu seinen Jüngern.
Gott weiß, dass wir Angst haben, dass sie zu unserem Leben gehört und das Motiv für viele unserer Handlungen ist. Wir brauchen, um leben zu können, ganz viel, und wir sind ständig in Sorgen, es nicht zu erhalten. Angst ist eine der häufigsten Empfindungen des Menschen, die sich praktisch auf alles richten kann. Letztlich steht hinter jeder Angst die Angst vor dem Tod. Wir wollen leben, und unser Glaube an ein Leben nach dem Tod ist in der Regel nicht so sicher, dass er uns diese Angst nimmt.
Die Welt ist in Aufruhr und Chaos (war sie das nicht immer?) und wir sitzen in einem schwankenden Boot bedroht von Wind und Wellen. Wir erfahren, dass wir die Welt nicht retten können. Aber immer wieder kommt Jesus auf uns zu und sagt zu uns: „Fürchte dich nicht!“
Auf den Gehorsam dieser göttlichen Weisung gegenüber müssen wir ein ganzes Leben lang hinwachsen, indem wir uns und unser Leben immer mehr loslassen, „gelassen“ werden, so dass wir, wie es im Gesang des Benediktus heißt, „befreit aus Feindeshand ohne Angst ihm dienen dürfen“. Trotzdem wird das Schiff unseres Lebens irgendwann kentern. Die letzte Beschwichtigung aller Stürme erwarten wir erst für das ewige Leben. Dann wird Gott uns nochmal fragen, warum wir solche Angst hatten, und uns wird keine vernünftige Antwort einfallen, nur ein erleichtertes Lachen.

In Mariendonk haben wir die Kar- und Ostertage fast normal gefeiert, wenn man ein Benediktinerinnenkloster ohne Gäste normal nennen will. Am Gründonnerstag gab es keine Fußwaschung, ich denke, jetzt ist nicht das Symbol dran, sondern der Gehorsam der Weisung Jesu gegenüber, einander zu dienen. In der Osternacht standen auf allen leeren Plätzen, wo sonst die Gäste sitzen, Kerzen und haben uns sehr eindringlich bewusst gemacht, dass wir stellvertretend für Sie alle die Osternacht feiern.