Meine Eltern waren linke Sozialdemokraten, daher spielte bei uns die Partei die Rolle, die in anderen Familien die Gemeinde spielt. Als ich Abitur machte und anfing zu studieren, betrachtete ich mich als linke Feministin und fand die Beziehung von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre ein Modell, das ich mir auch für mich selbst vorstellen konnte.
Als ich zum Glauben fand, tat sich mir eine neue Welt auf und ich habe viele Jahre damit verbracht, immer tiefer in die abendländische Theologie und Philosophie einzudringen - mit steigender Faszination. Ich habe die Bibel gelesen und versucht zu verstehen, was Gott sagen mir will. Es war mühsam, meine Vorurteile abzulegen und wirklich zuzuhören. Aber es hat sich gelohnt, meine jetzige Welt ist unendlich reicher.
Und wo stehe ich heute? Ich reibe mir die Augen und muss feststellen, dass ich auf einmal als erzkonservativ gelte, obwohl ich mich immer noch für eine linke Feministin halte, wenn auch nicht für eine die die Beziehung von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre als Familienmodell propagieren würde. Aber was heute als linke Politik und Theologie verkauft wird, hat für mich nichts mehr mit Freiheit und Gerechtigkeit zu tun, schon gar nicht mit Wahrheit und Eintreten für die Rechte von Frauen und Kindern. Oft möchte ich schreien: „Halt, seid ihr denn alle verrückt?“
Zur Zeit sehe ich unser Kloster und auch mich selbst zwischen allen Stühlen. Das ist eine relativ ungemütliche Position. Die Progressiven finden uns hoffnungslos altmodisch, die Konservativen lehnen uns ab, weil wir nicht die tridentische Messe feiern und die Mundkommunion nicht für die Mitte unseres Glaubens halten. Dabei wollen wir im Grunde nur eins: Katholisch sein, dasselbe glauben wie Paulus, Origenes, Athanasius, Augustinus, Thomas von Aquin, John Henry Newman, Hans Urs von Baltasar und Gott immer tiefer verstehen.