Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Zunehmend kritisch stehe ich dem Begriff des „geistlichen Mißbrauchs“ gegenüber, der zur Zeit von allen Kirchendächern herab verkündet wird. Natürlich passiert es - leider viel zu oft! -, dass der Glaube benutzt wird, um Menschen zu manipulieren, in Abhängigkeit zu bringen und für eigene Ziele auszunutzen. Das ist eine Perversion dessen, was das Evangelium eigentlich will: „Zur Freiheit seid ihr berufen.“
Aber auf die Freiheit des Evangeliums hinzuwachsen, ist ein lebenslanger Prozess, bei dem man die Führung durch Menschen braucht, die schon weiter sind als man selbst. Sich dieser Führung zu überlassen, wird in der geistlichen Tradition als Gehorsam bezeichnet, ein Wort, das man heute nicht mehr gerne verwendet. Statt dessen spricht man lieber von „geistlicher Selbstbestimmung“. Es ist richtig, dass der Gehorsam das eigene Gewissen niemals ausschalten darf; falsch aber ist die Meinung, dass im Grunde jeder selbst am besten weiß, was für ihn gut ist. In Bezug auf sich selbst ist man oft sehr blind!
Bei manchen Texten zum geistlichen Mißbrauch, die ich in letzter Zeit gelesen habe, frage ich mich, ob man nicht vielen Heiligen, auch Paulus, ja sogar Jesus selbst geistlichen Mißbrauch vorwerfen muss. Ist es wirklich schon geistlicher Mißbrauch, wenn man klar sieht, was für einen anderen gut ist und ihm das liebevoll sagt?
 
Wir haben in unserer Kirche zu wenig Priester, zu wenig Gläubige, zu wenig Glauben, zu wenig Geld, zu wenig....
Wir haben in unseren Klöstern zu wenig Novizen, zu wenig geistliche Ressourcen, zu wenig Perspektiven, zu wenig...
„Kümmert es dich nicht, das wir zugrunde gehen?“
„Warum seid ihr so feige? Habt ihr keinen Glauben?“ (vgl. Mk 4,38-40).
 
Glauben - nicht irgendwelche Sätze, sondern glauben, dass jemand liebevoll auf mich schaut, ist schwer. Immer wieder der Versuch, doch lieber alles selbst zu machen... Aber es ist Unglaube, ständig für sich selbst zu sorgen zu wollen, es gibt einen anderen, der das viel besser tut.
 

Tut mir leid, ich glaube weder an Chancengleichheit noch an Geschlechtergerechtigkeit oder höchstens als Ziel, das nicht aus den Augen verloren werden darf. Ein Elternhaus, das vielseitig kulturell anregend ist und in dem Kinder liebevoll gefördert werden, schafft einen Vorsprung, der nie mehr einzuholen ist, aber was heißt das schon? Man kann nicht nur auf internationalem Parkett glücklich werden...
Und: Frauen und Männer sind verschieden – von Natur aus, nicht nur durch Erziehung. Darum wird es leider auch dabei bleiben, dass Frauen mehr Angst vor Männern haben müssen als umgekehrt. Der Fall, dass ein Mann von fünf Frauen vergewaltigt wird, kommt doch eher selten vor.
Insofern stehe ich auch dem Priestertum der Frau, ganz abgesehen von allen theologischen Gründen, skeptisch gegenüber. Unsere Kirche hat zeitlich und räumlich die ganze Welt im Blick, während manche Menschen in unserem Land nur ihr Dorf sehen oder Deutschland zum Maßstab für die Welt machen. In welchen Ländern ist es überhaupt möglich, dass eine Frau in der Öffentlichkeit frei agieren kann, wo kann sie allein Hausbesuche machen oder im Beichtstuhl sitzen?

Nein, dieser Blog wurde nicht beendet, ich hatte in den letzten Tagen nur keine Zeit zu schreiben. Zwei Mitschwestern sind kurz hintereinander gestorben: Mutter Luitgardis, die viele Jahre unsere Äbtissin war, und Schwester Pudentiana. Das Sterben von zwei Menschen, mit denen man Jahrzehnte zusammengelebt hat, ist schwer zu verkraften, wenn es in so kurzer Zeit geschieht, die Seele kommt nicht hinterher. Und immer wieder stellt sich, wenn man an einem offenen Sarg steht, die Frage: Glaubst du wirklich, dass dieser Mensch nicht endgültig tot ist, sondern lebt? Ist das nicht eine Illusion? Solltest du nicht einfach akzeptieren, dass mit dem Tod alles aus ist?
Der Tod kann ein Grund sein, warum Menschen glauben, er ist aber zugleich auch das stärkste Argument gegen den Glauben, der Leichnam sagt deutlich, dass das Leben diesen Menschen für immer verlassen hat und dass Gott es nicht verhindert hat. Auch die Erinnerung an diesen Menschen wird schwinden, allen Beteuerungen in Todesanzeigen zum Trotz. Denn die, die sagen, sie werden die Toten nie vergessen, werden ebenfalls sterben...
Die Toten sind endgültig fort und haben nur eine leere Hülle hinterlassen, die wir begraben oder verbrennen.
Worauf ich mich angesichts des Todes verlasse? Letztlich, auch wenn das für viele Menschen sehr naiv-fromm klingt, auf Jesus, der von „dort“ gekommen ist und uns zugesagt hat: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin“ (Joh 14,2f). Das glaube ich, aber ich gebe zu, dass mein Glaube angesichts des Todes immer neu herausgefordert ist.