Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Den Triebkräften dieser Welt, Geld, Macht und Sexualität, hat Jesus Armut, Gehorsam und Jungfräulichkeit entgegengesetzt. Unsere Welt lacht darüber und viele in der Kirche stimmen in dieses Lachen ein. Gleichzeitig wird immer deutlicher, wie Verschwendung, Herrschsucht und sexuelle Ausschweifung unsere Welt und auch die Kirche zerstören. Wir sollten noch viel radikaler Buße tun und auf das Evangelium hören, anstatt das Heil in dem zu suchen, was uns zerstört, und zu meinen, genau darin liege die ultimative Vernunft.
 
Ein Nachtrag zu dem Blogeintrag vom 6.6.: Es gibt nicht nur die Diskrepanz zwischen Reden und Tun, sondern auch die zwischen äußerem Handeln und innerem Gefühl. Sehr oft sagen mir Menschen, die Forderung Jesu, seinen Nächsten zu lieben, sei nicht zu erfüllen, denn Liebe könnte man nicht befehlen. Letzteres ist natürlich richtig, jedenfalls soweit es um Liebe als ein Gefühl geht. Aber meinte Jesus das? Ich denke, seine Beispiele zeigen eher, dass wollte, dass wir den  Anderen wie uns selbst behandeln, d.h. um seine leiblichen, geistigen und seelischen Bedürfnisse genauso besorgt sind wie für unsere eigenen, auch wenn er uns herzlich unsympathisch ist. Das ist Nächstenliebe; das Gefühl der Liebe ist demgegenüber völlig zweitrangig. Handeln wir so, wie wir sein wollen und wie wir erkannt haben, das es richtig ist. Das ist keine Heuchelei, sondern solches Tun trägt die Hoffnung in sich, dass unser Tun uns prägen und unser Inneres, auch unsere Gefühle, nachziehen wird. Anders gesagt: Verhalten wir uns wie Menschen, die ihren Nächsten lieben, dann werden wir zu solchen Menschen!
 
„Zeitbedingt“ – welche hermeneutische Relevanz hat dieser Begriff?
 
In der Gemeinschaft sprechen wir oft über die aktuelle Lage der Kirche. Neulich die Frage einer Mitschwester: „Kann die Kirche überhaupt noch als moralische Instanz gelten, haben diese Aufgabe nicht die Medien übernommen?“ Diese Frage geht mir seit Tagen nach.
Jesus hat gesagt: „Wer euch hört, hört mich“ (Lk 101,6), das ist für mich absolut bindend. Gleichzeitig gilt auch: „Tut und befolgt alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht“ (Mt 23,3).
Ich kann deshalb damit leben, wenn Amtsträger persönlich versagen, viel wichtiger ist mir, dass sie wirklich das Evangelium Jesu Christi verkünden. Ich glaube ja nicht an Bischof X oder Pfarrer Z, sondern an ihn, der für mich der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.
Natürlich wäre es gut, wenn jeder von uns, zumindest aber jeder Amtsträger, wie Paulus von anderen fordern könnte: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme“ (1Kor 11,1). Ich muss aber ehrlich sagen, dass ich selbst zögere, meine Mitschwestern so anzusprechen, aus Angst vor Unwahrhaftigkeit und Heuchelei, modern ausgedrückt: vor mangelnder Authentizität. Ich möchte nicht anders reden als ich handle, ich möchte nicht nach außen etwas darstellen, was ich nicht wirklich bin.
Doch ich bezweifle, dass es richtig wäre, wenn ich diesem Unbehagen zu sehr nachgeben würde. Denn meine Aufgabe als Äbtissin ist es zu verkünden und zu mahnen, auch dort, wo ich ehrlicherweise zugeben muss, dass ich selbst versage. Aber soll ich die Zehn Gebote und die Bergpredigt unter den Tisch fallen lassen, weil ich selbst die Wahrheit verdrehe und Gott nicht aus ganzem Herzen liebe, weil ich nachtragend und selbstsüchtig bin?
Im Kloster ist es die Aufgabe der Äbtissin, immer wieder an die gemeinsamen Werte zu erinnern. Ich würde mich schuldig machen, wenn ich das nicht täte, gleichzeitig weiß ich aber auch - und bei dem engen Zusammenleben in unserer Gemeinschaft wissen es natürlich auch meine Mitschwestern - dass ich selbst nicht vollständig lebe, was ich sage. Aber deshalb kann das, was ich sage, dennoch richtig sein, denn ich verkünde nicht mein eigenes Wort, sondern die Botschaft eines anderen, die ich nicht verkürzen darf, selbst wenn sie mich beschämt.
Zurück zu unserer Kirche. Ich bin davon überzeugt, dass diejenigen, die in unserer Kirche Ämter haben im Durchschnitt nicht besser und nicht schlechter sind als zu allen Zeiten. Wichtig ist, ob die Kirche das Evangelium verkündet und sie ist die einzige Institution, die das tut. Ich bin dankbar für die vielen Heiligen, die es in ihr gibt, aber ich weiß und akzeptiere auch, dass das Unkraut bis zur Ernte mitwachsen wird -leider auch in mir selbst. Sich darüber aufzuregen ist unreif.

Durch die Pandemie, durch mein eigenes Älterwerden und in der Auseinandersetzung mit der momentanen kirchlichen Situation lerne ich, von Tag zu Tag zu leben und die Zukunft als unplanbar Gott zu überlassen.
„Wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert...“ (2Kor 4,16). Dass der äußere Mensch aufgerieben wird, erlebe ich, um die Erneuerung des inneren kann ich nur bitten. Es ist damit ähnlich wie mit dem täglichen Brot: Gott gibt uns kein Brot, das für immer reicht, auch nicht per Zauberwort eine bleibende innere Kraft, aber er gibt uns Tag für Tag das, was wir zum Leben brauchen. Aber ich ertappe mich immer wieder dabei, doch für morgen vorsorgen zu wollen.