Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Zur Zeit fordern viele, das Weiheamt in seinen Aufgaben drastisch zu beschneiden und zugleich für alle zu öffnen. Dass man damit die Sakramentalität der Kirche aufgeben würde, ist kaum jemandem klar. Auch nicht dass man mit der Schuldzuweisung an den Klerus, damit dass man die Kleriker für alles, was in der Kirche geschieht, verantwortlich macht, genau dem Klerikalismus huldigt, den man eigentlich überwinden will. Wenn die Kirche wirklich ein Volk, ein Leib ist, dann betrifft die Sünde einzelner uns alle, wenn ein Glied leidet, sündigt, krank wird, betrifft das die ganze Kirche.
Schauen wir in die Heilige Schrift, dann finden wir dort neben dem persönlichen Schuldbekenntnis „ich habe gesündigt“ immer wieder auch das Bekenntnis des ganzen Volkes „wir haben gesündigt“ (z.B. Ri 10,10.15; 1 Sam 12,10). Damit ist nicht gesagt, dass alle einzelnen persönliche Schuld auf sich geladen haben, viele, vor allem die Frauen und Kinder, aber auch die einfachen Leute hatten gar nicht die Möglichkeit an den Entscheidungen, um die es ging, mitzuwirken, aber sie alle gehörten zum Volk Israel und mussten die gemeinsame Schuld mittragen.
Das gilt für die einfachen Israeliten, noch mehr aber für die Propheten und Lehrer dieses Volkes. Jeremia hatte immer wieder gemahnt, die falschen Wege zu verlassen und wäre für diese Warnungen von seinem eigenen Volk beinahe umgebracht worden, dennoch finden wir gerade bei ihm das Sündenbekenntnis, in das er sich selbst einbezieht. Und Daniel, der als ein Mann beschrieben wird, der von früher Jugend an Gott diente, betet: „Nach Wahrheit und Recht hast du all dies wegen unserer Sünden herbeigeführt. Denn wir haben gesündigt und durch Treubruch gefrevelt und haben in allem gefehlt. Wir haben deinen Geboten nicht gehorcht, haben weder beachtet noch getan, was du uns zu unserem Wohl befohlen hast“ (Dan 3,28-30).
Ich habe dieses Bußgebet einmal umgeformt für die heutige Zeit:
„Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, du bist gerecht in allem, was du uns zugefügt hast. Alles, was du tust, ist richtig, dein Urteil über uns ist wahr. Du hast uns zu Recht bestraft und deine Kirche dem Gespött der Menschen ausgeliefert. Ja, all dies hast du wegen unserer Sünden herbeigeführt, denn wir haben gesündigt und dir die Treue gebrochen; wir haben deinen Geboten nicht gehorcht. Du hast uns der Gewalt der öffentlichen Meinung und dem Gerede der Menschen preisgegeben. Wir dürfen nicht den Mund auftun, ohne dass man uns Lüge und Verschleierung vorwirft. Schande und Schmach kommt über jeden, der sich zur katholischen Kirche bekennt. Um deines Namens willen verwirf uns nicht für immer; löse deinen Bund mit uns nicht auf! Schau auf deinen geliebten Sohn, zu dem wir trotz unserer Sünde unverlierbar seit unserer Taufe gehören und versag uns nicht dein Erbarmen. Ach, Herr, wir sind gelten als der Abschau der Menschen, der deinen Namen missbraucht, um Macht über andere zu gewinnen und sie zu quälen. Zu Recht sind wir heute in aller Welt wegen unserer Sünden für jeden anständigen Menschen eine Gruppe, von der man sich fernhält. Es gibt in dieser Zeit weder Heilige, die uns neue Wege zeigen noch Propheten, die uns sagen, was du von uns willst. Deine Sakramente, wer will sie noch empfangen, dein Wort, wer will es noch hören? Alles, was wir zu geben haben, ist beschmutzt. Du aber nimm uns trotzdem an! Wir kommen zu dir im Bewusstsein, dass wir alle schuld sind am Zustand deiner Kirche. Wir kommen zu dir im Wissen, dass wer dir vertraut, nicht beschämt wird. Überlaß uns nicht der Schande, sondern handle an uns nach deiner Milde, nach deinem überreichen Erbarmen! Errette uns, deinen wunderbaren Taten entsprechend; verschaff deinem Namen Ruhm, Herr! Auf dass alle Menschen erkennen, dass du allein der Herr und Gott bist, ruhmreich auf der ganzen Erde‟ (Bußgebet 2020 (frei nach Dan 3,25-45).
 
Mehr noch als die Corona-Pandemie belastet mich der Zustand der Kirche.  Was bedeutet die Kirche für mich?

Die Kirche ist die geliebte Braut Christi. Wenn ich sie liebe, liebe ich, was er liebt.
Die Kirche ist der Leib Christi. Nur in ihr bin ich in das Leben Christi einbezogen.
Die Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden, für mich allein hätte ich nicht die Kraft, Christin zu sein.
Die Kirche ist meine Mutter, ich habe von ihr alles empfangen, was in meinem Leben Grund zur Freude ist: den Glauben, die Heilige Schrift, die Sakramente. Ohne sie würde ich verhungern.

Kirche war für mich viele Jahre gleichbedeutend mit unserer Gemeinschaft und mit der großen Tradition, die ich kennenlernte. Der „Amtskirche“ begegnete ich kaum und mußte mich daher auch nicht mit ihr auseinander setzen. Selbst die Frage des Frauenpriestertums, die mich als studierte Theologin ja hätte umtreiben können, war mir nicht wichtig. Ich verstand das Mönchtum als eine charismatische Bewegung und glaubte, dass es gut ist, dass es in unserer Gemeinschaft keine Priesterinnen gibt, sondern dass für die Messe ein Priester von außen kommt. Er vertritt uns gegenüber Christus, den Herrn, ist aber auch Bote der Gesamtkirche, zu der wir gehören.
In den letzten Jahren mußte ich den Scherbenhaufen, vor dem unsere Kirche steht, wahrnehmen, etwas, was ich vor zehn oder zwanzig Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Zu viele Christen, auch viele Priester haben Gott an 4., 27 oder 83. Stelle ihres Lebens gesetzt und dazu beigetragen, dass die Kirche implodiert. Kann ich diese Kirche wirklich noch lieben?
Im 1. Petrusbrief heißt es: „Jetzt ist die Zeit, in der das Gericht beim Haus Gottes beginnt“ (1Petr 4,17). Gericht im biblischen Sinn bedeutet Offenbar-Werden dessen, was ist. Dieses Gericht erleben wir zur Zeit, und wir sollten dankbar sein, dass alles aufgedeckt wird. Wir sollten vor allem nicht versuchen, uns zu trösten, indem wir uns vormachen, das meiste seien  Verleumdungen. Es gibt sicher Verleumdungen, aber das meiste ist leider wahr.
Wir sind damit konfrontiert, dass Menschen in unserer Mitte, die geweiht wurden, um uns Christus sakramental zu vergegenwärtigen, ihr Amt dazu benutzt haben, um Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene zu missbrauchen, die sich ihnen anvertrauten und erwarteten, in ihnen und durch sie Christus zu begegnen. Das ist eine Dimension des Bösen, mit der wir nicht gerechnet hatten. Wir alle wissen, dass auch Priester keine Heiligen sind, dass sie egoistisch ein können, suchtkrank, ihrem Zölibatsversprechen untreu, ihrem Bischof ungehorsam oder dass sie einfach unerfreuliche Zeitgenossen sind. Aber das sind ihre persönliche Sünden und Charakterschwächen. Ein Priester, der eine Freundin hat, hat diese Freundin als Mann, der nicht auf Sexualität verzichten kann oder will. Ein Priester, der sein Priestersein benutzt, um andere zu mißbrauchen, begeht sein Verbrechen ausdrücklich als Priester, sein Tun ist damit nicht nur furchtbar für seine Opfer, sondern zugleich auch ein Sakrileg und eine Blasphemie, weil er Gott lästert und den Glauben in anderen zerstört.
Schlimm ist das alles, weil für mich kein Weg an der Kirche vorbeiführt. Ich brauche sie, um „in Christus“ zu sein. Ich kann Gott nur in der Kirche finden und leide darunter, dass die Kirche mir den Glauben so schwer macht. Ich glaube nicht, dass diese Traurigkeit in diesem Leben je aufhören wird und auch nicht, dass es je eine Zeit ab, in der es keinen Grund zu ihr gab. (Fortsetzung folgt)
 
Ich werde immer wieder gefragt, wie es uns in Mariendonk geht. Ich scheue mich, darauf zu antworten, denn einerseits leiden wir natürlich wie alle unter der Pandemie, wirtschaftlich und allmählich auch psychisch. Andererseits weiß ich aber auch, dass wir viel weniger Grund als andere Menschen haben, uns zu beklagen, denn mindestens 80 % unseres Alltags verlaufen auch unter Coronabedingungen wie gewohnt: Wir feiern unseren Gottesdienst, tun unserer Arbeit, die sich für ganz viele Schwestern sowieso innerhalb des Klosters befindet, und haben 24 Gesprächspartnerinnen. Wer hat das schon? Wir sind uns der privilegierten Situation, in der wir uns befinden, sehr bewusst.
Aber das ist nur der enge Bereich unseres persönlichen bzw. gemeinschaftlichen Wohlbefindens. In unseren Gesprächen wird immer wieder deutlich, dass wir uns fragen, wie es für all die vielen Menschen, die wir kennen oder von deren Schicksal wir hören, weiter gehen wird. Niemand weiß eine Antwort auf diese Frage, denn niemand weiß, wie lange es dauern wird, bis wir wirklich über den Berg sind. Unsere Gesellschaft hofft auf eine technische Lösung durch die Impfung, aber ob diese Lösung wirklich eine Lösung sein wird, weiß zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand. Wir müssen Geduld haben.
Von der Kirche wird vorwurfsvoll gesagt, dass sie in dieser Situation nicht wirklich etwas Erhellendes beizutragen hat. Mir geht es im Grunde genauso, das muss ich zugeben. Natürlich könnte ich an dieser Stelle einen schönen Text aus der Heiligen Schrift zitieren, aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich hilfreich ist. Ich glaube Gott verlangt zunächst von uns, dass wir erkennen und akzeptieren, dass wir machtlos sind. Das wirklich zuinnerst und im Glauben anzunehmen, wäre ein Schritt in die richtige Richtung.
 
Steine, nichts als Steine,
Kein einziger Stern –
Weine Volk, o weine:
Gott ist sehr fern.
Steine, nichts als Steine –
Was blitzte da?
Weine Volk, o weine:
Gott ist sehr nah.
 
Gertrud von Le Fort
 
aus: Gedichte und Aphorismen,
Verlagsgruppe Lübbe, Bergisch-Gladbach 1988

 
Ein Baum in unserem Wald fiel um und blieb liegen. Wir sahen, dass er innen völlig verfault war.
Niemand kümmerte sich weiter um ihn, er störte nicht und verrottete langsam.
Dachten wir... , aber der Baum hatte andere Pläne.
Er war nicht tot, sondern innerlich voll Leben.
 
Im nächsten Sommer sah er so aus:
 

Ich nehme diesen Baum als Sinnbild für 2020 und als Hoffnung für 2021.
Vieles ist umgefallen und liegt am Boden: die Kultur, der Sport, die Bildung, das Gesundheitssystem und - was mir am meisten Kummer macht - unsere Kirche.
Aber im Glauben habe ich dennoch Hoffnung auf neues Leben, kleiner, bescheidener und ärmer, aber voll Kraft und neuem Mut.