Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Fast immer wenn ich mit Gruppen, die bei uns zu Gast sind, auf das Gebot der Nächstenliebe komme, sagt früher oder später jemand, Jesus habe uns geboten, sich selbst zu lieben. Geschlossen wird das aus dem Satz: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Tut mir leid, aber das hat Jesus nicht gemeint! Vielleicht hätten wir gerne, dass er uns die Selbstliebe ans Herz legt, aber er tut es nicht. Im Gegenteil: Er gebietet uns, abzulassen  vom Kreisen um uns selbst und auf Gott und die Menschen um uns herum zu schauen. Selbstliebe setzt er voraus, gebietet uns aber Nächstenliebe, die für uns viel schwerer ist.
Diese Fehlinterpretation, der ich immer und immer wieder begegne, ist schon sprachlich falsch. Wenn ich sage: „Du musst dein Fahrrad genauso sorgfältig putzen wie dein Auto“, ist das keine Mahnung zum Autoputzen, sondern eine zum Fahrradputzen, vorausgesetzt wird, dass das Gegenüber sein Auto sowieso putzt.
Ja, aber, wird man mir antworten, sich selbst zu lieben, ist gar nicht selbstverständlich, nur wenn man es gelernt hat, kann man auch den Nächsten lieben. Daran ist natürlich etwas Wahres, aber ich bleibe mißtrauisch, denn ich kenne zu viele Leute, die so sehr üben, sie selbst zu lieben, dass sie zur Nächstenliebe nie kommen werden.
„Wie sich selbst“ meint im biblischen Sinn auch gar nicht die Annahme seiner selbst, wozu ein Mensch tatsächlich erst im Laufe seines Lebens kommt, sondern einfach die Erfüllung der alltäglichen Bedürfnisse: Hunger, Durst, Schlaf, ein Dach über dem Kopf, keine Schmerzen. Wir alle sorgen dafür, dass diese unsere Bedürfnisse erfüllt werden, denn sie sind die Grundlage für alles Weitere; Nächstenliebe hieße, diese Bedürfnisse genauso wichtig zu nehmen, wenn ein anderer sie hat.
 
Im Deutschen haben wir den Begriff „Heidenangst“. Damit ist nicht die Angst vor den Heiden  gemeint, noch nicht einmal primär die Angst, die die Heiden haben, weil es in ihrem Leben keine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod gibt, sondern vor allem die Angst, die wir Christen haben, weil wir im Innersten gar nicht wirklich Christen sind. Im Moment haben wir eine „Heidenangst“ vor dem Covid19-Virus.
Der Prophet Jesaja sagt, dass es für den Menschen nur eine Furcht geben sollte, die Furcht vor Gott, die alle anderen Ängste relativiert. Er sagt seinen Zeitgenossen und auch uns: „Nennt nicht alles Verschwörung, was diese Leute Verschwörung nennen. Was sie fürchten, sollt ihr nicht fürchten; wovor sie erschrecken, davor sollt ihr nicht erschrecken. Den Herrn der Heere sollt ihr heilig halten; vor ihm sollt ihr euch fürchten, vor ihm sollt ihr erschrecken“ (Jes 8,12f). Gottesfurcht ist das Wissen um die Macht und Herrlichkeit Gottes, sie ist anbetende Liebe und das Vertrauen, dass Gott mit allem, was geschieht, mag es auch noch so angsteinflößend sein, letzten Endes unser Glück will (vgl. 1Tim 4,3). Das gilt auch in Coronazeiten!
 
Im Lukasevangelium sagt Jesus: „Von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück!“ Das beziehen wir meistens nur auf materielle Dinge, vor allem auf geliehenes Geld. Aber was ist „das Meine“, was ist es wirklich? Es ist alles, was mir gehört und worauf ich Anspruch habe. Vor allem gehört mir meine Zeit, sie ist mein Leben, aber ich brauche auch die Aufmerksamkeit und Liebe der anderen, ihre Achtung und die Anerkennung meines Tuns. Das alles kann verloren gehen, es kann mir genommen werden. Dann erst wird der Satz in seiner Radikalität deutlich: „Von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück!“
 
Für mich war der Sprung ins Kloster ein sehr großer, der in meiner Erziehung er nicht angelegt war, es war ein Sprung aus einer säkularen Geisteshaltung in den Glauben, in die Anbetung. Ich habe mir damals sehr genau überlegt, was ich tat und war mir des Grabens sehr bewusst. Deshalb stehe ich verständnislos vor Menschen, die meinen, den christlichen Glauben ohne diesen Sprung haben zu können. Ich schaue mit Befremden auf all die frommen Katholiken, die, um zeitgemäß zu werden, etwas fordern, von dem ich denke, dass es schon vor 40 Jahren für Nicht-Katholiken selbstverständlich war. Ich bin sicher nicht in ein Kloster eingetreten, um endlich modern zu sein.
Als ich Nonne wurde, war mir klar, dass ich den Sprung in eine fremde Welt mit eigenen Plausibilitätsstrukturen wagte und dass es ein lebenslanges Studium brauchen würde, meinen Glauben für die Welt, aus der ich kam, verstehbar zu machen. Ich glaube nicht, dass mir das gelungen ist, manchmal fürchte ich sogar, dass es immer schwerer wird, Glauben und säkulare Gesellschaft miteinander ins Gespräch zu bringen. Eins aber steht für mich unumstößlich fest: Wenn es dieses Gespräch geben soll, müssen beide Dialogpartner ihre Position zuspitzen, d.h. ihr Anliegen klar vertreten, es bringt nicht, wenn Christen betonen, sie seien ganz derselben Meinung wie alle. Wenn das so ist, sind sie keine Christen mehr, wenn sie Christen sind, müssen sie ein Anstoß für andere sein.
Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang ein Text aus dem Matthäusevangelium, wo berichtet wird, dass Jesus Petrus vorwirft: „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Ja, tatsächlich, wir denken menschlich und sich wirklich hinter Jesus zu stellen und Gottes Gedanken zu denken, nach-zu-denken, erfordert langes Lernen, vor allem aber Zweifel an den eigenen Überzeugungen.
Im Unterschied zu vielen anderen, gerade auch frommen Menschen, ist die Aufklärung für mich keine Befreiung, sondern eine Verengung auf rein menschliches Denken, während der Glaube die Weite ist.
 
Gottes Macht besteht darin, in Freiheit zu setzen, loszulassen, das Handeln anderer Wesen zu ermöglichen. Er ist groß, weil er nicht vergewaltigt, sondern Freiheit zuläßt. Das hat auch Konsequenzen für jeden von uns; auch wir müssen loslassen: Dinge aus der Hand geben, Worte stehen lassen, Geschriebenes seiner Eigendynamik überlassen, Menschen freigeben. Das ist manchmal sehr schwer, da man ahnt, dass die anderen anders entscheiden werden, als man selbst es getan hätte. Immer besteht die Gefahr, dass sie die eigenen Ideen verfremden, zerstören, nicht wirklich umsetzen. Die Angst davor nicht unbegründet und kann dazu führen, am liebsten alles selbst zu machen. Aber wenn Gott, dessen Pläne wir Menschen fortwährend durchkreuzen, so handeln würde, wären wir nicht frei und d.h. nicht wirklich in der Lage zu lieben. Daher immer neu die Frage: Will ich die Freiheit der anderen, will ich sie wirklich? und: Verhalte ich mich so, dass Freiheit für andere möglich wird?