Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Im Moment lese ich „Am Himmel wie auf Erden“ von W. Bergengruen, ein Buch, das ich vor dreißig Jahren schon einmal gelesen habe, das aber in der Corona-Pandemie eine neue Aktualität gewinnt. In diesem Roman geht es um eine Wasserflut, die von Astrologen für den 15. Juli 1524 vorausgesagt war und Panik auslöste. Der Roman zeigt, wie verschieden Menschen in einer Situation der Angst reagieren und wie in ihnen alles Gute und Schlechte, das wohl immer schon latent vorhanden war, plötzlich ausbricht.
 
Ist mein Leben fruchtbar? Was heißt überhaupt Fruchtbarkeit? Dazu habe ich einen Impuls für unsere Bistumsseite verfaßt:
https://www.bistum-aachen.de/Orden-und-Saekularinstitute/aktuell/nachrichten/nachricht/Bleibende-Frucht/
 
Gott ist der eine. Mit diesem biblischen Bekenntnis ist eine höchst anspruchsvolle Aussage über das Wirklichkeitsverständnis des gläubigen Menschen gemacht. Denn wenn Gott der eine ist, dann ist auch die Wirklichkeit eine, dann müssen alle Erfahrungen, Freude wie Leid mit diesem einen Gott in Verbindung gebracht werden. „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn“ (Ijob 1,21). Daraus folgt aber auch: Sobald man diesen Gott ablehnt, zerfällt die Wirklichkeit in eine Fülle von unzusammengehörigen Bereichen und dem Menschen geht die Einheit verloren. Die Menschen, die den Turm zu Babel bauten, wurden zerstreut (vgl. Gen 11,9), das sündige Volk Israel wird ins Exil geführt und es heißt zu Beginn des Psalters: „„Der Herr kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich“ (Ps 1,6). Jeder, der Gott ignoriert, macht irgendwann die Erfahrung, dass sein Weg nirgends hinführt, dass er sich verliert - spätestens im Tod. Im Grunde wird hier keine Aussage über irgendwelche bösen Menschen gemacht, sondern „nur“ über Wege, die sinnlos sind und nirgends hinführen. Und leider sind es ja nicht nur „die anderen“, die solche Wege gehen, sondern immer wieder ertappt man sich selbst dabei, klüger sein zu wollen als Gott, die Kirche und die Heilige Schrift und eigene Wege zu gehen.
 
Neulich begegnete mir in einem Gebet die Bitte um „die Geistesgabe der Freude“, eine Formulierung, die ich bedenkenswert fand. Ist Freude eine Geistesgabe, ein Charisma? Gibt es Menschen, die dieses Charisma haben und andere, die es nicht haben? Wäre das nicht ziemlich traurig?
Tatsächlich zeigt die Erfahrung, dass es Menschen gibt, die eher zur Freude geneigt sind, während andere sich nur selten von Herzen freuen. Das ist eine Frage des Charakters, aber das erwähnte Gebet setzt voraus, dass man die Freude als Geistesgabe nicht einfach hat, sondern um sie beten darf - für sich und für andere. Sie ist wie die Liebe (vgl. 1Kor 13) ein Geschenk von Gott, aber man kann sich um dieses Geschenk bemühen. Das wird vielleicht oft vergessen, wenn man von Charismen spricht. Mir ist jedenfalls beim Nachdenken über die ungewöhnliche Formulierung „Geistesgabe der Freude“ deutlich geworden, dass ich diese Geistesgabe mir selbst, meinen Mitschwestern und allen Christen in unserem Land wünsche und in Zukunft bewusster erbitten will. Alles, was wir als Kirche sagen und tun ist wichtig, aber am wichtigsten ist, dass wir Zeugen und Zeuginnen der Freude sind.
 
 
(Bild Schwester Bonifatia Gesche Mai 2020)
 
 
Die Taufe ist die Einladung zu einem Festmahl (vgl. Lk 14,15-24). Aber wenn Gott ruft, nun auch wirklich zum eucharistischen Fest zu kommen, hat jeder eine andere Ausrede, hat jeder etwas Besseres vor. Die Welt und ihre Aufgaben sind uns wichtiger, mannigfache Vergnügungen locken. Also ruft Gott die Lahmen und Blinden, die Depressiven, Borderliner und Psychotiker. Sie kommen, sei es auch nur, weil sie keine Alternative haben. Spricht das gegen Gott? Spricht das gegen unsere Kirche?
Auch in die Klöster kommen nur die, die erkannt haben, dass sie Gott brauchen, Nietzsche würde sagen, die Schwachen. Aber Vorsicht, es gibt auch eingebildete Stärke, die nicht viel mehr ist als Wirklichkeitsverlust, Narzissmus und Dummheit. Mir scheint es am wichtigsten zu sein, die Wahrheit zu erkennen und anzuerkennen.