Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Gerade im Johannesevangelium, das viele Menschen für das spirituellste Evangelium halten, wird der Glaube nicht nur im Geistigen gesehen, sondern durchaus im sehr Konkreten. „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe‟ (15,10). Nicht der Glaube allein rettet uns, schon gar nicht ein frommes Gefühl, sondern das Halten der Gebote Gottes. Das gilt selbst für Christus. Auch er musste die Liebe zum Vater im Halten der Gebote durchbuchstabieren - bis hin zum Kreuz.
 
Gelesen: Pieter Steins, Der Sinn des Lesens. Der Autor, von Beruf Literaturwissenschaftler, erfährt mit 50, dass er an ALS erkrankt ist und nur noch kurze Zeit zu leben hat. In diesen autobiographischen Bericht schildert er in jeden Kapitel, wie seine Krankheit voranschreitet und zugleich welches Buch er gelesen hat und wie er es mit seiner jetzigen Lebenssituation zusammenbringt. Manche der Bücher kenne ich und sie erschließen sich mir neu, andere kenne ich nicht und bekomme Lust, sie zu lesen.
Pieter Steins beeindruckt durch seine Klarsicht und Tapferkeit, er ist ein Mensch, der dankbar ist für sein Leben und der den Tod annimmt. Ein sehr gebildeter Mann, der um den christlichen Glauben weiß, ihn aber nicht teilt und auch angesichts des nahen Todes nicht nach den Antworten des Glaubens verlangt. Er schreibt, er sei froh, in einem liberalen Land mit einer vernünftigen Euthanasiegesetzgebung zu leben, so dass er irgendwann friedlich einschlafen kann. Am Ende des Buches kann er nicht mehr sprechen, nicht mehr selbstständig atmen und muss künstlich ernährt werden, aber dennoch bejaht er sein Leben und hält es nach wie vor für lebenswert. Für mich ist es schwer zu begreifen, dass ein Mensch die Frage nach Gott und einem Leben nach dem Tod so gar nicht stellt, aber ich fände es übergriffig, ihm - und sei es nur in Gedanken - zu sagen: Du machst dir etwas vor.
Aber hoffen darf ich auch für ihn.
 
Hier in Schweden bin ich schon zweimal nach dem Synodalen Weg gefragt worden. Ich versuche, die Anliegen des Synodalen so sachlich und so positiv wie möglich darzustellen, denn ich möchte unsere deutsche Kirche im Ausland eher verteidigen als irgendwie schlecht machen. Trotzdem merke ich an den Fragen, die mir gestellt werden, wie unverständlich das Ganze in einem Land wie Schweden ist, in dem sich die katholische Kirche in einer Diasporasituation befindet. Ein Priester sagte, wir Deutschen sollten doch einmal auf die schwedische Hochkirche schauen: Dieselben Forderungen wie in Deutschland wurden dort vor einigen Jahrzehnten gestellt und auch erfüllt. Und das Ergebnis: Es gibt praktisch keine schwedische Hochkirche mehr, die Gläubigen wandern in die Freikirchen oder in die katholische Kirche ab.
 
Das Wichtigste im christlichen Leben ist es, Christus zu erkennen, wenn er auf mich zukommt. Dass das nicht ganz leicht ist, bezeugen die Ostererzählungen, aber auch die eigene Erfahrung. Die vielen Bilder und Stimmen, die auf uns einstürmen und von denen viele behaupten: „Ich bin es‟ sind oft verwirrend. Wachstum im Glauben bedeutet vor allem, seine Stimme kennen zu lernen und ihn zu sehen, wenn er am Ufer steht. Wie jemand, der sich mit einem Maler, Musiker oder Schriftsteller sehr lange beschäftigt hat, sofort weiß: Das ist von ihm und das nicht, so sollen auch wir Menschen werden, die sofort wissen: „Es ist der Herr.‟
 
Von Hans Christian Andersen gibt es ein Märchen: „Des Kaisers neue Kleider‟. Darin wird ein Kaiser beschrieben, dem es vor allem wichtig war, gut auszusehen und der deshalb all sein Geld für neue Kleider ausgab. Eines Tages kamen Betrüger, die sich als Weber ausgaben und ihm wunderschöne Kleider versprachen, die außerdem für jeden unsichtbar seien, der unfähig oder dumm ist. Sie lassen sich viel Geld geben, tun aber nichts, trotzdem behauptet jeder, auch der Kaiser, er sähe die von ihnen gewebten Kleider, denn niemand will als unfähig oder dumm gelten. Andersen schreibt: „So ging der Kaiser in Prozession unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: 'Gott, wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich, welche Schleppe er am Kleid hat, wie schön das sitzt!' Keiner wollte es sich anmerken lassen, dass er nichts sah... 'Aber er hat ja nichts an!' sagte endlich ein kleines Kind... und einer zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte. 'Aber er hat ja nichts an!' rief zuletzt das ganze Volk. Dem Kaiser schien es, sie hätten Recht, aber er dachte bei sich: 'Nun muss ich die Prozession aushalten.' Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.‟
Ich kam auf diese Geschichte im Gespräch mit einem schwedischen Priester, der von mir wissen wollte, ob all das, was er von der deutschen Kirche gehört hatte, wahr ist. Ich konnte das nur bestätigen. Wir sind in Deutschland wie dieser Kaiser und die ihn betrügen, denn wir meinen, wir könnten die Realität und die Sprache neu erfinden. Aber irgendwann wird ein kleines Kind kommen und rufen: „Dahinter ist ja gar nichts!‟ Doch vermutlich werden wir wie der Kaiser einfach weitergehen...