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Blog von Schwester Christiana

31. Januar 2026

In unserer Gemeinschaft lesen wir in einer Lectio continua die ganze Heilige Schrift. Sehr verstörend finde ich die Geschichte, die in 1Kön 13 erzählt wird. Ein Mensch („ein Gottesmann“) bekommt von Gott einen Auftrag und erfüllt ihn auch gegen Widerstände und Versuchungen. Dann kommt ein Prophet und teilt ihm einen neuen Auftrag Gottes mit, der dem ersten widerspricht. Als der Mensch diesem zweiten Auftrag gehorcht, wird er mit dem Tod bestraft, weil er dem Gebot Gottes nicht gehorcht hat.
Warum war es falsch, dem zweiten Auftrag zu gehorchen? Kann Gott nicht neue, andere Aufträge geben? Ist denn die Haltung derer richtig, die starr an  etwas festhalten, selbst wenn sich die Situation geändert hat? 
Beim Nachdenken über diesen Text und damit über Gottes Auftrag, sei es an die Kirche insgesamt, sei es in meinem persönlichen Leben scheint mir eines wichtig: Gottes Wort ist immer neu, oft auch anders und fremd, aber er befiehlt niemals das Gegenteil von dem, was er früher wollte. Es kann sein, dass ich früher etwas Falsches für seinen Willen gehalten habe, dann muss ich umkehren, aber dieser Fall ist in 1Kön 13 gerade nicht vorausgesetzt. Wenn ich wirklich seinen Willen erkannt habe, sei es auch nur anfanghaft, dann wird mich alles, was er später sagt, weiterführen, niemals aber wird Gott mir etwas auftragen und dann das Gegenteil von mir verlangen. Das hätte der Gottesmann in 1Kön 13 wissen müssen. Darin liegt seine Schuld.

28. Januar 2026

Sehr lohnend fand ich beim Wiederlesen das bereits vor 50 Jahren erschienene Buch von Martin Hengel, „Der Sohn Gottes“ (1977), in dem Hengel nachdenkt über das Wunder von 30-50 n. Chr.: Jesus stirbt am Kreuz den Tod eines jüdischen Staatsverbrechers. Derselbe Jesus wird bereits im Philipperhymnus (Phil 2,6-11) als präexistente göttliche Gestalt verehrt und Paulus muss erkennen: Ein Mensch, dessen Bruder Jakobus ich gekannt habe (vgl. Gal 1,19; 2,9), „ist nicht nur der durch Gott von den Toten auferweckte Messias, sondern sehr viel mehr. Er ist identisch mit einem göttlichen Wesen, vor aller Zeit, Mittler zwischen Gott und seinen Geschöpfen, d.h. zugleich Mittler der Heilsoffenbarung Gottes, der z.B. Israel als wasserspendender Fels durch die Wüste begleitete“ (1Kor 10,4).
Der Ungläubige würde sagen: „Haben sich die Jünger alles ausgedacht“ oder etwas freundlicher: „Fromme Halluzinationen“. Aber Paulus wollte nicht glauben, das, was wir den christlichen Glauben nennen, lag ihm völlig fern, war für ihn geradezu Blasphemie. Doch ihm ist etwas begegnet, was ihn zwang... Nicht etwas, jemand, Jesus selbst als der Auferstandene.

25. Januar 2026

Wenn ich die Nachrichten höre, in denen fast nur von Gewalt, Korruption, Lüge und Machtgier die Rede ist, weiß ich oft nicht, worum ich beten soll. Ich kann Gott keine Vorschläge machen, wie und mit welchen Mitteln er eingreifen soll, denn meine Vorstellungen sind allzu menschlich. Manchmal denke ich, ein paar Herzinfarkte würden ein Menge Probleme lösen. Aber ich fürchte, die Opfer der Gewalt haben mehr Stress als die Täter und sind in dieser Beziehung eher gefährdet. 
Das einzige, worum ich wirklich beten kann, ist darum, dass die, die Böses tun und planen, ihr Tun als sündig erkennen, dass sie Reue empfinden und umkehren. Dieses Gebet kommt mir unrealistisch, naiv und kindlich vor, aber ist es nicht das, was Gott will?

22. Januar 2026

In unserer Liturgie hören wir sehr viele Bibeltexte, und eine große Zahl von ihnen spricht von menschlicher Gewalt einerseits und von Zorn und Gericht Gottes andererseits. Immer wieder kommt der Moment, wo man all das nicht mehr hören möchte, sondern sich vom Glauben vor allem Trost und Wärme wünscht. Aber Gott ist nicht „der liebe Gott“, dem es egal ist, was wir Menschen miteinander und mit seiner Welt anstellen. Dass die Bibel so grausam ist wie sie ist, liegt an uns. Die Bibel ist Gottes wahres Wort und als solches hält sie uns den Spiegel vor.

19. Januar 2026

Im Moment lese ich „Kritik der künstlichen Vernunft“ von Jan Juhani Steinmann, ein Buch, das mir viele Impulse gibt, über die sich nachzudenken lohnt. Vor allem gefällt mir, dass hier ein junger Philosoph selbstbewusst und offensiv das Christentum der hochgepriesenen künstlichen Vernunft entgegenstellt und diese in ihre Rolle als dienendes Werkzeug zurückweist. So heißt es zum Thema Transhumanität: „Es ist wahr, der Mensch soll transzendiert werden. Die Frage ist nur, wie und wohin? Blicken wir an die poetischen Ränder des Christentums kann diese rigorose Selbstüberschreitung nur einen Namen tragen: Theosis... Vergöttlichung, Vergottung... Die menschliche Vergottung ist der Exzeß und das Ziel allen Christentums. Genau genommen ist das Christentum nichts anderes als die Religion der Theosis, liegt in unserer Vergöttlichung doch seine eigentlichste Verheißung“ (35f).
Das ist es, was die Kirchenväter gelehrt haben, aber wo wird so etwas in Predigten verkündet?

17. Januar 2026

Gelesen: Julian Barnes, Der Lärm der Zeit (2017). Ein Roman, der das Leben des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) zum Inhalt hat. Barnes schildert keine Grausamkeiten, zeigt aber einen Künstler, der in der Stalinzeit viele Kompromisse machen musste, um arbeiten zu können und den diese Anpassung zu Selbstverachtung, ja zu Selbsthass führte. Der Roman ist psychologisch sehr differenziert, er versucht zu verstehen, dass Menschen keine andere Möglichkeiten sehen, als sich der Macht zu beugen und verurteilt dieses Verhalten nicht.
Gestern erzählte mir eine Mitschwester von einer befreundeten Professorin, die in den USA unterrichtet und vorsichtig sein muss, was sie per Email schreibt, denn wenn sie etwas „Falsches“ schreibt, z.B. eine negative Bemerkung über Trump, besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr in die USA einreisen darf. 
Ich bringe diese beiden Dinge innerlich zusammen...