Blog von Schwester Christiana
Eine ganz wesentliche Frage, die sich in jedem Leben immer wieder stellt: Soll ich kämpfen oder akzeptieren, was ist? Beides kann falsch sein, beides kann richtig sein. Bei Krankheit und im Alter wird diese Frage manchmal sehr drängend, ebenso bei menschlichen Beziehungen, letztlich sogar im Verhältnis zu mir selbst. Auch da muss ich immer neu versuchen, mich zu ändern und mich zugleich dankbar als geliebt und gewollt annehmen.
Macht ist in dieser Welt vor allem, Macht zu töten, Macht, dem anderen das Leben zu nehmen. Vorformen dieser Todesmacht sind es, dem anderen den eigenen Willen aufzuzwingen, ihn geistig zu töten, indem man ihn die Freiheit nimmt oder ihn in ein Objekt ohne Bewusstsein verwandelt (eine offenbar gerade modern werdende Form der Machtausübung gegenüber Frauen...). Wo Macht in diesem Sinn das Sagen hat, entsteht eine unmenschliche Welt, in der alles in diese Todesspirale hineingesogen wird, sogar die Botschaft Christi, die die Machthaber in ihrem Sinn umdeuten. Doch Christus hat der Welt nicht seinen Willen aufgezwungen, sondern sich von ihr ans Kreuz schlagen lassen, und viele Heilige sind ihm nachgefolgt. Auch heute gilt: Wir schaffen durch Gewalt keine bessere Welt, sondern nur durch Liebe, die bereit ist, ihr Leben für die anderen hinzugeben. Genau darin können wir dem dreifaltigen Gott ähnlich sein, denn er ist in sich Gemeinschaft, Liebe, Hingabe.
Junge Frauen werden ständig ermahnt, wirtschaftlich unabhängig zu bleiben und ja nicht auf Vollzeitberufstätigkeit zugunsten der Familie zu verzichten. Das würde sich später bei der Rente bitter rächen. Ich verstehe die Gründe für diese Mahnung, aber wenn der Blick auf die spätere Rente bzw. die Sorge um die eigene Autonomie alles beherrscht, kann man auch nicht in ein Kloster eintreten.
Meine Eltern fanden meinen Eintritt schon vor 46 Jahren unverantwortlich. „Was ist, wenn es nicht klappt, dann hast du gar nichts.“ Sie hatten recht, aber es war und ist Ausdruck meines Glaubens, auf Netz und doppelten Boden zu verzichten. Bis jetzt wurde ich nicht enttäuscht. Hinzu kommt, dass es mir zunehmend skurril vorkommt, zu weit in die Zukunft zu planen. Wir haben das Leben nicht in der Hand, es wird uns geschenkt.
Ein Pfarrer sagt mir im Gespräch, in seiner Gemeinde gebe es viele religiöse Menschen, aber nur wenig Christen. Auf meinen erstaunten Blick hin führte er aus: „Religiöse Menschen wollen von der Kirche Gottes Segen für ihre Ehe, für ihr Kind, für ihr Leben. Christen wollen Jesus nachfolgen und nach seiner Weisung leben. Das ist ein fundamentaler Unterschied.“
Paulus nennt sich am Anfang des Römerbriefs „ausgesondert für das Evangelium“. Ausgesondert von wem? Natürlich von Gott. Damit muss man rechnen: Gott sondert Menschen aus für eine ganz bestimmte Aufgabe. Das aber heißt für diesen Menschen: Er wählt seine Lebensaufgabe nicht selbst, er wird gewählt ihm bleibt nur die Wahl, in Freiheit zuzustimmen oder den Ruf zu überhören. Letzteres führt nicht zum Glück. Es wäre so wichtig, junge Menschen dazu zu erziehen, aufmerksam hinzuhören, ob Gott sie beruft. Aber ich fürchte, selbst die Kirche verkündet nur noch, man solle auf sich selbst und die Stimme seines eigenen Herzens hören.
Auferstehung, Himmelfahrt, Menschwerdung, aber auch Schöpfung, Berufung, Sünde, Gott, all das sind Worte, mit denen man, wenn man sie hört, eine Vorstellung verbindet. Der ungläubige Mensch lehnt das Gesagte ab, der gläubige nimmt es an, aber falsch liegen sie beide. Mir jedenfalls wird immer mehr bewusst - in den Kar- und Ostertagen ganz besonders -, dass Wachstum im Glauben darin besteht, jedes Vorverständnis als eine Form von Götzendienst abzulegen und sich den Inhalt all dieser Begriffe nur von der Bibel vorgeben zu lassen. Das bedeutet, die Bibel immer und immer wieder zu lesen und zu versuchen, nichts in sie hinein zu lesen, sondern ihre Botschaft wirklich zu hören. Man braucht dazu ein ganzes Leben.
