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Blog von Schwester Christiana

17. Januar 2026

Gelesen: Julian Barnes, Der Lärm der Zeit (2017). Ein Roman, der das Leben des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) zum Inhalt hat. Barnes schildert keine Grausamkeiten, zeigt aber einen Künstler, der in der Stalinzeit viele Kompromisse machen musste, um arbeiten zu können und den diese Anpassung zu Selbstverachtung, ja zu Selbsthass führte. Der Roman ist psychologisch sehr differenziert, er versucht zu verstehen, dass Menschen keine andere Möglichkeiten sehen, als sich der Macht zu beugen und verurteilt dieses Verhalten nicht.
Gestern erzählte mir eine Mitschwester von einer befreundeten Professorin, die in den USA unterrichtet und vorsichtig sein muss, was sie per Email schreibt, denn wenn sie etwas „Falsches“ schreibt, z.B. eine negative Bemerkung über Trump, besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr in die USA einreisen darf. 
Ich bringe diese beiden Dinge innerlich zusammen...

13. Januar 2026

Neulich erhielt ich von einem Leser dieses Blogs einen älteren Artikel von Hans Urs von Balthasar, der mich sehr beschäftigt hat. Balthasar vergleicht in ihm uns Menschen mit nassem Holz, denn wir lassen uns nur schwer vom Feuer Christi entflammen. Wir möchten „eine Religion nicht des Brandschadens, sondern der Feuerversicherung“. Wir werfen der Flamme Christus ein paar Scheite hin, damit er uns in Ruhe lässt. „Hier erhebt sich zuletzt die entscheidende Frage, ... die Frage: tun wir das nicht alle? Haben wir nicht alle Angst vor der Liebe?... Gibt es nicht die erschreckende Möglichkeit, durch Vermehrung der Werke... auch die Dämme zu mehren und zu festigen, die wir gegen die Feuersgefahr der Liebe aufrichten? Kann man nicht auch sehr wohl gegen Gott praktizieren, gegen Gott beten, sogar gegen Gott leiden? Hier verschiebt sich alles... Die Liebe ist unendlich. Die Liebe ist nach oben offen. Wir selber aber sind endliche Naturen und unsere Liebe selbst ist endlich. Wir fürchten uns vor dem Grenzenlosen. Aber in Christus ist das Unendliche eingedrungen ins innerste Herz unseres Wesens, das „Seelenfünklein“, das er in uns eingesenkt hat, ruht nicht, bis unser ganzes Haus in hellen Flammen steht. Katholizismus ist der langsame Verbrennungsprozess einer Seele im Feuer Christi. Katholizismus ist ... die allmähliche Wandlung und Transsubstantiation einer Seele aus der Geschlossenheit ihres sündigen Egoismus in die restlose Aufgesprengtheit der Liebe zu Gott und zum Nächsten...Nicht die Steigerung der Werke(und wären es die frömmsten: Gebet, Kommunionempfang, Almosen, Wirken in sozialen Vereinen) verbürgt uns, dass wir uns von der Bedenklichkeit des Minimalkatholizismus entfernen. Sondern allein unser Wille, in all diesen ach so unbeträchtlichen Werken uns jener Liebe nicht zu erwehren, die uns immer weiter anfordert. Und nur dann sind sie wahrhaft ein Fortschritt zum Guten, wenn wir bis ins Mark unserer Seele davon überzeugt sind, dass alles Getane Nichts ist im Vergleich zum Versäumten, Verweigerten, Noch-zu-Tuenden, dass alle menschliche Leistung nur darin bestehen kann, sich einer Liebe, die nicht die unsrige ist, sondern die Gottes, als Glied und Werkzeug zur Verfügung zu stellen und darin immer mehr zu erkennen, dass das Seine sich zum Unsern verhält wie das Alles zum Nichts. So ist es gefährlich, katholisch zu sein. Aber wen lockte nicht solche Gefahr?“ (H.U.v. Balthasar, Es ist gefährlich katholisch zu sein).

10. Januar 2026

„Wer von euch den Herrn fürchtet, der höre auf die Stimme seines Knechtes. Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott. Ihr alle aber, die ihr Feuer legt und Brandpfeile entzündet, lauft in die Glut eures eigenen Feuers  und in die Brandpfeile, die ihr entflammt habt. Durch meine Hand kommt das über euch“ (Jes 50,10f).
Diese Worte des Propheten Jesaja behalten ihre Aktualität, man könnte sie vielleicht modern so paraphrasieren:
Wer wirklich Christ sein will, der höre auf das Wort Christi im Evangelium. Wer Angst vor der Zukunft hat und nicht sieht, wie alles weitergehen kann, vertraue auf den Sohn Gottes. Ihr alle aber, die ihr meint, mit Gewalt eure Vorstellungen durchsetzen zu können, werdet letztlich keinen Erfolg haben. Denn wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen (vgl. Mt 26,53).

07. Januar 2026

Wenn etwas Schlimmes passiert, wird nach Schuldigen gesucht und wenn diese gefunden sind, haben wir das beruhigende Gefühl, man könne in Zukunft Brandkatastrophen, Brückeneinstürze, Überflutungen usw. vermeiden. Richtig daran ist, dass man alles tun muss, um Menschen zu schützen und dass eine Haltung á la „es wird schon nichts passieren“ verantwortungslos ist. Aber oft vermeidet man mit der Suche nach Schuldigen die Auseinandersetzung mit Leid und Tod. Egal, was wir machen, egal welche Gesetze wir erlassen, wir können den Tod nicht eliminieren, auch nicht den plötzlichen Tod von Kindern und Jugendlichen. Eine Gesellschaft, die das nur fassungslos macht, ist unreif und daher oft nicht in der Lage, den Betroffenen zu helfen.

04. Januar 2026

„Ich verstehe dich.“ Oft bedeutet dieser Satz nur, dass jemand das Problem aus eigener Erfahrung kennt und Ähnliches schon selbst erlebt hat.
Wirkliches Verstehen ist etwas anderes, es besteht nicht darin, dass ich das, was ein anderer sagt, mit meinen eigenen Erfahrungen abgleiche, also an meinem Ort stehen bleibe und eine Hand hinüberreiche, sondern dass ich zu dem anderen hingehe und das Problem aus seinen eigenen Prämissen heraus mitzudenke. Wenn mir das gelingt, kann ich sagen: „Ich verstehe dich“ oder zumindest: „Ich fange an dich zu verstehen“. Solches Verstehen kann eine sehr beglückende Erfahrung sein, die das eigene Leben ausweitet.

02. Januar 2026

Wenn ich auf Jesus Christus schaue, ist es eine bleibende Herausforderung zu bekennen, dass er Gott und Mensch zugleich ist, immer droht - vor allem in der Frömmigkeit - die Gefahr, nur die eine Seite zu sehen. Das Besondere bei Jesus ist aber die absolute Bejahung Gottes, der vor allem den Vorrang hat, und die genauso radikale Bejahung des Menschen, auch des sündigen.
Aber nicht nur die Person Jesus Christus ist schwierig, auch seine Lehre ist es, denn in ihr gibt es „die Spannungseinheit von radikaler Forderung und radikaler Liebe“ (W. Thüsing). Bleibend gibt es die Versuchung, entweder die Forderung zu betonen („du musst, du musst, du musst“) und Liebe, Verständnis und Barmherzigkeit zu vergessen (u.U. auch sich selbst gegenüber) oder aber nur den „lieben Gott“ zu sehen, der sich allen zuwendet und dabei zu vergessen, dass es um Leben und Tod geht. Die Frommen lehnen den anderen Menschen ab, wenn er ihren Glauben nicht teilt und nicht tut, was sie für richtig halten, die Humanisten degradienen (wenn sie überhaupt glauben) Gott zu einem Hilfsmittel für menschliches Glück. Gottes- und Nächstenliebe zu verbinden ist schwer.