Blog von Schwester Christiana
„Wer von euch den Herrn fürchtet, der höre auf die Stimme seines Knechtes. Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott. Ihr alle aber, die ihr Feuer legt und Brandpfeile entzündet, lauft in die Glut eures eigenen Feuers und in die Brandpfeile, die ihr entflammt habt. Durch meine Hand kommt das über euch“ (Jes 50,10f).
Diese Worte des Propheten Jesaja behalten ihre Aktualität, man könnte sie vielleicht modern so paraphrasieren:
Wer wirklich Christ sein will, der höre auf das Wort Christi im Evangelium. Wer Angst vor der Zukunft hat und nicht sieht, wie alles weitergehen kann, vertraue auf den Sohn Gottes. Ihr alle aber, die ihr meint, mit Gewalt eure Vorstellungen durchsetzen zu können, werdet letztlich keinen Erfolg haben. Denn wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen (vgl. Mt 26,53).
Wenn etwas Schlimmes passiert, wird nach Schuldigen gesucht und wenn diese gefunden sind, haben wir das beruhigende Gefühl, man könne in Zukunft Brandkatastrophen, Brückeneinstürze, Überflutungen usw. vermeiden. Richtig daran ist, dass man alles tun muss, um Menschen zu schützen und dass eine Haltung á la „es wird schon nichts passieren“ verantwortungslos ist. Aber oft vermeidet man mit der Suche nach Schuldigen die Auseinandersetzung mit Leid und Tod. Egal, was wir machen, egal welche Gesetze wir erlassen, wir können den Tod nicht eliminieren, auch nicht den plötzlichen Tod von Kindern und Jugendlichen. Eine Gesellschaft, die das nur fassungslos macht, ist unreif und daher oft nicht in der Lage, den Betroffenen zu helfen.
„Ich verstehe dich.“ Oft bedeutet dieser Satz nur, dass jemand das Problem aus eigener Erfahrung kennt und Ähnliches schon selbst erlebt hat.
Wirkliches Verstehen ist etwas anderes, es besteht nicht darin, dass ich das, was ein anderer sagt, mit meinen eigenen Erfahrungen abgleiche, also an meinem Ort stehen bleibe und eine Hand hinüberreiche, sondern dass ich zu dem anderen hingehe und das Problem aus seinen eigenen Prämissen heraus mitzudenke. Wenn mir das gelingt, kann ich sagen: „Ich verstehe dich“ oder zumindest: „Ich fange an dich zu verstehen“. Solches Verstehen kann eine sehr beglückende Erfahrung sein, die das eigene Leben ausweitet.
Wenn ich auf Jesus Christus schaue, ist es eine bleibende Herausforderung zu bekennen, dass er Gott und Mensch zugleich ist, immer droht - vor allem in der Frömmigkeit - die Gefahr, nur die eine Seite zu sehen. Das Besondere bei Jesus ist aber die absolute Bejahung Gottes, der vor allem den Vorrang hat, und die genauso radikale Bejahung des Menschen, auch des sündigen.
Aber nicht nur die Person Jesus Christus ist schwierig, auch seine Lehre ist es, denn in ihr gibt es „die Spannungseinheit von radikaler Forderung und radikaler Liebe“ (W. Thüsing). Bleibend gibt es die Versuchung, entweder die Forderung zu betonen („du musst, du musst, du musst“) und Liebe, Verständnis und Barmherzigkeit zu vergessen (u.U. auch sich selbst gegenüber) oder aber nur den „lieben Gott“ zu sehen, der sich allen zuwendet und dabei zu vergessen, dass es um Leben und Tod geht. Die Frommen lehnen den anderen Menschen ab, wenn er ihren Glauben nicht teilt und nicht tut, was sie für richtig halten, die Humanisten degradienen (wenn sie überhaupt glauben) Gott zu einem Hilfsmittel für menschliches Glück. Gottes- und Nächstenliebe zu verbinden ist schwer.
Fragen beim Lesen der Zeitung:
In der Presse hieß es in diesem Tagen, dass Bundeskanzler Friedrich Merz der Wiederbelebung der Konjunktur in Deutschland klare Priorität vor der Umweltpolitik einräumen will. Er sei „nicht bereit, Umwelt- und Klimaschutz so hoch aufzuhängen, dass damit ein großer Teil unseres industriellen Kern in der Bundesrepublik Deutschland verloren geht.“ Prinzipiell halte seine Regierung aber an den Klimazielen fest. Was heißt hier „prinzipiell“?
In Pakistan warten Menschen mit einer Aufnahmezusage für Deutschland auf ein Visum. Hunderte Menschen erhielten jüngst eine Absage des Bundes. Rechnet man die Absagen aus dem Ortskräfteverfahren hinzu, haben in den vergangenen Tagen und Wochen mindestens 780 Menschen eine Absage erhalten. Bereits in den Wochen und Monaten zuvor wurden viele Zusagen aufgehoben. Gelten einmal gemachte Zusagen oder kann man sie nach Belieben aufheben, wenn der andere sich nicht wehren kann?
Im Moment gewinnt eine Idee zunehmend an Bedeutung, die sich katholisch nennt, aber meines Erachtens am Wesen der Botschaft Jesu vorbeigeht, der sogenannte „Integralismus“. Darüber lesen wir bei dem Zisterzienser Edmund Waldstein:
„Der katholische Integralismus ist eine Denktradition, die die liberale Trennung der Politik von der Sorge um das Ziel des menschlichen Lebens ablehnt und festhält, dass politische Herrschaft den Menschen auf sein Endziel hinzuordnen hat. Da der Mensch jedoch sowohl ein zeitliches als auch ein ewiges Ziel hat, hält der Integralismus fest, dass es zwei Gewalten gibt, die ihn beherrschen: eine zeitliche Gewalt und eine geistliche Gewalt. Und da das zeitliche Ziel des Menschen seinem ewigen Ziel untergeordnet ist, muss die zeitliche Gewalt der geistlichen Gewalt untergeordnet sein.“
Das klingt fromm, trotzdem gehen diese Theorie am Wesentlichen des Christentums vorbei, an der Ohnmacht des Kreuzes auf der einen Seite und an der Allmacht Gottes auf der anderen Seite, der unsere Hilfe nicht braucht, um seinen Willen durchzusetzen. Und sie verkennt die Dynamik menschlichen Machtwillens, der immer über kurz oder lang zum Götzendienst wird.