Blog von Schwester Christiana
Im 1. Petrusbrief heisst es, dass ein Mensch, der leiden muss, weil er Christ ist, "sich nicht schämen soll". Tatsächlich neigen wir Menschen dazu, uns zu schämen, wenn wir merken, dass wir auf der Verliererseite stehen, "Opfer" ist auf deutschen Schulhöfen ein Schimpfwort. Der heilige Petrus sagt dagegen, wir sollten uns freuen, denn der Geist Gottes ruht auf uns. Ich glaube, wir schämen uns oft für die falschen Dinge, für fehlende Erfolge, für sinkende Relevanz in der Gesellschaft, manchmal sogar für unseren Glauben, der in den Ohren unserer Zeitgenossen so vormodern klingt. Wer aber schämt sich, zu wenig zu beten und zu selten in der Heiligen Schrift zu lesen?
Im heutigen Evangelium verheißt Jesus: "Dann werdet ihr mich nichts mehr fragen" (Joh 16,23). Spontan empfinde ich das nicht als eine Verheißung, denn Suchen und Fragen bedeutet - jedenfalls in dieser Welt - Lebendigkeit. Eine Welt, die ganz Licht ist, in der alles verstehbar ist, können wir uns im Grunde nicht vorstellen.
Das Kloster, in dem ich zur Zeit bin, liegt mitten im Wald. Der Wald ringsum gehört zu Schloss Kronovall, die Eigentümer haben den Schwestern vor knapp 40 Jahren ihr Grundstück geschenkt. Da sie selbst keine Kinder haben, haben sie ihren ganzen Besitz in eine Stiftung überführt. Diese Stiftung möchte nun den gesamten Wald (mehrere Hektar) abholzen und eine riesige Solaranlage bauen. Eine Bürgerinitiative versucht diese ökologische Katastrophe zu verhindern. Ähnliche Vorgänge gibt es auch in Deutschland. Wir wollen nicht, dass unsere Welt zerstört wird, dass Rohstoffe und Wasser verbraucht werden, nur um den Energiebedarf von Mega-Rechenzentren zu decken, aber andererseits erwarten wir überall schnelles Internet, digitalisieren unsere ganze Welt, und erstellen sinnlose Videos, die niemanden wirklich interessieren. Irgendwann werden wir gründlicher nachdenken müssen...
Ich genieße es, Zeit zu haben, längere Zeit zu lesen und so auch komplexere Bücher im Zusammenhang zu erfassen. Im Moment lese ich (Oliver Dürr, Homo Novus, Vollendlichkeit im Zeitalter des Transhumanismus. Beiträge zu einer Techniktheologie, 2021). Der Titel klingt schrecklich kompliziert, aber das Buch ist gut zu lesen, außerdem auf der Seite des Aschendorff-Verlags frei verfügbar. Der Transhumanismus vertritt eine Anthropologie und Eschatologie, die radikal antichristlich ist und in der Gesellschaft von Tag zu Tag mehr Einfluss gewinnt, auch wenn sie nicht so benannt wird. Es geht letztlich um die Negierung der Geschöpflichkeit des Menschen.
Gelesen: Joseph Fadelle, Das Todesurteil. Als ich Christ wurde im Irak (2015). Normalerweise lese ich solche Konversionsbücher eher nicht, egal ob jemand aus dem Kloster, dem Opus Dei oder dem Islam austritt. Aber dieses Buch hat mir eine Mitschwester empfohlen, und es hat mich wirklich beeindruckt in zweierlei Hinsicht: 1. Wie kostbar die Taufe, die Eucharistie und überhaupt der Glaube ist, wurde mir sozusagen von außen neu zugesagt. 2. Wie schwierig es ist und wie lange es dauern kann, bis man im Irak oder in Jordanien jemanden findet, der bereit ist einen ehemaligen Muslim zu taufen, war mir nicht klar. Die Christen haben Angst und wehren jede Konversion, ja schon jeden Gottesdienstbesuch oder das Lesen des Evangeliums ab. Ich kann darüber nicht urteilen, aber wenn auf der einen Seite ängstliche Christen stehen und auf der anderen Seite ein Mensch, der alles aufgibt (Familie, großen Reichtum, Sicherheit) und bereit ist, sein Leben zu riskieren, um getauft zu werden, fühlt man sich als Christ beschämt.
Die Ökumene scheint hier problemloser zu sein als in Deutschland. In der Messe waren viele evangelische Christen, die bei der Kommunion ganz selbstverständlich nach vorne ginge und vom Priester den Segen bekamen. Genauso machen es hier auch katholische Christen, wenn sie einen evangelischen Gottesdienst besuchen. Niemand findet es hier offenbar peinlich oder entwürdigend, nicht zur Kommunion gehen zu dürfen, während es bei uns ein großes Problem ist, weil immer weniger Menschen, auch immer weniger Priester, akzeptieren, dass es keine Interkommunion gibt.
