Blog von Schwester Christiana
Gestern hatten wir in der Gemeinschaft das Thema: "Wie finden wir zu mehr Muße?“ Es war ein gutes Gespräch, das mir neue Einsichten über meine Mitschwestern, aber auch über mich selbst beschert hat. Wir verwenden den Begriff „Muße“ als etwas sehr Positives, aber ich merke oft, wie schwer es mir fällt, nicht ständig zu arbeiten, nicht ständig etwas zu tun, dass auf einen irgendwie gearteten Zweck gerichtet ist. Einfach nur da zu sein, sich an Gott und seiner Schöpfung zu freuen, ist unendlich sinnvoll, aber schwierig.. Wichtig und für mich hilfreich war der Beitrag einer Mietschwester, die sagte, dass Muße vermutlich immer nur mehr oder weniger erreicht wird. Darüber habe ich noch einmal nachgedacht. Muße hat es mit Zeitlosigkeit zu tun, mit Freiheit, mit Sinn, mit Fest. Insofern kann man sagen, das es völlige Muße nur im Himmel geben wird, weil wir uns nur dort ganz öffnen und uns ganz dem kontemplativen Schauen überlassen können. Hier kann es keine völlige Muße geben, weil es kein zweckfreies Tun gibt, selbst unser Gotteslob steht nie völlig absichtslos in sich selbst.
Ich habe wegen einer Sehnenscheidenentzündung länger nichts geschrieben. In sich wäre das kein Grund, denn ich kann Texte auch diktieren, aber jede Krankheit, jede Behinderung trifft nicht nur ein Glied des Körpers, sondern den ganzen Menschen und führt, selbst wenn es nur eine Kleinigkeit ist, zur Verzögerung aller Abläufe, sodass man sich ständig hinterher hinkt. Dann gibt es meiner Erfahrung nach zwei Möglichkeiten (nicht nur bei Krankheit, sondern auch im Alter): Entweder man ignoriert die Wirklichkeit, die einem nicht passt, ermahnt sich selbst sich nicht anzustellen, kommt sich tapfer vor, aber riskiert einen Rückfall und damit einen längeren Verlauf der Krankheit. Oder man gibt nach, schont sich und hat dabei das Gefühl, nur noch halb zu leben. Wirklich Ja zu sagen und die Realität offen anzunehmen, ist schwer.
Am Dienstag waren wir mit der ganzen Gemeinschaft im Kunstpalast Düsseldorf in der Ausstellung „Monet – Cézanne – Matisse. The Scharf Collection“. Die Bilder zu beschreiben, versuche ich gar nicht erst, denn Bilder muss man sehen, aber wer dazu die Gelegenheit hat, sollte die Ausstellung besuchen, sie lohnt sich wirklich. Anschließend waren wir bei einem sehr guten Italiener, wo bei Gesprächen das Erlebte ausklingen konnte. Solche Tage sind wichtig für eine Gemeinschaft.
Manchmal frage ich mich nach solchen Tagen, womit ich das eigentlich verdient habe. Dabei ist das Wort „verdienen“ nicht ganz richtig bzw. trifft meine Frage nicht wirklich, denn ich weiß natürlich, dass es nicht um Verdienst geht, sondern dass alles Geschenk Gottes ist. Aber in einer Welt, in der es der Mehrzahl der Menschen aufgrund von Krieg Armut, Krankheit oder sonstigen Nöten schlecht geht, nehme ich wahr, wie ungerecht es ist, dass mein Leben so glücklich ist. Mein Leben auf der Sonnenseite des Lebens ist für mich immer wieder ein Problem und ich frage mich, ob ich genug zurückgebe und die Kraft, die mir mein privilegierter Zustand gibt, wirklich einsetze oder ob ich die Verhältnisse wie sie sind, nicht doch als selbstverständlich nehme.
"Seid lieb zueinander!" - "Liebt einander!" - Ist da nicht ein Unterschied? (F. Platz)
Das ist eine berechtigte Frage, weil beides immer wieder verwechselt wird. Nur Liebe, die mit Wahrheit verbunden ist, ist wirkliche Liebe. Sie kann allerdings sehr schmerzhaft sein.
Am Montag hatte ich ein für mich wichtiges Gespräch mit Pfarrer Manfred Deselaers, der seit 1990 in Auschwitz lebt und sich dort für die deutsch-polnische und christlich-jüdische Versöhnung einsetzt. Im Herbst 2017 machte er zusammen mit polnischen Katholiken eine Wallfahrt nach Kasan in Russland, um dort für Versöhnung und Frieden zu beten, in diesem Jahr war er Mitverfasser eines Brief von Christen aus Deutschland, Polen und der Ukraine an die Christen der Orthodoxen Kirche in Russland.
Pfarrer Deselaers treibt angesichts des nicht endenden Krieges zwischen Russland und der Ukraine die Frage um, ob wir Christen auf all das Schreckliche, was geschieht, eine andere Antwort haben, als nur die politische. Es kann richtig und gut sein, Russland deutlich zu sagen, dass wir einen Völkermord wahrnehmen, es kann richtig und gut sein, die Ukraine mit Waffen zu unterstützen, aber das sind politische Antworten, welche geistlichen Antworten haben wir vom Evangelium her? Wagen wir es, sie in die Diskussion einzuwerfen? Wenn ja, wo? Wie versteht und lebt man in der gegenwärtigen Situation Versöhnung und Feindesliebe?
Ich habe mich nach diesem Gespräch gefragt, ob ich mich nicht auch viel zu viel von dem beeinflussen lasse, was ich in den Medien mitbekomme, statt den Krieg - jeden Krieg - als geistliche Herausforderung anzunehmen.
Hartmut Gese, ein evangelischer Bibelwissenschaftler hat vor vielen Jahren einen sehr interessanten Aufsatz über „Sühne im Alten Testament“ veröffentlicht. Er schreibt, dass Sühne nötig wird bei einem irreparablen Unheilsgeschehen, dort wo nichts mehr gut gemacht werden kann. Sühne ermöglicht die Weiterexistenz, dort wo ein Mensch sein Leben verwirkt hat.
Jesus Christus hat für uns alle Sühne geleistet. Das heißt, ohne ihn wären wir rettungslos verloren. Glauben wir das wirklich?
Und eine weitere Frage: Was bedeutet das für den Umgang mit Missbrauchstätern?
