Blog von Schwester Christiana
Wenn ich Schmerzen habe, spüre ich sie oft nicht mehr, wenn ich sehr beschäftigt bin, z.B. in einem intensiven Gespräch. Doch im Chorgebet tauchen sie wieder auf und hindern mich an wirklicher Konzentration. Müßte das Gespräch mit Gott mich nicht mehr in Bann ziehen als jedes andere Gespräch, müßte es mich nicht so faszinieren, dass ich alles vergesse? Dass es offenbar nicht so ist, bedrückt mich einerseits, andererseits wird mir deutlich, wie anders Gott ist als wir Menschen. Gott lässt mir alle Freiheit und zwingt mich niemals zu sich hin. Daher muss die Hinwendung auf meiner Seite auch ganz frei sein und das gelingt mir nur für Minuten oder sogar nur für Sekunden. Die übrige Zeit erzwingt alles mögliche Andere meine Aufmerksamkeit.
Mose darf das gelobte Land zwar sehen, aber er darf nicht hinüberziehen. Das gilt für jeden älteren Menschen, er sieht die Zukunft in Umrissen, wird sie aber nicht mehr selbst erleben. Sehr schmerzhaft kann das beim Anblick von Kindern sein: Ich werde nicht mehr erleben, welchen Beruf sie ergreifen, welche Lebensform sie wählen. Das ist der natürliche Lauf der Dinge, beim Mose wird aber noch etwas anderes deutlich: Das Nicht–Sehen des gelobten Landes ist nach der Bibel eine Strafe für seinen Unglauben. Auch diese Erfahrung kann es im persönlichen Leben geben: Ein Geschenk, das Gott mir ursprünglich zugedacht hatte, verweigert er mir, weil ich versagt habe, oft weil ich nicht bereit war, es anzunehmen. Doch auch dann enthält die Moseerzählung einen Trost, denn sie beschreibt die ungeheure Zärtlichkeit Gottes. Mose stirbt, so heißt es wörtlich in der Bibel „am Mund des Herrn“, d.h. mit einem Kuss Gottes und Gott selbst begräbt ihn. Wir fallen niemals aus Gottes Hand.
Ich führe oft Gespräche, in denen Menschen von mir Rat und Hilfe erwarten. Am Ende danken sie für meine Begleitung. Ich aber erkenne im Rückblick: Du hast mir mehr geholfen als ich dir; durch deinen Eifer, deine Ernsthaftigkeit, deine Christusliebe, Du hast mich ermutigt, neu anzufangen und umzukehren. In solchen Moment weiß ich, dass es Christus selbst ist, der hinter uns beiden steht und uns miteinander und durcheinander führt.
Irgend etwas wollen wir Immer festhalten, unsere Gesundheit, unsere Zeit, den Ort, an dem wir leben, Menschen. Jesus entäußerte sich…, er ließ alles los.
Festhalten führt zu Armut, nur loslassen ermöglicht Gott zu wirken. Aber das zu glauben, zuinnerst zu glauben, so dass es auch das Leben bestimmt, ist schwer. Je länger ich lebe, umso mehr merke ich, wie wenig ich glaube, wie viel mir zum Glauben fehlt.
Aristoteles sagt, dass man auch denen dankbar sein muss, deren Ansichten man nicht zustimmt, denn auch sie haben etwas zur Wahrheit beigetragen. Auf jeden Fall helfen sie uns, uns mit einer Sache intensiver zu befassen und genauer über sie nachzudenken. Ich finde es sehr problematisch, wenn Menschen geistig immer nur im Raum von Gleichdenkenden bleiben und sich so ständig bestätigen lassen. Die Gefahr sehe ich durchaus auch bei mir selbst. Deshalb ist es mir wichtig, ganz bewusst Dinge zu durchdenken, die mir fremd und unsympathisch sind. Das ist bei fremden Religionen oder Philosophien weniger schwierig als Theorien, die katholische Theologen äußern und die ich für falsch halte. Aber trotzdem: Auch Bücher, über die ich mich nur ärgere, haben mich weitergebracht.
In meinem Leben erkenne ich so klar Gottes Führung und Liebe, dass sich die Theodizeefrage nicht stellt. Ich glaube, sie würde sich auch nicht stellen, wenn ich einen Unfall hätte oder schwer krank würde. Aber das Leiden der anderen lässt mich ohne Antwort und völlig ratlos. So viele Menschen werden einfach wehrlos zermalmt.
