Blog von Schwester Christiana
Alles Wichtige in der Heilsgeschichte konnte nicht geschehen, ohne dass Menschen sich von Gott ergreifen ließen: Mose sagt ja dazu, das Volk Israel aus Ägypten zu führen, er sagt ja trotz aller Bedenken und im vollen Wissen um seine eigenen Mängel. Der Exodus war nicht sein Idee, aber ohne seine freie Zustimmung wäre er nicht erfolgt. Hätte er nur das getan, was ihm möglich erschien, hätte es keinen Exodus gegeben.
Maria stimmte der Menschwerdung zu, indem sie sagte: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinen Wort.“ Die Menschwerdung war sicher nicht ihre Idee, aber ohne ihre Zustimmung wäre sie nicht erfolgt. Hätte sie konsequent das verfolgt, was ihr wichtig war, hätte es keine Menschwerdung gegeben, jedenfalls nicht mit ihr als Mutter Gottes.
Jesus wartete, bis seine vom Vater vorherbestimmte Stunde kam, in der er ja sagte zum Willen des Vaters, auch dort, wo er ihn nicht mehr verstand.
Auch in unserem Leben ist das ähnlich, das wirklich Wichtige kommt überraschen. Ich selbst würde im Rückblick sagen: Es war gut für mich, das ich nicht alles selbst machen musste, und ich bin aus dieser Erfahrung heraus gespannt, was noch kommt.
Gott hat mit der Menschwerdung und der Auferstehung etwas gewirkt, was kein Mensch sich hätte ausdenken können. In dieses Geschehen wurden wir in der Taufe hineingenommen. Wir sollen lernen, wie Abraham immer neu zu sagen: „Hier bin ich“. Leider müssen wir sie nicht nur dann sagen, wenn uns die Sache sowieso plausibel erscheint.
„Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (1Kor 5,20). In dem Wort für Versöhnung, das Paulus an dieser Stelle benutzt, steckt das griechische Wort „allos“, das „anders“ bedeutet. Versöhnung heißt etwas anders-machen, der Satz: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“ meint also im Klartext: Es muss sich etwas ändern und zwar radikal! Eine versöhnte Welt wäre eine veränderte Welt, ein mit Gott versöhnter Mensch wäre ein Mensch, der eine Verwandlung hinter sich hat, nicht aus eigener Kraft, sondern weil er zuließ, dass Gott sich mit ihm versöhnte. Die Versöhnung, die Paulus meint, geht einzig und allein von Gott aus, sie ist nicht unser Werk.
Doch was ist es, das uns von Gott trennt, worin besteht die Feindschaft mit Gott, die Versöhnung braucht? Paulus sagt, Christus sei gestorben, „damit die Lebenden nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde“. Das scheint mir der entscheidende Punkt: Wir sind den Korinthern darin sehr ähnlich, dass wir „für uns selbst“ leben. Wir geben unser Leben nicht gerne aus der Hand - auch nicht in Gottes Hände -, sondern bleiben lieber, wie Augustinus und ihm folgend Luther sagen, in uns selbst verkrümmt. Ich gehöre mir, heißt die Devise, und das bedeutet auch: ich muss für mich selbst sorgen. Würde ich für Christus leben, könnte ich vertrauen, dass er für mich sorgt. Anzeichen dafür, dass uns dieses Vertrauen fehlt, ist eine beständige mehr oder weniger latente Angst: Angst vor Krankheit, Angst vor Alter, Angst nicht mehr arbeiten zu können oder zu viel Arbeit nicht bewältigen zu können, Angst nicht geliebt oder aber in der Liebe erdrückt zu werden.
Versöhnung bedeutet eine neue Beziehung zu Gott, ich lebe nicht mehr für mich, sondern mit und für ihn. Ich gebe es auf, um mich zu kreisen und lasse Gott mein Leben ergreifen. Der Frankfurter Philosoph Jörg Splett schreibt: „Sich-Erfassen-Lassen ist vor Aktiv und Passiv die Grundvollzugsweise von Sein und Leben in allen seinen Dimensionen, der ethischen, ästhetischen, erotischen, sexuellen wie religiösen: überall steht am Anfang ein Ergriffenwerden, das man nicht machen kann, dem man jedoch auch nicht rein passiv ausgeliefert ist; denn man kann sich verweigern.“ Die entscheidende Frage ist also: Antworte ich oder verweigere ich mich? Nehme ich die Versöhnung an, lasse ich mich von Gott ergreifen, oder bleibe ich verkrümmt in mir?
Freitags in der Fastenzeit haben wir nach der Vesper eine Zeit der eucharistischen Anbetung. Als ich gestern in der Kirche kniete, wurde mir plötzlich völlig deutlich, deutlicher als jemals zuvor, dass die Gegenwart Christi in den gewandelten Gaben von Brot und Wein der Ernstfall des Glaubens ist. Die Inhalte des Glaubensbekenntnisses sind geistiger oder historischer Art, wenn ich an sie glaube, schwingt immer ein Element von Fürwahr- und Wahrscheinlichhalten mit. Der Glaube an sie ist leicht verglichen mit der Zumutung, in dieser kleinen Oblate den lebendigen Gott hier und jetzt in Mariendonk zu sehen. Das kann ich nicht glauben im Sinn von „wird schon so sein“, das glaube ich gegen alle Evidenz, gegen alles, was mir meine Sinne, mein Gefühl und mein Verstand sagen, die behaupten, dass es nur Brot ist. Einzig mein Glaube weiß, dass hier Christus anwesend ist und ich niederfallen muss. Wäre er es nicht, wäre das, was ich tue, Götzendienst, so aber sind es Liebe, Hingabe, Verehrung, Anbetung Gottes, des Schöpfers von Himmel und Erde.
„Versuchung“ ist ein altertümliches Wort, das wir nur noch selten verwenden. In der christlichen Tradition erklärte man, dass Versuchung und damit Sünde darin besteht, in grenzenlosem Hochmut wie Gott sein zu wollen. Das ist sicher richtig, aber es gibt auch die gegenteilige Versuchung, nämlich sich zu bescheiden und das Große, das Gott schenken will, gar nicht zu wollen, sondern mit 80 halbwegs gesunden und stressfreien Jahren zufrieden zu sein. Gott will uns sein Leben schenken („die Vergöttlichung“), aber wir sagen: „Bemüh dich nicht“ und wenden uns ab. Die Wurzel dieser Versuchung liegt darin, dass Menschen dem Wort Gottes keinen wirklichen Einfluss auf ihr Leben einräumen, d.h. die eigenen Maßstäbe nicht aus der Heiligen Schrift nehmen, sondern in dem, was sie tun, dem Mainstream zu folgen. Keiner von uns ist frei davon.
„Fasten“ ist das alte gotische Wort für „halten“ (von gotisch „fastan“ (fest)halten, beobachten, bewachen) bzw. althochdeutsch „fest“ (fasten). Wir finden das noch im Englischen: „Fasten your seat belts“ (Schnallen Sie sich an).
In der Fastenzeit geht es darum, etwas zu halten, zu beobachten, festzuhalten. Zunächst die Gebote Gottes, deren Nichthalten den Verlust des guten Lebens, der Freiheit und der Freude nach sich zieht. Wichtiger aber als etwas halten, ist es, sich an jemand halten, nämlich an Christus.
Ich habe in der vergangenen Woche nichts geschrieben, weil wir unsere Jahresexerzitien hatten und in dieser Zeit gilt es zu hören, nicht selbst zu reden. Jetzt gehen wir auf die heiligen vierzig Tage der Vorbereitung auf Ostern zu, die nochmal ein andere Form der Jahresexerzitien sind. Dabei stehen für mich weder Fasten („Fastenzeit“) noch Buße („österliche Bußzeit“) im Vordergrund, sondern das Hören auf den Herrn und die Feier der Eucharistie. Tun wir das nicht sowieso jeden Tag? Ja und nein. Wirklich auf Gottes Wort zu hören und zu realisieren, was in der Eucharistie geschieht, ist so anspruchsvoll, dass es ein ganzes Leben lang neue Anläufe braucht, „bis Christus in uns Gestalt annimmt“ (Gal 4,19) und wir sagen können: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).
