Blog von Schwester Christiana
Im heutigen Evangelium verheißt Jesus: "Dann werdet ihr mich nichts mehr fragen" (Joh 16,23). Spontan empfinde ich das nicht als eine Verheißung, denn Suchen und Fragen bedeutet - jedenfalls in dieser Welt - Lebendigkeit. Eine Welt, die ganz Licht ist, in der alles verstehbar ist, können wir uns im Grunde nicht vorstellen.
Das Kloster, in dem ich zur Zeit bin, liegt mitten im Wald. Der Wald ringsum gehört zu Schloss Kronovall, die Eigentümer haben den Schwestern vor knapp 40 Jahren ihr Grundstück geschenkt. Da sie selbst keine Kinder haben, haben sie ihren ganzen Besitz in eine Stiftung überführt. Diese Stiftung möchte nun den gesamten Wald (mehrere Hektar) abholzen und eine riesige Solaranlage bauen. Eine Bürgerinitiative versucht diese ökologische Katastrophe zu verhindern. Ähnliche Vorgänge gibt es auch in Deutschland. Wir wollen nicht, dass unsere Welt zerstört wird, dass Rohstoffe und Wasser verbraucht werden, nur um den Energiebedarf von Mega-Rechenzentren zu decken, aber andererseits erwarten wir überall schnelles Internet, digitalisieren unsere ganze Welt, und erstellen sinnlose Videos, die niemanden wirklich interessieren. Irgendwann werden wir gründlicher nachdenken müssen...
Ich genieße es, Zeit zu haben, längere Zeit zu lesen und so auch komplexere Bücher im Zusammenhang zu erfassen. Im Moment lese ich (Oliver Dürr, Homo Novus, Vollendlichkeit im Zeitalter des Transhumanismus. Beiträge zu einer Techniktheologie, 2021). Der Titel klingt schrecklich kompliziert, aber das Buch ist gut zu lesen, außerdem auf der Seite des Aschendorff-Verlags frei verfügbar. Der Transhumanismus vertritt eine Anthropologie und Eschatologie, die radikal antichristlich ist und in der Gesellschaft von Tag zu Tag mehr Einfluss gewinnt, auch wenn sie nicht so benannt wird. Es geht letztlich um die Negierung der Geschöpflichkeit des Menschen.
Gelesen: Joseph Fadelle, Das Todesurteil. Als ich Christ wurde im Irak (2015). Normalerweise lese ich solche Konversionsbücher eher nicht, egal ob jemand aus dem Kloster, dem Opus Dei oder dem Islam austritt. Aber dieses Buch hat mir eine Mitschwester empfohlen, und es hat mich wirklich beeindruckt in zweierlei Hinsicht: 1. Wie kostbar die Taufe, die Eucharistie und überhaupt der Glaube ist, wurde mir sozusagen von außen neu zugesagt. 2. Wie schwierig es ist und wie lange es dauern kann, bis man im Irak oder in Jordanien jemanden findet, der bereit ist einen ehemaligen Muslim zu taufen, war mir nicht klar. Die Christen haben Angst und wehren jede Konversion, ja schon jeden Gottesdienstbesuch oder das Lesen des Evangeliums ab. Ich kann darüber nicht urteilen, aber wenn auf der einen Seite ängstliche Christen stehen und auf der anderen Seite ein Mensch, der alles aufgibt (Familie, großen Reichtum, Sicherheit) und bereit ist, sein Leben zu riskieren, um getauft zu werden, fühlt man sich als Christ beschämt.
Die Ökumene scheint hier problemloser zu sein als in Deutschland. In der Messe waren viele evangelische Christen, die bei der Kommunion ganz selbstverständlich nach vorne ginge und vom Priester den Segen bekamen. Genauso machen es hier auch katholische Christen, wenn sie einen evangelischen Gottesdienst besuchen. Niemand findet es hier offenbar peinlich oder entwürdigend, nicht zur Kommunion gehen zu dürfen, während es bei uns ein großes Problem ist, weil immer weniger Menschen, auch immer weniger Priester, akzeptieren, dass es keine Interkommunion gibt.
Die Wirklichkeit in ihrer ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit wahrzunehmen, ist für ein geistliches Leben entscheidend. Erfolge können Zeichen Gottes sein, durchkreuzte Pläne ebenso (vgl. Apg 16,1-10). Gott spricht ständig, aber oft hören wir ihn nur, wenn sein Wort unseren eigenen Wünschen entspricht. Doch er beruft zu Größerem als zu dem, was wir uns wünschen. Er will uns über uns selbst hinaus führen, uns vergöttlichen, das ist die Wahrheit, die wir Christen dem zeitgenössischen Transhumanismus entgegenhalten müssen. Wenn ich das schreibe, spüre ich: "Die Wahrheit wirkt arrogant heutzutage" (F. Platz). Aber ist die Wahrheit wirklich arrogant? Ich glaube, sie hat die Demut Christi. Und wenn wir sie vertreten, vertreten wir nichts, was wir "machen" können, sondern erwarten alles von Gott
