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Blog von Schwester Christiana

04. Januar 2026

„Ich verstehe dich.“ Oft bedeutet dieser Satz nur, dass jemand das Problem aus eigener Erfahrung kennt und Ähnliches schon selbst erlebt hat.
Wirkliches Verstehen ist etwas anderes, es besteht nicht darin, dass ich das, was ein anderer sagt, mit meinen eigenen Erfahrungen abgleiche, also an meinem Ort stehen bleibe und eine Hand hinüberreiche, sondern dass ich zu dem anderen hingehe und das Problem aus seinen eigenen Prämissen heraus mitzudenke. Wenn mir das gelingt, kann ich sagen: „Ich verstehe dich“ oder zumindest: „Ich fange an dich zu verstehen“. Solches Verstehen kann eine sehr beglückende Erfahrung sein, die das eigene Leben ausweitet.

02. Januar 2026

Wenn ich auf Jesus Christus schaue, ist es eine bleibende Herausforderung zu bekennen, dass er Gott und Mensch zugleich ist, immer droht - vor allem in der Frömmigkeit - die Gefahr, nur die eine Seite zu sehen. Das Besondere bei Jesus ist aber die absolute Bejahung Gottes, der vor allem den Vorrang hat, und die genauso radikale Bejahung des Menschen, auch des sündigen.
Aber nicht nur die Person Jesus Christus ist schwierig, auch seine Lehre ist es, denn in ihr gibt es „die Spannungseinheit von radikaler Forderung und radikaler Liebe“ (W. Thüsing). Bleibend gibt es die Versuchung, entweder die Forderung zu betonen („du musst, du musst, du musst“) und Liebe, Verständnis und Barmherzigkeit zu vergessen (u.U. auch sich selbst gegenüber) oder aber nur den „lieben Gott“ zu sehen, der sich allen zuwendet und dabei zu vergessen, dass es um Leben und Tod geht. Die Frommen lehnen den anderen Menschen ab, wenn er ihren Glauben nicht teilt und nicht tut, was sie für richtig halten, die Humanisten degradienen (wenn sie überhaupt glauben) Gott zu einem Hilfsmittel für menschliches Glück. Gottes- und Nächstenliebe zu verbinden ist schwer.

30. Dezember 2025

Fragen beim Lesen der Zeitung:
In der Presse hieß es in diesem Tagen, dass Bundeskanzler Friedrich Merz der Wiederbelebung der Konjunktur in Deutschland klare Priorität vor der Umweltpolitik einräumen will. Er sei „nicht bereit, Umwelt- und Klimaschutz so hoch aufzuhängen, dass damit ein großer Teil unseres industriellen Kern in der Bundesrepublik Deutschland verloren geht.“ Prinzipiell halte seine Regierung aber an den Klimazielen fest. Was heißt hier „prinzipiell“?
In Pakistan warten Menschen mit einer Aufnahmezusage für Deutschland auf ein Visum. Hunderte Menschen erhielten jüngst eine Absage des Bundes. Rechnet man die Absagen aus dem Ortskräfteverfahren hinzu, haben in den vergangenen Tagen und Wochen mindestens 780 Menschen eine Absage erhalten. Bereits in den Wochen und Monaten zuvor wurden viele Zusagen aufgehoben. Gelten einmal gemachte Zusagen oder kann man sie nach Belieben aufheben, wenn der andere sich nicht wehren kann?

28. Dezember 2025

Im Moment gewinnt eine Idee zunehmend an Bedeutung, die sich katholisch nennt, aber meines Erachtens am Wesen der Botschaft Jesu vorbeigeht, der sogenannte „Integralismus“. Darüber lesen wir bei dem Zisterzienser Edmund Waldstein:
„Der katholische Integralismus ist eine Denktradition, die die liberale Trennung der Politik von der Sorge um das Ziel des menschlichen Lebens ablehnt und festhält, dass politische Herrschaft den Menschen auf sein Endziel hinzuordnen hat. Da der Mensch jedoch sowohl ein zeitliches als auch ein ewiges Ziel hat, hält der Integralismus fest, dass es zwei Gewalten gibt, die ihn beherrschen: eine zeitliche Gewalt und eine geistliche Gewalt. Und da das zeitliche Ziel des Menschen seinem ewigen Ziel untergeordnet ist, muss die zeitliche Gewalt der geistlichen Gewalt untergeordnet sein.“
Das klingt fromm, trotzdem gehen diese Theorie am Wesentlichen des Christentums vorbei, an der Ohnmacht des Kreuzes auf der einen Seite und an der Allmacht Gottes auf der anderen Seite, der unsere Hilfe nicht braucht, um seinen Willen durchzusetzen. Und sie verkennt die Dynamik menschlichen Machtwillens, der immer über kurz oder lang zum Götzendienst wird.

26. Dezember 2025

Gäste, die zum ersten Mal mit uns Weihnachten feiern, sind oft irritiert und enttäuscht, weil sie vermissen, was für sie Weihnachten ausmacht: Das Kind in der Krippe, der Stall von Bethlehem, die schönen alten Lieder. All das fehlt bei uns nicht ganz - natürlich lesen wir die Weihnachtsgeschichte - aber der Akzent liegt in der Liturgie auf dem, was man am besten mit dem Begriff „Menschwerdung“ umschreiben kann. Der ewige, unendliche, transzendente Gott ist als Mensch in unsere Welt gekommen, um die Schranke zwischen ihm und uns aufzuheben und uns zu ermöglichen, an seiner Gottheit teilzuhaben.
In diesem Jahr haben wir das 1700 Jahre Konzil von Nizäa gefeiert. Bei diesem Konzil wurde als Glaube der Kirche formuliert, dass Jesus Christus „eines Wesens mit dem Vater“ ist. Das bedeutet, dass in der Krippe kein Halbgott lag, kein untergeordneter Gott, sondern wirklich der Schöpfer von Himmel und Erde. Selbst das wäre nur ein schönes Wunder, aber letztlich ohne tiefere Bedeutung für uns, wenn dieser Jesus nicht zugleich auch ganz Mensch war. Weil er beides ist, kann er uns in seiner Person mit Gott verbinden. 
Verstehe ich das? Nicht aus mir selbst, aber im Glauben.

25. Dezember 2025

„Es geschah in jenen Tagen, dass vom Kaiser Augustus die Verordnung erging, dass auf dem ganzen Erdkreis eine Zählung vorgenommen werden sollte. Es war dies die erste Zählung, unter dem Statthalter Syriens, Quirinius“ (Lk 2,1f). 
„Wer genauer hinschaut, der findet hier ein Geheimnis angedeutet: Auch Christus mußte bei der Zählung des ganzen Erdkreises mit eingeschrieben werden, um, mit allen Menschen zusammen aufgeschrieben, alle zu heiligen und, zusammen mit dem Erdkreis bei der Zählung erfasst, denselben in seine Gemeinschaft aufzunehmen. Nach dieser Zählung wollte er sie aus mit sich zusammen in das Buch der Lebenden (vgl. Offb 20,15) eintragen, damit alle, die an ihn geglaubt haben, später mit seinen Heiligen in den Himmeln verzeichnet sind“ (vgl. Lk 10,20) (Origenes, 11. Homilie zum Lukasevangelium 6).