Blog von Schwester Christiana
Aristoteles sagt, dass man auch denen dankbar sein muss, deren Ansichten man nicht zustimmt, denn auch sie haben etwas zur Wahrheit beigetragen. Auf jeden Fall helfen sie uns, uns mit einer Sache intensiver zu befassen und genauer über sie nachzudenken. Ich finde es sehr problematisch, wenn Menschen geistig immer nur im Raum von Gleichdenkenden bleiben und sich so ständig bestätigen lassen. Die Gefahr sehe ich durchaus auch bei mir selbst. Deshalb ist es mir wichtig, ganz bewusst Dinge zu durchdenken, die mir fremd und unsympathisch sind. Das ist bei fremden Religionen oder Philosophien weniger schwierig als Theorien, die katholische Theologen äußern und die ich für falsch halte. Aber trotzdem: Auch Bücher, über die ich mich nur ärgere, haben mich weitergebracht.
In meinem Leben erkenne ich so klar Gottes Führung und Liebe, dass sich die Theodizeefrage nicht stellt. Ich glaube, sie würde sich auch nicht stellen, wenn ich einen Unfall hätte oder schwer krank würde. Aber das Leiden der anderen lässt mich ohne Antwort und völlig ratlos. So viele Menschen werden einfach wehrlos zermalmt.
Die Aussage Jesu, dass auf dem Stuhl der Schriftgelehrten Leute sitzen, die an die anderen Forderungen stellen, die sie selbst nicht erfüllen, kann ich nicht auf die heutige Kirche beziehen, die reduziert die Anforderungen eher. Aber im säkularen Bereich, in der neuen Religion der Tech-Milliardäre gilt es. Sie wollen uns zwingen, bestimmte Dinge zu tun, tun es aber selbst nicht, sie lassen z.B. ihre eigenen Kinder nicht der Smartphone-Sucht verfallen, in die sie andere Kinder führen.
In die momentane Weltuntergangsstimmung möchte ich innerlich nicht einstimmen, das würde bedeuten, einer politischen Partei zu viel Macht über mich einzuräumen. "Wir aber wollen, von der Liebe geleitet, die Wahrheit bezeugen und in allem auf ihn hin wachsen" (Eph 4,15). Als Christen haben wir Christus als Maßstab und Vorbild, das sollte uns in der Beurteilung von gesellschaftlichen Veränderungen Halt geben. Vor allem aber müssen wir als Christen Widerstand zu leisten, wenn etwas als christlich bezeichnet wird, was dem Evangelium widerspricht.
Man erwartet vom Wort Gottes, dass es mich bestärkt, „empowerment“ ist das Stichwort in moderner Theologensprache. Vereinfacht ausgedrückt: Die Bibel ruft mir angeblich zu: Du bist okay, und, was du tust, ist auch okay.
Tatsächlich bestärkt das Wort Gottes mich, aber indem es mir Kraft gibt, mich nicht der Welt anzugleichen, sondern mich verwandeln zu lassen. Es ruft mir zu: Du bist nicht okay, und, was du tust, ist auch nicht okay, aber gerade dadurch befreit es mich. Ich muss nicht die bleiben, die ich bin, sondern kann in der Nachfolge Christi einen Weg gehen, den ich zwar nicht überschaue, aber bei dem ich weiß, dass jemand führt, der mich liebt. Zu viele Menschen, denen ich begegne, wollen, dass ihre Umgebung alles gut findet, was sie tun. Ich kommentiere das Leben solcher Menschen nicht, aber es tut mir oft leid, dass sie die Weite und die Zukunft verweigern.
Immer wieder höre ich in der Bibel: "Fürchte dich nicht!" (Dtn 31,6.8). Das kann man in zweierlei Richtung verstehen: Es gibt keinen Grund sich zu fürchten, denn Gott ist bei mir. Aber auch: Es gibt viele berechtigte Gründe zur Angst, darum sei tapfer. Lass dich nicht durch Angst dazu verführen auszuweichen, denn Ausweichen ist Sünde (Dtn 31,6).
Immer wieder verführt mich die Angst dazu, vor Gottes Anspruch zurückzuweichen und zu den Göttern dieser Welt überzugehen. Aber immer wieder habe ich auch erfahren: Nur Tapferkeit führt zur Freiheit und damit zur Freude.
