Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Morgen feiern wir das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Selbst viele Katholiken wissen mit diesem Fest nichts anzufangen. Sie  kommen sich sehr aufgeklärt vor, wenn sie mir erklären, was alles gegen den Glauben insgesamt und gegen die Vorstellung der „Himmelfahrt“ eines Menschen im Besonderen spricht. Dabei ist das, was sie äußern, oft nur ziemlich platte Pseudo-Naturwissenschaft.
Was mir leid tut und mich ratlos macht: Viele Menschen weigern sich die Antworten des Glaubens zu verstehen, sie finden sie zu schwierig. Tatsächlich haben sie recht, die Antwort ist oft komplizierter als die Frage, aber es ist unreif, nur Fragen zu stellen und bei den Antworten wegzuhören.
 
 
Manchmal geht einem plötzlich etwas auf, was man eigentlich immer schon wissen konnte. So ging es mir, als mir klar wurde, dass die Kirche nicht schrumpft, sondern unaufhörlich wächst, wächst bis zum Ende der Welt. Von Schrumpfung kann man nur sprechen, wenn man unter Kirche ausschließlich die jetzt lebenden Katholiken versteht und selbst dann nur, wenn man seinen Blick sehr eingeschränkt auf Europa richtet. Aber zur Kirche gehören alle Gläubigen aller Zeiten, von Maria und den Apostel bis zu denen, die die Wiederkunft Christi erleben werden. Mit jedem getauften Kind wächst die Kirche.
 
Bei dem französischen Theologen Jean Daniélou fand ich einmal folgenden Gedanken, von dem ich leider nicht mehr sagen kann, aus welcher Schrift ich ihn habe. Für mich ist das Gesagte fast eine Art von Gottesbeweis, auf jeden Fall etwas, was ich selbst genauso erfahre.
„Gott ist es, der mir widersteht. Gerade dadurch drängt er sich mir auf. Denn wenn ich ihn erfände, so würde ich ihn mir willfähriger gestalten. Gerade daran aber, dass er mich stört, dass er meine Denkgewohnheiten und meine Pläne, mein Leben nach meinem Geschmack einzurichten, umstößt, erkenne ich seine Gegenwart. Diesem Paradox sehe ich mich gegenüber. Gerade das, um dessentwillen ich wünschte, dass er nicht existierte, zwingt mich dazu, seine Existenz anzuerkennen. In mir verspüre ich allzu viel Interesse daran, dass er nicht existiert, als dass mir mein Wunsch, dem möge so sein, nicht verdächtig vorkommen müßte. Indem ich mich vergeblich bemühe, ihn meinem Willen anzupassen, lerne ich ihn erkennen. Schließlich wird er mich lehren, ihn zu lieben, indem ich meinen Willen dem seinen zu beugen suche.“
 
Es gibt zu viele Menschen in unserer Kirche - auch Priester, Ordensleute, Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten -, die nicht an Gott glauben, aber den Absprung, zum Teil aus wirtschaftlichen Gründen nicht wagen. Sie zerstören die Kirche, selbst wenn sie versuchen ihre Aufgaben zu erfüllen.
Wichtig: Ich meine nicht Menschen, die zweifeln, die mit dem Glauben ringen, die in Zeiten der Verdunklung des Glaubens geraten. Das alles kenne auch ich und es sind immer noch Formen der Liebe und der Beziehung. Was ich meine, sind Menschen, für die der Glaube keine Frage mehr ist. Doch ich las einen für mich tröstlichen Satz: „Und doch weiß man bei alle diesen Fragen ganz genau, dass es sich immer nur auf das „Christentum“ in Anführungszeichen beziehen - und nicht auf das andere, den glühenden Kern, der vielleicht erst jetzt beginnt, seine letzten und tiefsten, seine eigentlichen Kräfte zu entfalten“ (I.F.Görres, Nocturnen 22).
 
Lohnend das Buch von J. Hartl „Gott ungezähmt“. Sehr einleuchtend das Bild von der Insel, auf der wir uns befinden und die ringsherum vom Meer umgeben ist, ein Bild, das mir seither nachgeht. Der Glaubende ist wie ein Fischer, der im Gegensatz zu denen, die den Inselcharakter ihres Lebens leugnen, „weiß, was er zu fürchten hat. Er weiß am besten: Jeder Kontinent ist von Wasser umgeben. Und jede Straße, fährst du nur lang genug, grenzt an den Ozean. Du kannst ihm nicht ausweichen. Du kannst Gott nicht ausweichen. Keine Chance... Er ist real. Und er ist nicht harmlos. Er ist - ungezähmt‟ (14). Ja, die Insel, auf der wir leben, ist groß und sie bietet viele Ablenkungen, so dass man das Meer lange ignorieren kann. Aber das Meer ist da und jeder muss irgendwann hinausfahren.