Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Christus ist „als Gottes schöpferisches Wort die Wahrheit aller Dinge und Menschen“ (J. Ratzinger). Er ist nicht „meine Wahrheit“, nicht „deine Wahrheit“, nicht „die Wahrheit der Christen“, er ist die Wahrheit schlechthin, die für alle Menschen gilt. Auch wenn das in den Ohren vieler anmaßend und intolerant klingt, müssen wir Christen diese Botschaft verkünden: Christus ist nicht eine Erscheinungsform Gottes unter vielen anderen, er ist Gott.
 
Beim Lesen der Bibel wird mir jeden Tag neu klar, wie falsch es ist, die Geschichte Gottes mit den Menschen als Fortschritt zu deuten, bei dem wir der momentane Höhepunkt sind. „Historischer Snobismus“ nennt das C.S.Lewis. Wir sind überhaupt nicht weiter als die Menschen des Alten Testaments, die Menschen zur Zeit Jesu oder die des Mittelalters. Jeder einzelne muss den Weg „von den Götzen zum lebendigen Gott“ (1Thess) gehen, oft mehr als einmal.
 
Ich finde es merkwürdig, dass die Presse die Sünden des Erzbischofs von Paris berichtenswert findet. Geht das eigentlich irgend jemand etwas an? Ein Mensch, der sündigt, soll bereuen, seine Schuld bekennen, sie wenn möglich gut machen und sich ernsthaft vornehmen, dasselbe nicht mehr zu tun. Wenn das alles geschieht, sehe ich keinen Grund ihn öffentlich an den Pranger zu stellen, im Gegenteil ich finde das geschmacklos. Wohl gemerkt, ich spreche hier von Sünden, bei Verbrechen ist es etwas anderes.
Heute traf mich ein Wort aus dem Propheten Zephanja: „Er schweigt in seiner Liebe“ (Zeph 3,17). Früher hieß es an dieser Stelle „Er erneuert seine Liebe zu dir“, aber die Einheitsübersetzung von 2016 hat die ursprünglichere Lesart ausgewählt, nicht die mehr wie die frühere Übersetzung die leichter verständliche.
Ich habe das Schweigen Gottes bisher als etwas wahrgenommen, worunter ich leide und von dem ich möchte, dass es aufhört. Darüber, dass Gott aus Liebe schweigt, muss ich weiter nachdenken. Es sagt mir etwas über Gottes geduldiges Mitgehen mit meiner Freiheit.
 
„Der Tag des Herrn wird über jeden Menschen kommen wie ein Dieb. Aus diesem Grund muss man wach und aufmerksam sein, sei es am Abend, also in der Zeit der Jugend, sei es um Mitternacht, also in der Mitte des Lebens, sei es beim Hahnenschrei, also wenn man schon älter ist, oder sei es am Morgen, also wenn man bereits sehr alt ist“ (nach Origenes, MtCom ser. 56). Normalerweise denken wir, dass ein Kind am Morgen seines Lebens steht und ein alter Mensch nahe davor ist, in die Nacht zu gehen. Origenes sieht es von seinem Glauben an Christus aus anders: Dieses Leben ist in Wirklichkeit eine lange Nacht und erst im Sterben erwachen wir zum Licht. Ich wünschte, ich könnte das immer im Bewusstsein haben.