Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Das Leben ist komplex und es ist eine Form von Dummheit, zu sehr auf sich selbst zu vertrauen und in jeder Situation sein eigener Ratgeber sein zu wollen. Belehrbarkeit ist ein Form von Weisheit. Allerdings ist es auch Weisheit, die richtigen Berater zu suchen. An erster Stelle steht hier Jesus Christus selbst, der in der Heiligen Schrift als „wunderbarer Ratgeber“ und „Bote des großen Ratschlusses“ bezeichnet wird: „Auf ihn sollt ihr hören!“
Woran kann man einen schlechten Ratgeber erkennen? Ein schlechter Ratgeber macht das Große klein, verkehrt Gutes in Böses, setzt Gewisses zu Zweifelhaftem herab und führt die Wahrheit auf bloße Möglichkeit zurück. Ein schlechter Ratgeber ist jemand, der uns hilft, uns zu entschuldigen statt unsere Schuld zu erkennen und sie zu bereuen.
 
Mein Respekt vor dem Kampf, und damit der Lebensleistung anderer Menschen, wird immer größer. Vor allem das tapfere Ertragen von Krankheit und Unglück ist oft bewundernswert. Aber auch bei den ewig Jammernden, ständig Unzufriedenen will ich nicht urteilen. Wir haben nicht alle dieselbe Ausgangsbasis, weiß ich denn wirklich, wie viel jemand an sich arbeiten muss, um nicht noch mehr zu jammern? Wer wie ich ziemlich gute Karten hat, sollte schweigen und sich nicht für stark halten. Vor Gott sind andere, die auf uns Menschen schwach wirken, vielleicht die eigentlichen Helden.
 
Irgendwo las ich den Satz: „Jemanden versuchen heißt, ihn in eine Situation bringen, in der sich das Nein zu Gott nahelegt.“ Damit muss nicht die Versuchung zum Abfall vom Glauben gemeint sein, wir sehen an der Sündenfallgeschichte in Gen 3 und an der Versuchung Jesu, dass die Versuchung meistens eher darin besteht, dem anderen nahezulegen, sich selbst an die erste Stelle zu setzen.
 
Es geht bei der Fastenzeit nicht primär um Verzicht, sondern im Gegenteil um den Weg zur Fülle. Unser Leben soll uns nicht genommen, es soll gewandelt werden, Gott will unser Klagen in Tanzen verwandeln. Wir wollen zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens, doch Gott will uns hinauf nach Jerusalem führen. Darin liegt die Tragik der gesamten Heilsgeschichte und wohl auch jedes einzelnen Lebens: Gott will uns groß und unendlich glücklich machen und wir wollen lieber in einem Winkel unser eigenes kleines Reich aufrichten.
 
Eigene Pläne verfolgen, auch wenn es Widerstände gibt, sie vielleicht aufschieben, aber - wenn es um Wichtiges geht - nicht einfach vergessen. Nicht zu viele lose Fäden lassen. Das ist die eine Seite. Die andere: Lernen, Pläne aufzugeben. Ganz bewusst und ohne Groll. Es muss auch Blüten geben, aus denen keine Früchte wachsen. Zerstörerisch ist dagegen die illusionäre Aufschieberei: „Vielleicht nächstes Jahr“, vage und ohne klaren Vorsatz. Dagegen sollte man kämpfen.