Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Als junge Frau sah ich die Grenzen zwischen den Geschlechtern weniger scharf als heute. Damals war es mir wichtiger, Mensch zu sein, Frau zu sein erschien mir demgegenüber sekundär. Heute würde ich sagen, dass ich Mensch bin als Frau und dass mir das Mensch-Sein als Mann für immer verschlossen ist. Es gibt keine Brücken über diesen Abgrund. Das führt mich einerseits zu sehr unmodernen Ansichten über männliche und weibliche Berufs- und Familientätigkeit, gleichzeitig ist es mir wichtiger als früher, eine weibliche Perspektive einzubringen und mich von einseitig männlichen Sprachformen nicht angesprochen zu fühlen. Studenten durch Studierende zu ersetzen finde ich ein Vergewaltigung unserer Sprache, aber wenn von Söhnen, Knechten oder Brüdern die Rede ist, gehe ich davon aus, dass man andere meint als mich.
 
Die Unbarmherzigkeit der Frommen ist manchmal erschreckend. Die anderen sind verdammt und das ist in ihren Augen gut so. Ein sehr fragwürdiges Gottes- und Menschenbild! Trotzdem sind auch unsere heutigen weichgespülten Vorstellungen von Gott fragwürdig. Huldigen wir nicht manchmal einer Form von „wishful thinking“, die nur ein anderer Name für Flucht vor Gott ist? Wenn es ihn wirklich gibt, fordert er auch Entscheidungen.
 
Pfingsten
Alles liegt daran, dass wir die Geister unterscheiden und den Geist Gottes mit keiner der Stimmen in unserem Inneren verwechseln. Der Heilige Geist ist nicht die Stimme, die uns zuflüstert: „Du bist okay, mach weiter so“, sondern der alles verändernde Sturmwind, der Neues und Unerwartetes bringt, Beunruhigendes, auf das wir nie gekommen wären und dass wir uns bis heute nicht vorstellen konnten. Er kommt vom Himmel (vgl. Apg 2,2), aus der Unverfügbarkeit Gottes, er weht, wo er will (vgl. Joh 3,8) und er ist ein Geschenk, das nicht dem, der er erhält, nützt, sondern den anderen, für die er es einsetzen soll (vgl. 1 Kor 12,7).
 
In der Bibel wird verboten, das Volk Israel zu zählen. Dieses Gebot gilt auch für uns, für die Kirche und für die Klöster. Wir sollen nicht zählen, wie viele wir sind, wir sollen nicht ständig unseren Altersdurchschnitt berechnen. Im Heute Gottes leben. Jeder Tag hat genug eigene Sorgen. Dankbarkeit lernen.
 
Ich sympathisiere in keiner Weise mit irgendwelchen Verschwörungstheorien, aber ich denke schon, dass wir uns klarmachen müssen, dass Leben potentiell gefährlich ist. Das Sicherste in der Corona-Pandemie ist es, zuhause zu bleiben, niemanden hereinzulassen und zu warten, bis alles vorbei ist und sei es den Rest des Lebens. Alles andere kann tödlich sein. Aber ist ds Leben, ist so viel Sicherzeit nicht auch eine Art von Tod, zumindest sozialer Tod?
Wenn wir leben wollen, und Leben bedeutet für mich vor allem Kommunikation, dann müssen wir etwas riskieren, das wird uns jetzt sehr klar, aber es galt letztlich immer schon. Jede Teilnahme am Straßenverkehr, jeder Besuch eines Schwimmbads, jedes Essen im Restaurant war immer schon gefährlich.
Nicht leichtsinnig sein, abwägen und Gott um seinen Segen bitten. Dann handeln und die Folgen im Glauben tragen.