Blog von Äbtissin Christiana Reemts

22.6.20
Die Zeichen der Zeit erkennen. Sehr schwierig, selbst wenn man aufmerksam hinschaut. Alles winkt, alles fordert Aufmerksamkeit - was ist wirklich wichtig? Aber es handelt sich nicht nur um ein geistiges Problem, sondern betrifft auch das Handeln: Was sollen wir tun, wo und wie uns einsetzen, was ist unsere Aufgabe heute?
Wenn in der Gemeinschaft das Gespräch auf die gesellschaftliche und kirchliche Situation kommt, entsteht oft eine gereizte Stimmung. Die einen sehen Zeichen für Werteverfall, Bildungsmangel und Dekadenz, die anderen lehnen das ab, indem sie darauf verweisen, dass zu jeder Zeit gemeint wurde, die nachfolgende Generation verschleudere das Erbe ihrer Vorfahren.
Gestern ging es konkret um das Installieren der Corona-App. Dazu steht im Evangelium nun wirklich nichts. Hat man aus Nächstenliebe die Pflicht sie zu installieren oder darf man mißtrauisch bleiben und um seine Daten bangen?
Etwas skurril war die Diskussion auch deshalb, weil wir nur drei Smartphones haben und die innerhalb von Mariendonk nicht funktionieren - kein Empfang.
 
Manchmal denke ich, vieles um das wir uns sorgen machen, sieht vor Gott so aus:
 
 
 
 
(Bilder H. Schmitz)
 
 
Zur Zeit lese ich die Bücher des israelischen Historikers Yuval Noah Harari. Sie sind sehr flüssig geschrieben, und auch wenn ich vieles etwas oberflächlich finde, so erfaßt er doch ausgezeichnet das Denken in seiner Widersprüchlichkeit. Er zeigt, wie sehr Leben und damit Gesundheit heute der höchste Wert ist, wobei unter „Leben“ dieses irdische Leben zu verstehen ist. Harari zitiert Woody Allen, der einmal gefragt wurde, ob er hoffe, auf der Kinoleinwand ewig zu leben und der darauf erwiderte: „Ich lebe lieber in meiner Wohnung“ und „Ich möchte nicht durch meine Arbeit unsterblich werden. Ich möchte unsterblich werden, indem ich nicht sterbe.“ Klingt witzig und spontan sagt jeder ja. Aber diesem Wunsch, möglichst lange und gesund zu leben, stehen auf der anderen Seite immer mehr Suizide gegenüber; das Leben kann auch sehr schwer sein. Es sterben in der Gegenwart mehr Menschen durch Suizid als durch Krieg und Kriminalität, noch gar nicht eingerechnet die langsamen Suizide durch Überernährung.
Für Christen ist das Leben auf dieser Erde ein Wert, aber nicht der höchste. Der viel höhere Wert ist die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott - ob in diesem Leben oder in einem anderen. Wenn man daran wirklich glaubt, hat man immer noch Angst vor dem Sterben, aber letztlich nicht vor dem Tod, es gibt ihn nicht wirklich, er ist ein Tor, keine Wand.
Wer wirklich an Gott glaubt, ist zugleich davon überzeugt, dass Selbstmord unmöglich ist. Wir haben uns das Leben nicht gegeben, wir können uns auch nicht ins Nichts zurückkatapultieren.
 
Sag mir, warum du trauerst und ich sage dir, wer du bist. Warum trauern wir?
     - leere Kirchen
    - mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz des Christentums
    - persönliche Probleme
    - das Gefühl nicht geliebt und anerkannt zu sein.

Doch es gibt noch eine andere Trauer:
    - dass Gott nicht geliebt wird
    - dass seine Geschöpfe - ich selbst eingeschlossen - ihr Leben mit Nichtigkeiten verbringen.
Diese Trauer muss man erst lernen. Sie wächst mit der Zeit, die andere nimmt ab.
 
In der Komplet beten wir: „Lass uns, wir bitten dich, morgen früh unversehrt vor dir erscheinen, damit du immerdar unseren Lobpreis empfangen kannst“. Kindlich? Naiv? Unverschämt? Unser Denken wehrt sich: Will Gott, wenn es ihn denn gibt, aus Eigennutz, dass wir Menschen ihm dienen, ist er wie die antiken Götter, die den Menschen schufen, um Opfergaben - und seien es geistige - zu empfangen? Ist das nicht ein sehr kleines, kleinliches Gottesbild? Bin ich nur dazu da, um diesen Lobpreis zu erbringen, so dass ich befürchten muss, wenn ich das Geforderte nicht mehr leiste, verworfen zu werden?
Vermutlich liegt das Problem in dem Wörtchen „damit“, das wir überinterpretieren. Eigentlich geht es um Beziehung und Liebe. Ich bin, weil Gott mich will und d.h. weil er mich liebt. Schon diese Erkenntnis ist Lobpreis. Insofern könnte man das Gebet auch viel einfacher formulieren: „Herr, mein Gott, lass mich auch morgen vor dir stehen und dich aus ganzen Herzen lieben.“
 
(Bild Helmut Schmitz)
 
Als junge Frau sah ich die Grenzen zwischen den Geschlechtern weniger scharf als heute. Damals war es mir wichtiger, Mensch zu sein, Frau zu sein erschien mir demgegenüber sekundär. Heute würde ich sagen, dass ich Mensch bin als Frau und dass mir das Mensch-Sein als Mann für immer verschlossen ist. Es gibt keine Brücken über diesen Abgrund. Das führt mich einerseits zu sehr unmodernen Ansichten über männliche und weibliche Berufs- und Familientätigkeit, gleichzeitig ist es mir wichtiger als früher, eine weibliche Perspektive einzubringen und mich von einseitig männlichen Sprachformen nicht angesprochen zu fühlen. Studenten durch Studierende zu ersetzen finde ich ein Vergewaltigung unserer Sprache, aber wenn von Söhnen, Knechten oder Brüdern die Rede ist, gehe ich davon aus, dass man andere meint als mich.