Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Wir feiern in dieser Woche nicht den Tod, sondern das Leben. Wir gehen den Weg Christi mit, der ein Leidensweg ist, und singen zugleich: „Durch das Holz des Kreuzes kam die Freude über den ganzen Erdkreis.“
Was zeichnet Christen aus? Sie sind Menschen, die sich für das Leben und die Freude entschieden haben. Allerding ist es ein langer Weg, wirklich Christ zu werden.
 
Palmsonntag
Ambivalenz dieses Tages: Wir legen unsere Kleider vor Jesus auf den Weg und mit unseren Kleidern uns selbst, wir huldigen ihm mit Zweigen und rufen: „Gesegnet sei der da kommt im Namen des Herrn!“ Wir meinen es ernst und doch steht hinter dieser Begeisterung schon die Verleugnung bis hin zum: „Kreuzige ihn!“ Die Leidensgeschichte zwingt uns immer neu zu fragen, wo wir uns in ihr verorten. Sind wir die Jünger, die Pharisäer, die Schaulustigen? Werden wir bis unter das Kreuz mitgehen, wenn es verlangt wird? Ohne diese Frage jedes Jahr neu zu stellen, sind die Feierlichkeiten der kommenden Tage eine Form von frommer Folklore.
 

unser Hungertuch (gestaltet von Jan Masa)

Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn. Er ist von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen, der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Denn durch sein Sterben ist er ein für allemal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für Gott.  So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, für Gott aber leben in Christus Jesus (aus dem Römerbrief und dem 1 Korintherbrief zusammengestellt).

„Die Glaubenskongregation schnürt dem Heiligen Geist die Luft ab“. Ich lese diesen Satz und muss lächeln. Es passiert vieles in unserer Kirche, was mich bedrückt, ja beängstigt, aber das ist meine geringste Sorge.
 
Als Äbtissin in der katholischen Kirche ist man sehr verschiedenen Stimmen ausgesetzt. Die einen sagen: „Ihr habt zu wenig Novizen, weil ihr nicht fromm genug seid“, die anderen: „Ihr seid zu fromm, das spricht heute keinen mehr an.“ Die einen sehen den Fehler darin, dass wir Deutsch beten und nicht bei der Wandlung knien, die anderen finden es unmöglich, dass wir das Ordenskleid tragen und nicht in den Urlaub fahren.
Im Evangelium ist davon die Rede, dass jemand „alles“ verkauft, um die eine kostbare Perle zu erwerben, wobei die Perle das Himmelreich ist, aber auch der Glaube. Wenn man erkannt hat, wie kostbar dieser Glaube ist, wird man konservativ, d.h. man möchte diesen Schatz bewahren und verhindern, dass er wieder für „alles“ eingetauscht wird.
Ich habe nichts gegen Veränderungen in der Kirche, aber sie müssen mit dem überlieferten Glauben übereinstimmen, sonst weiß ich nicht, warum ich in dieser Kirche bleiben soll. Der christliche Glaube ist keine von Menschen gemachte religiöse Überzeugung, die man beliebig abändern kann, sondern er ist Offenbarung Gottes, die man im Laufe seines Lebens immer tiefer verstehen sollte. Wenn wir diesen Glauben beiseite legen, konstruieren wir uns eine eigene Religion, um nicht zu sagen, verfallen wir dem Götzendienst. Annahme oder Ablehnung des überlieferten Glaubens bedeutet Annahme oder Ablehnung der Wahrheit, die Gott ist. In diesem Zusammenhang auf die Möglichkeiten des eigenen Verstandes zu verweisen („ich finde aber...“), zeugt von Arroganz, ja von Dummheit. Wenn es wirklich einen Gott gibt, der sich offenbart, dann kann Wahrheit nur von ihm empfangen werden und zwar auf dem Weg, den er für den besten hält. Wahrheit an einer anderen Stelle zu suchen als dort, wo er sie hinterlegt hat, in der Heiligen Schrift und im Glauben der Kirche, kann nur in die Irre führen.
Der Glaube der Kirche relativiert den eigenen geschichtlichen Standort und zeigt uns, dass wir nicht unbedingt der bis jetzt unerreichte Höhepunkt der Menschheitsgeschichte sind. Der Glaube steht uns bei im Kampf gegen alle Formen des Götzendienstes, sei es auch die Vergötzung der eigenen Vernunft. Er lehrt uns, kritisches Denken auch auf uns selbst, auf unsere eigene Vernunft anzuwenden und im Spiegel früherer Denkbemühungen zu erkennen, wie viel von dem, was uns als der letzte Schrei erscheint, nur dem entstammt, dem was moderne Philosophie „die Verfallenheit an das Man“ nennt. Wenn wir aus der Tradition erkennen, dass ein Origenes oder Augustinus auf Fragen, die uns heute bewegen, tiefere Antworten zu geben wußte als das, was unsere moderne wissenschaftliche Theologie zustandebringt, könnte uns das zu größerer Bescheidenheit führen und vielleicht zu der Bereitschaft auf die Wahrheit und nur auf sie zu hören, wo immer sie uns begegnet.