Skip to main content

Blog von Schwester Christiana

02. Oktober 2023

Auf unserer Homepage steht als ein Kriterium für eine Frau, die prüfen will, ob sie zu einem Leben in unserer Gemeinschaft berufen ist: „Freude am Leben“. Das war mir nicht bewusst und hat mich sehr berührt, ja beschäftigt mich seit Tagen. „Freude am Leben“ heißt es dort, nicht „Freude am Glauben“, was man vielleicht eher erwarten würde und was auch nicht schlecht ist, sondern „Freude am Leben“. Was bedeutet das, was gehört dazu?
Freude an der Natur
Freude am Lernen
Freude an Musik, Kunst und Literatur
Freude an Arbeit
Freude am eigenen Körper
Freude am Essen
Freude am Kontakt mit anderen Menschen...
Man könnte noch ganz viel aufzählen und ich habe bewusst zunächst nichts aufgezählt, was unmittelbar zum Glauben gehört.
Freude am Leben ist ungeheuer wichtig, denn sie ist die Voraussetzung für Dankbarkeit. Wer keine Freude am Leben hat, hat keinen Grund zu danken und damit auch keinen Grund Eucharistie zu feiern.
Aber: Auch Freude kann man üben, das nennt man im weitesten Sinn Kontemplation.

27. September 2023

Oft erschöpft mich das Vielerlei meiner Aufgaben und ich denke, es geht anderen ähnlich. Früher hatten wir mehr Arbeit, vor allem mehr monotone Arbeit, aber wir hatten nicht so viel Verschiedenes zu erledigen, konnten es auch gar nicht, weil jede einzelne Arbeit länger dauerte. Jetzt weiß ich oft schon in der Mitte des Tages nicht mehr, was ich am Morgen getan habe, der Tag zerfällt in lauter Splitter. Die einzige Rettung, die es gibt, ist diese Splitter zusammenzufügen und sie zu einer Einheit zu machen durch das Wissen: Herr, ich tue alles für Dich. Dann sind es nicht mehr 10 Emails, drei Telefonate und 5 Gespräche, sondern nur noch der eine Dienst. Und dann wächst die Freude.

24. September 2023

Es gibt Themen, wo Christen mit Menschen, die dem Glauben fern stehen, gut zusammenarbeiten können. Ein solches Thema ist der Naturschutz. Viele Menschen haben inzwischen ein tiefes Empfinden für die Kostbarkeit und Schönheit der Erde und sind bereit, sich für ihre Bewahrung einzusetzen. Christen sprechen in diesem Zusammenhang von Schöpfung, womit ein neuer Gedanke hinzukommt, den wir offener aussprechen sollten. Wir glauben, dass die Welt und alles, was in ihr ist (uns selbst eingeschlossen), aus Liebe entstanden ist, aus der Liebe Gottes, der wollte, dass es sei. Und dieser Gott wird die Welt bleibend in seiner Hand halten. Deshalb gibt es im Letzten keinen Grund zur Angst.

20. September 2023

Im Moment überarbeiten wir unsere Psalmenübersetzung, wobei wir uns an vorhandenen Übersetzungen orientieren, so auch an der Einheitsübersetzung von 2016. Dort wird Ps 2,12 übersetzt: „Küsst den Sohn, damit er nicht zürnt und euer Weg sich nicht verliert“, eine ganz wörtliche Übersetzung aus dem Hebräischen, die sich in evangelischen Übersetzungen durchaus findet. Bei der älteren Einheitsübersetzung hieß es dagegen, dass das Hebräische nicht verständlich sei, weshalb man übersetzte: „Küßt ihm mit Beben die Füße, damit er nicht zürnt und euer Weg nicht in den Abgrund führt“, was wir damals in ähnlicher Weise übernommen haben. „Küßt den Sohn“ klang irgendwie merkwürdig, vor allem gab es wahrscheinlich den unausgesprochenen Verdacht, so etwas könne im Alten Testament nicht stehen und würde sehr leicht einer nicht gewünschten christologischen Auslegung Vorschub leisten. Ich hoffe, dass wir diese wörtliche Übersetzung wieder in unser Psalmengebet hineinnehmen.

17. September 2023

Sonntags singen wir in der Matutin das sogenannte Siegeslied am Schilfmeer, in dem es von den Ägyptern, die die Israeliten bei ihren Auszug verfolgten, heißt: „Du strecktest deine Rechte aus, da verschlang sie die Erde“ (Ex 15,12). Diese Aussage wird von Origenes, einem Theologen, der im 3. Jh. n. Chr. lebte, für Christen gedeutet:
„Scheint dir der nicht von der Erde verschlungen zu werden, der immer nur an die Erde denkt, der an irdischen Taten festhält, der von der Erde spricht, um die Erde streitet, die Erde haben will und all seine Hoffnung auf die Erde setzt? Der nicht zum Himmel aufschaut, der nicht an die Zukunft denkt, der Gottes Gericht nicht fürchtet und seine Verheißungen nicht ersehnt, sondern nur an das Gegenwärtige denkt und sich nach dem Irdischen sehnt? Wenn du einen solchen Menschen siehst, dann sollst du sagen, dass ihn 'die Erde verschlungen hat'... Dennoch darf man nicht völlig verzweifeln. Denn es ist möglich, dass der Verschlungene zur Besinnung kommt und wieder ausgespieen wird wie Jona (vgl. Jona 2,11) (Origenes, Homilien zum Buch Exodus 6,6).
Darin sehe ich keineswegs eine Aussage über „die anderen“, sondern ich frage mich oft, ob ich mich nicht selbst viel zu sehr von der Erde verschlingen lasse...

14. September 2023

In der Eifel gibt es die sogenannte NS-Ordensburg Vogelsang, ein großes Gelände, auf dem die Nazis eine Schulungsstätte für ihre Führungsleute eingerichtet hatten und das erst seit 2016 wieder für alle offen ist. Eine beeindruckende Dauerausstellung („Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen“) macht deutlich, wie die Nazis vorgingen. Einige Mitschwestern waren in diesem Sommer dort und erzählten, wie ähnlich manche Formen, die dort gelebt wurden, denen waren, die es früher auch bei uns gab. Sie äußerten Erleichterung, dass es nicht mehr so ist.
Ich sehe das genauso, zumal ich mich sehr intensiv mit dem Thema „Geistlicher Mißbrauch“ beschäftigt habe, aber zugleich glaube ich, dass wir in der Gegenwart durch all die Negativbeispiele aus dem Blick verlieren, welch hoher Wert Gehorsam ist. Wer meint, selbst am besten zu wissen, was gut für ihn ist, bleibt in der Enge des Eigenen und wird am Schluss auch nicht mehr auf Gott hören können.