Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Überall findet eine zum Teil brutale Entsolidarisierung statt, in der Politik, aber auch in der Kirche. Das Wort „Parteifreunde“ hat jeden Sinn verloren, wenn diese Freunde, schon bevor eine Wahl stattfand, personelle Konsequenzen für den Fall der Niederlage fordern, allein auf Grund der Umfragen. Und in der Kirche ist es ähnlich: Wenn jemand etwas vorgeworfen wird, rücken alle von ihm ab, die gemeinsame Zugehörigkeit zum Leib Christi scheint für die meisten nur noch metaphorisches Gerede zu sein.
Ich möchte ausdrücklich hinzufügen - und dass ich das muss, ist schon ein Symptom dafür, dass wir alle ständig Angst haben müssen, mit Steinen beworfen zu werden -, dass ich nicht der Ansicht bin, Fehler oder sogar Straftaten sollten vertuscht werden.
 
Ich genieße den Herbst, vor allem die Tatsache, dass alles noch so grün ist. Erst jetzt wird mir klar, wie sehr ich in den letzten beiden Jahren darunter gelitten habe, dass im September schon alles braun und vertrocknet war. In diesem Jahr dagegen wächst alles, der Mais steht hoch wie nie und vermittelt das Gefühl von Fruchtbarkeit.
Allerdings gibt es hin und wieder wenn ich durch die Maisfelder fahre, vor allem dann wenn zufällig ein Hubschrauber in der Luft ist, ein plötzliches Gefühl der Bedrohung, das eigentlich durch nichts gerechtfertigt ist. Erst wenn ich überlege, wird mir klar, woher dieses Gefühl kommt und wie tief es sitzt. Vor elf Jahren, im Herbst 2010, verschwand in Grefrath der zehnjährige Mirco und wurde monatelang gesucht, bis man ihn im Januar tot fand. In dieser ganzen Zeit waren wir täglich umgeben von Polizei, die mit Hubschraubern, aber auch mit Hunderten von Polizisten, die die Maisfelder durchkämmten und nach dem Kind suchten. Jeden Herbst kommt das in mir wieder hoch. Herr, lass Mirco bei dir geborgen sein!
 
Zunehmend kritisch stehe ich dem Begriff des „geistlichen Mißbrauchs“ gegenüber, der zur Zeit von allen Kirchendächern herab verkündet wird. Natürlich passiert es - leider viel zu oft! -, dass der Glaube benutzt wird, um Menschen zu manipulieren, in Abhängigkeit zu bringen und für eigene Ziele auszunutzen. Das ist eine Perversion dessen, was das Evangelium eigentlich will: „Zur Freiheit seid ihr berufen.“
Aber auf die Freiheit des Evangeliums hinzuwachsen, ist ein lebenslanger Prozess, bei dem man die Führung durch Menschen braucht, die schon weiter sind als man selbst. Sich dieser Führung zu überlassen, wird in der geistlichen Tradition als Gehorsam bezeichnet, ein Wort, das man heute nicht mehr gerne verwendet. Statt dessen spricht man lieber von „geistlicher Selbstbestimmung“. Es ist richtig, dass der Gehorsam das eigene Gewissen niemals ausschalten darf; falsch aber ist die Meinung, dass im Grunde jeder selbst am besten weiß, was für ihn gut ist. In Bezug auf sich selbst ist man oft sehr blind!
Bei manchen Texten zum geistlichen Mißbrauch, die ich in letzter Zeit gelesen habe, frage ich mich, ob man nicht vielen Heiligen, auch Paulus, ja sogar Jesus selbst geistlichen Mißbrauch vorwerfen muss. Ist es wirklich schon geistlicher Mißbrauch, wenn man klar sieht, was für einen anderen gut ist und ihm das liebevoll sagt?
 
Wir haben in unserer Kirche zu wenig Priester, zu wenig Gläubige, zu wenig Glauben, zu wenig Geld, zu wenig....
Wir haben in unseren Klöstern zu wenig Novizen, zu wenig geistliche Ressourcen, zu wenig Perspektiven, zu wenig...
„Kümmert es dich nicht, das wir zugrunde gehen?“
„Warum seid ihr so feige? Habt ihr keinen Glauben?“ (vgl. Mk 4,38-40).
 
Glauben - nicht irgendwelche Sätze, sondern glauben, dass jemand liebevoll auf mich schaut, ist schwer. Immer wieder der Versuch, doch lieber alles selbst zu machen... Aber es ist Unglaube, ständig für sich selbst zu sorgen zu wollen, es gibt einen anderen, der das viel besser tut.