Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Oft werde ich gefragt, ob ich nicht den Eindruck habe, im Kloster etwas zu verpassen. Doch, diesen Eindruck habe ich, und vor meinem Eintritt war das eine Frage, die ich mir oft stellte. Ich würde auf Partnerschaft, Kinder, Reisen, kulturelle Erlebnisse verzichten müssen, wollte ich das? Ich empfand die Frage aber schon damals als falsch gestellt. Es ging mir nicht um Verzicht, sondern um eine Wahl. Tatsächlich verpasst man ständig, in jeder Minute, etwas, und auf das gesamte Leben bezogen hat selbst der im umfassendsten Sinne reiche Mensch viel verpasst. Jede echte Entscheidung gibt und nimmt, sie eröffnet einen Weg und verschließt andere. Ins Kloster zu gehen, schloss damals und auch heute noch vieles aus, nicht ins Kloster zu gehen, würde anderes ausschließen.
 
Auf den Eintrag vom 7.11.20 erhielt ich einige Rückmeldungen, die mir wieder einmal deutlich machten, dass Freiheit zwei Seiten hat, die Freiheit von etwas und die Freiheit zu etwas. Letzere Freiheit ist im Moment eingeschränkt, denn wir können vieles nicht tun. Aber es gibt auch die andere Seite: Wir müssen vieles nicht tun. Eine Dame schrieb mir, dass sie im Moment weniger Angst empfindet, als das Gefühl freier zu leben. Sie kann zwar wie wir alle vieles nicht tun, was sie möchte, aber die Arbeit im Homeoffice ist für sie eine neue Freiheit, die beflügelt, denn sie bedeutet freie Zeiteinteilung. „Die Eingeschränktheiten empfinde ich als Loslassen vom Alltag... und somit als Herausforderung Neues zu finden. Ich kann nicht jammern, eher (fast) jauchzen, über diese „Verschnaufspause. Ja, es ist eine aufgezwungene Situation, mit vielen Einschränkungen, aber gerade diese Situation empfinde ich als Chance.“
 
Ich empfinde im Moment nicht so sehr Angst als das Gefühl unfrei zu sein. Ich kann vieles nicht tun, was ich möchte, und ich muss vieles tun, was ich unangenehm und belastend finde. Viele von uns haben es seit Kindertagen nicht mehr erlebt, so stark eingeschränkt zu werden und wehren sich - innerlich oder auch nach außen hin. Wer so denkt, d.h. wer bisher weitgehend selbstbestimmt leben konnte, muss sich klarmachen, wie privilegiert sein Leben bisher war: Arme oder chronisch kranke Menschen waren auch vor Corona schon in vieler Hinsicht unfrei.
Doch wir sollten unser Unbehagen und das Gefühl der Unfreiheit nicht zu schnell wegdrücken. Lassen wir es zu, nur das bietet die Chance, die Situation nicht jammernd zu ertragen, sondern bewußt zu akzeptieren und dann vielleicht auch ihre Chancen zu entdecken. "Mein Gott aber wird euch durch Christus Jesus alles, was ihr nötig habt, aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenken" (Phil 4,19). Vertrauen wir darauf!
 

Herbstimpressionen aus Mariendonk

 

 

Allerseelen
Als Kind dachte ich viel über den Tod nach, vor allem über meinen eigenen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie die ganze Welt ohne mich weiter läuft. Dabei merkte ich, dass ich mir eine Welt, in der es mich, die diese Welt wahrnahm, nicht mehr gab, gar nicht vorstellen konnte. Das war für mich ein Problem, über das ich sehr oft nachdachte. Dabei hatte ich eigentlich keine Angst, was mich faszinierte, war die geistige Herausforderung, die Welt ohne mich als Subjekt zu denken. Natürlich hätte ich das mit zehn nicht so ausgedrückt, aber ich glaube, genau das war es, worüber ich nachgrübelte.
Später hörte ich von Leuten , die ganz plötzlich starben - bei einem Unfall oder einem Herzinfarkt. Das fand ich unheimlich, denn auf mich selbst bezogen war mir klar, dass ich nicht wirklich mit meinem Tod rechnete, jedenfalls nicht in naher Zukunft:
„Wir sagen wohl, die Stunde des Todes sei ungewiss, aber wenn wir es sagen, stellen wir uns diese Stunde in weiter vager Ferne vor, wir denken nicht daran, dass sie irgendeine Beziehung zu dem bereits begonnenen Tag haben und dass der Tod... am gleichen Nachmittag noch erfolgen könne.... Der Tag liegt vor einem und erscheint kurz nur aus dem Grunde, weil man zur Zeit wieder zu Hause sein möchte, um eine Freundin zu empfangen; man wünschte, es wäre morgen schön, und man ahnt nicht, dass der Tod auf einer anderen Ebene schon... zu einem gelangt ist und gerade diesen Tag für seinen Auftritt gewählt hat, die nächsten Minuten schon...“ (Marcel Proust).
Der Tod ist der große Unbekannte, von dem man nicht einmal weiß, ob er etwas Gutes oder Schreckliches ist. Platon sagt: „Niemand weiß, ob der Tod nicht das größte Gut für den Menschen, sondern die Leute fürchten ihn, als wäre es vollkommen gewiss, dass er das größte Übel ist“, Der Hebräerbrief spricht davon, dass alle Menschen „durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen sind“ (Hebr 2,15). Erst ein Leben, dass nicht mehr unter dieser Todesdrohung stünde, wäre wirklich frei.
Christus war der einzige, der den Tod freiwillig auf sich nahm: er stand nicht unter seiner Knechtschaft. Dadurch hat er den Tod verwandelt und ihn zu einem Weg zum Vater gemacht. Deshalb kann Paulus sagen: „Für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn“ (Phil 1,21) und die kleine heilige Theresia: „Ich sterbe nicht, ich gehe ins Leben ein.“