Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Ich lese die wütenden Kommentare von Daniel Deckers in der FAZ und denke, der Mann hat recht, die Kirche verliert zur Zeit den Anschluss an die Moderne. Aber ist der Anschluss an die Moderne überhaupt das Ziel der Kirche? Viel wichtiger ist doch, dass sie nicht den Anschluss an Gott verliert, an sein Wort und an das Geschenk seiner Weisung.
Im Tiefsten bin ich davon überzeugt - man mag mich deswegen eingebildet nennen - dass wir, die wir als völlig rückständig gelten, in Wahrheit unserer Zeit voraus sind und die Zukunft vorbereiten.
 
Nachdenklich macht mich ein Vers aus dem Propheten Jesaja: „Du kommst denen entgegen, die auf deinen Wegen an dich denken“ (Jes 64,4).
Man kann offenbar auch auf eigenen Wegen an Gott denken, ihn eigenen Zwecken nutzbar machen, hoffen, dass er dazu beiträgt, dass unser Wille geschieht. Doch sein Weg ist Christus. Auf diesem Weg an Gott zu denken, bedeutet vor allem, die eigenen Wege zu verlassen.
 
Oft scheint mir das, was in unserer Kirche verkündet wird, zu einfach zu sein. Es ist alles richtig, alles bedenkenswert, aber ich es trifft meine Suche nach Gott nicht. Gott ist  wenn es ihn wirklich gibt, bleibend ein Mysterium, er ist nicht unvernünftig, aber übervernünftig, d.h. von unserem Verstand nicht einzuholen.
Ich beschäftige mich, wenn man das Chorgebet mitrechnet, täglich etwa drei Stunden mit der Bibel und versuche zu erahnen, was Gott uns sagen will. Aber ohne die vielen, die mir im Glauben vorangingen und an deren Glauben ich mein eigenes Verständnis messe, würde ich nicht wagen, auch nur eine theologische Aussage zu machen.
Heute las ich bei Tomas Halik: „Die Kunst und die Religion bemühen sich, durch die Sprache der Symbole das Unaussprechliche auszusprechen und das nicht Darstellbare darzustellen. Das Symbol hat einen paradoxen Charakter: Es enthüllt das Geheimnis, auf das es sich bezieht, auf das es hinweist, und verbirgt es zugleich. Eine Kunst, die nicht auf ein Geheimnis hinweist, sondern faul und billig an einer gefälligen Oberfläche bleibt, ist Kitsch. Eine Religion, ... die nicht fähig ist, Symbole als einen Weg in die Tiefe zu betrachten, ist der genaue Gegensatz zu einer authentischen Religion - sie ist Fundamentalismus“ (Tomas Halik, Die Zeit der leeren Kirchen, 2021, 32f).
Vielleicht ist es das, was mich so häufig irritiert: Ein Fundamentalismus, der immer schon weiß, was Gott will und meint. Diesen Fundamentalismus finde ich zur Zeit vor allem bei denen, die in unserer Kirche meinen, die Speerspitze des Fortschritts zu sein. Gott übersteigt unser Denken und man muss sehr lange hinhören, um sich von seinem Denken prägen zu lassen. Ich würde nicht sagen, dass ich selbst so weit bin.
 
 

Zur Zeit ist alles voll erblüht und unser Garten hat seine schönste Zeit. In diesem Jahr gibt es ausgesprochen viele verschiedene Vögel, vielleicht achte ich auch nur mehr darauf als früher. Erstmalig nistet ein Turmfalkenpaar an unserem Kirchendach. Durch die Pandemie, die das Leben am Ort konzentriert, nehme ich die Natur viel mehr wahr und freue mich an ihrer Schönheit und Sinnhaftigkeit.
Dazu gehört allerdings auch die Wahrnehmung, wie sehr ein Lebewesen vom anderen lebt: Die Turmfalken werden, wenn sie Bruterfolg haben, andere Jungvögel jagen... In unserem Teich sind Fische, die wir mit List und Tücke vor den Reihern zu retten versuchen. Womit wir allerdings nicht gerechnet hatten: Eine Dose mit Fischfutter, die an diesem Teich stehenblieb, lag am nächsten Morgen einige Meter entfernt, ihr Boden war aufgehackt und der Inhalt zum großen Teil verschwunden... Raben sind sehr intelligente Tiere und haben auch Hunger... Und wir Menschen leben sowieso von anderen Lebewesen. Das ist nichts Schlimmes und im Schöpfungsplan vorgesehen, aber man muss ja dazu sagen, auch dazu, dass man selbst „verbraucht“ wird.

Das heutige Tagesgebet scheint mir auch für mich selbst sehr aktuell zu sein:
Allmächtiger, ewiger Gott, du hast der heiligen Katharina von Siena das Leiden Christi und die Wunden seiner Kirche vor Augen gestellt. Im Dienst an der Kirche wurde ihre Liebe zu einem lodernden Feuer. Mache auch uns, die wir zu Christus gehören, bereit, die Leiden seiner Kirche mitzutragen, damit einst seine Herrlichkeit an uns offenbar wird.
Hinsehen und mittragen, mehr ist nicht gefordert. Doch wie anspruchsvoll ist das! Oft möchte ich viel lieber wegsehen und sagen: Ohne mich.