Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Das heutige Tagesgebet scheint mir auch für mich selbst sehr aktuell zu sein:
Allmächtiger, ewiger Gott, du hast der heiligen Katharina von Siena das Leiden Christi und die Wunden seiner Kirche vor Augen gestellt. Im Dienst an der Kirche wurde ihre Liebe zu einem lodernden Feuer. Mache auch uns, die wir zu Christus gehören, bereit, die Leiden seiner Kirche mitzutragen, damit einst seine Herrlichkeit an uns offenbar wird.
Hinsehen und mittragen, mehr ist nicht gefordert. Doch wie anspruchsvoll ist das! Oft möchte ich viel lieber wegsehen und sagen: Ohne mich.
 
 
Verglichen mit Menschen in der Dritten Welt oder auch mit armen Menschen in unserem Land leben wir in Mariendonk in Luxus und Überfluss, das müssen wir ehrlich zugeben. Worin besteht dann aber unsere benediktinische Armut? Sie besteht darin, dass keine Schwester persönliches Eigentum hat, dass wir alles miteinander teilen. Keine von uns hat Besitz, über den sie verfügen kann, keine von uns bekommt Taschengeld, keine von uns hat die Möglichkeit, sich in der Stadt auch nur eine Packung Kekse zu kaufen. Das ist eine Form von Armut, die oft schwer fällt und die uns immer wieder in Versuchung führt, doch etwas als unser Privateigentum zu reservieren. Wirklich alles mit anderen zu teilen ist ein großer Anspruch, in den man erst hineinwachsen muss, auf der anderen Seite aber auch ein Geschenk: Jede von uns hat 25 andere Menschen, die ihren ganzen Besitz mit ihr teilen. Wer hat das schon?
Wir leben in einem großen Haus, besitzen eine eigene Kirche und einen wunderschönen, großen Park. Das gibt unserem Lebensstil Schönheit und Weite. Wenn wir unser Haus renovieren oder etwas anschaffen, ist uns immer bewusst, dass wir in unserem Kloster nicht nur für zwei oder drei Jahre leben, sondern, soweit wir das als Menschen überhaupt sagen können, für dauernd. Deshalb versuchen wir der Wegwerfgesellschaft Widerstand zu leisten und uns mit Dingen zu umgeben, die auch in vielen Jahren noch schön sind. Wir überlegen bei allem, was wir anschaffen, sehr genau, ob wir es wirklich brauchen. Wenn wir es anschaffen, sollte es unseren Lebensraum verschönern. Aus diesem Grund investieren wir auch viel Zeit in die Pflege unseres Hauses und unseres Gartens, denn wir glauben, dass der Lebensraum, in dem ein Mensch wohnt, ihn körperlich und seelisch prägt und sehr viel zu seiner psychischen Gesundheit beiträgt.
 
 
 
Normalerweise sind Heiligenlegenden nicht meine bevorzugte Lektüre. Aber in den letzten Wochen las ich auf Empfehlung einer Bekannten ein Buch, das mich beeindruckt und auf eine eigentümliche Weise getröstet hat: Martin Mosebach, Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer (2018). In diesem Buch geht es um die 21 koptischen Wanderarbeiter, die 2015 von IS-Terroristen ermordet wurden. Doch das Buch ist nicht schrecklich, noch nicht einmal deprimierend, denn es geht nicht um die Täter, nicht einmal primär um die Opfer, sondern darum, wie eine Kirche, die immer Minderheit war, mit einem solchen Ereignis umgeht.
Und wie geht sie damit um? Sie ist voll Stolz und Freude, dass Gott sie gewürdigt hat, Märtyrer hervorzubringen. Die Eltern, die Ehefrauen, die Nachbarn der Ermordeten sind froh, dass sie Menschen gekannt haben, die jetzt bei Gott sind und für sie eintreten. Der Bischof wagt es zu sagen: „Ich gehe kein besonderes Wagnis ein, wenn ich behaupte, kein Kopte in Oberägypten würde den Glauben verraten“ (59). Und über die Priester heißt es: „Der Tod hatte die Rangordnung verändert: Eben noch waren die Wanderarbeiter aus El-Or ihre Söhne gewesen, jetzt schauten sie zu ihnen auf als zu den bedeutendsten Persönlichkeiten, die ihnen in ihrem nicht kurzen Leben begegnet waren und die ihrer eigenen Existenz einen ganz unerwarteten Sinn verliehen.“ Sie „hatten nicht gewußt, dass diese braven, frommen Männer... sehr bald schon, genau das sein würden, was sie jetzt waren - die Märtyrer, die Gekrönten, die im Himmel auf Thronen saßen und zu denen die Priester, denen sie einst die Hände geküßt hatten, jetzt auf Knien beten“ (145f).
Unsere Kirche verehrt die Märtyrer, aber wäre ich selbst bereit, für meinen Glauben zu sterben? Ich würde nicht wagen, das fraglos zu bejahen. Und wenn einen Menschen, den ich kenne, dieses Schicksal ereilt, würde ich mich dann freuen? Und doch weiß ich, dass diese Kirche mir Vorbild im Glauben sein kann und dass wir in Deutschland auf solche Christen mit Ehrfurcht schauen sollten.
 
Im Moment scheint sich unsere ganze Gesellschaft in einer Art Warteschleife zu befinden. Aber worauf warten wir? Darüber lohnt sich nachzudenken.
Wenn ich mich selbst und unsere Gemeinschaft anschaue, dann warten wir darauf, unser altes Leben endlich zurück zu bekommen. Noch haben wir nicht wirklich akzeptiert, dass es kein Zurück in ein Leben vor 2020 geben wird; wir hoffen insgeheim, es wird wieder so werden wie früher. Doch das ist vermutlich ein Irrtum.
Richtiges Warten wäre das ganz bewußte Warten auf das, was kommt, im Glauben gesagt, das Ausschau-Halten nach Gott. „Ich will auf den Herrn warten, der jetzt sein Angesicht vor uns verhüllt, auf ihn will ich hoffen“ (vgl. Jes 8,17).
Eine vielleicht überraschende Frage, die aber weiterhilft: Was tut Gott eigentlich den ganzen Tag? Die Antwort der Hl. Schrift: Auch er wartet. Er wartet, dass wir uns ihm zuwenden, er wartet auf uns wie der Vater auf den verlorenen Sohn.
Corona als Zeit des Wartens. Nicht auf Godot, sondern auf die Begegnung mit dem lebendigen Gott.
 
Manchmal frage ich mich, ob ich eigentlich eher optimistisch oder eher pessimistisch in die Welt schaue. Wenn ich die Frage zu beantworten versuche, entdecke ich drei Ebenen: kurzfristig, mittelfristig, langfristig.
Kurzfristig, d.h. in Bezug auf heute und morgen bin ich optimistisch. Ich stehe meistens gut gelaunt auf, freue mich auf den Tag und denke, es wird schon alles gut gehen. Und ich erlebe viel Gutes und Schönes.
Langfristig, d.h. von den Verheißungen Jesu her gedacht, halte ich mich an den Spruch einer Mitschwester: „Ende gut, alles gut. Und wenn noch nicht alles gut ist, dann ist es eben noch nicht das Ende.“ Ich glaube an eine Zukunft in der Freude Gottes.
Das Problem ist die mittelfristige Perspektive. Da bin ich leider sehr pessimistisch, sowohl was unsere Gesellschaft als auch was unsere Kirche angeht. Und leider sehe ich im Moment wenig, was mich von dieser negativen Einschätzung abbringen würde.