Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Beim Lesen des Buches Deuteronomium fällt mir auf, dass Gott offenbar will, dass wir die Dinge nicht vermischen. Deutlich getrennt werden sollen Sabbat und Werktag, Opfermahl und profane Schlachtung, die verschiedenen Nahrungsmittel und die äußere Erscheinung von Mann und Frau. Man soll nicht verschiedene Tierarten kreuzen, nicht verschiedene Pflanzen zusammen anbauen und kein Mischgewebe tragen. Uns begegnet eine fremde Kultur, die uns zwingt wahrzunehmen, wie sehr wir in unserer Kultur alles miteinander vermischen und wie selten wir noch „Unvermischtem“ begegnen. Wir wollen alles verbessern - „optimieren“ - und mischen so lange, bis wir nur noch einen Einheitsbrei haben.
 
Ich will nun sicher nicht dafür plädieren, auf moderne Stoffe und Pizza zu verzichten, aber ich glaube, es bringt uns weiter - als Menschen und als Glaubende - immer wieder und immer öfter die Dinge einmal so zu lassen, wie sie sind. Das fängt mit ganz kleinen Veränderungen an, z.B. damit eine Tomate zu essen ohne sofort Salz darüber zu streuen.
 
Bei Thomas von Aquin gibt es eine interessante Überlegung zur Veränderung von Gesetzen und Vorschriften, die auch heute aktuell ist, sowohl im Staat als auch in der Kirche als auch in einer Gemeinschaft wie der unsrigen. Thomas sagt, man soll ein Gesetz nur dann verändern, wenn der Gewinn der Neufassung des Gesetzes so groß ist, dass er den Nachteil, der mit jeder Veränderung verbunden ist, aufwiegt. Was ist dieser Nachteil? Nach Thomas die schwächere Geltung von Gesetzen insgesamt, die entsteht, wenn man Gesetze zu oft und ohne dringenden Grund ändert. Für „öfter mal etwas Neues“ oder den Wunsch, alles ständig auf den neuesten Stand zu bringen, hätte Thomas wohl kein Verständnis. Ein Zitat aus der Summa des heiligen Thomas:
„Ein Gesetz wird dann zu Recht verändert, wenn durch diese Änderung ein Nutzen für das Allgemeinwohl entsteht. Eine solche Änderung eines Gesetzes ist aber immer schon in sich auch ein Schaden für das Gemeinwohl, weil zur Beachtung von Gesetzen die Gewohnheit sehr viel beiträgt... Wenn also das Gesetz geändert wird, vermindert sich die antreibende Gewalt des Gesetzes, weil die Gewohnheit wegfällt. Daher darf ein menschliches Gesetz nur dann geändert werden, wenn das Gemeinwohl deutlich mehr Gewinn als Schaden aus der Änderung erfährt“ (Sth Iª-IIae q. 97 a. 2).
 
Ich halte nichts davon, Kolumbus-Statuen zu stürzen oder an Kathedralen die antisemitischer Figuren zu entfernen. Man verdrängt damit die Vergangenheit, ohne wirklich aus ihr zu lernen.
Ein Denkmal oder ein Kunstwerk muss nicht immer ein Gegenstand der Verehrung sein, es kann auch erschrecken, nachdenklich machen oder Erleichterung darüber auslösen, dass etwas vorbei ist.
Christoph Kolumbus hat Amerika entdeckt und die Folge war entsetzliches Blutvergießen. Das sollte man wissen und nicht verdrängen. Aber man kann die Geschichte nicht zurückdrehen und alle Bewohner Amerikas außer den Nachkommen der indianischen Ureinwohner auffordern, das Land zu verlassen. Zeichen des Antisemitismus an unseren Kirchen sollten bleiben und ebenso wie die Gedenkstätten in den ehemaligen Konzentrationslagern warnend auf das hinweisen, was geschehen ist und nie wieder geschehen darf.
Es ist gefährlich, das vergangene Böse nicht sehen zu wollen, ja die Erinnerung daran auszulöschen, man schafft damit keine heile Welt.
 
Sehr oft äußern Gäste, dass sie die Psalmen, die wir beten, grausam finden und sich weigern, so etwas zu beten. „Ich habe keine Feinde und versuche mit allen Menschen Frieden zu halten.“ - „Ich finde es unchristlich, anderen Menschen Böses zu wünschen.“ Das ist sicher im Alltag richtig und gut, aber manchmal zu blauäugig das Böse ignorierend.
Ich selbst jedenfalls erlebe, dass die Psalmen sehr entlastend sein können, denn in ihnen gibt Gott uns Worte vor, mit denen wir uns empören dürfen und sollen. Gerade zur Zeit, wo immer wieder von entsetzlichen Verbrechen an Kindern hören, finde ich es nicht schwer, auf die Täter den Zorn, ja den Fluch Gottes herabzurufen. Mein persönlicher Psalm in diesem Zusammenhang lautet etwa:
„Steh auf, Herr, tritt ihnen entgegen und wirf sie zu Boden!
Zerbrich den Arm der Frevler und der Bösen, bestraf ihren Frevel, vertilg sie.
Sie sollen werden wie Spreu vor dem Winde, der Engel des Herrn soll sie jagen.
Ihr Weg soll finster und schlüpfrig sein, der Engel des Herrn verfolge sie.
Unvermutet überfalle sie das Verderben, sie sollen sich selbst in ihrem Netz verfangen, in die eigene Grube sollen sie stürzen
(nach Ps 17,13; 10,15; 35,5-8).
 
Im Moment lese ich „Am Himmel wie auf Erden“ von W. Bergengruen, ein Buch, das ich vor dreißig Jahren schon einmal gelesen habe, das aber in der Corona-Pandemie eine neue Aktualität gewinnt. In diesem Roman geht es um eine Wasserflut, die von Astrologen für den 15. Juli 1524 vorausgesagt war und Panik auslöste. Der Roman zeigt, wie verschieden Menschen in einer Situation der Angst reagieren und wie in ihnen alles Gute und Schlechte, das wohl immer schon latent vorhanden war, plötzlich ausbricht.