Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Sag mir, warum du trauerst und ich sage dir, wer du bist. Warum trauern wir?
     - leere Kirchen
    - mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz des Christentums
    - persönliche Probleme
    - das Gefühl nicht geliebt und anerkannt zu sein.

Doch es gibt noch eine andere Trauer:
    - dass Gott nicht geliebt wird
    - dass seine Geschöpfe - ich selbst eingeschlossen - ihr Leben mit Nichtigkeiten verbringen.
Diese Trauer muss man erst lernen. Sie wächst mit der Zeit, die andere nimmt ab.
 
In der Komplet beten wir: „Lass uns, wir bitten dich, morgen früh unversehrt vor dir erscheinen, damit du immerdar unseren Lobpreis empfangen kannst“. Kindlich? Naiv? Unverschämt? Unser Denken wehrt sich: Will Gott, wenn es ihn denn gibt, aus Eigennutz, dass wir Menschen ihm dienen, ist er wie die antiken Götter, die den Menschen schufen, um Opfergaben - und seien es geistige - zu empfangen? Ist das nicht ein sehr kleines, kleinliches Gottesbild? Bin ich nur dazu da, um diesen Lobpreis zu erbringen, so dass ich befürchten muss, wenn ich das Geforderte nicht mehr leiste, verworfen zu werden?
Vermutlich liegt das Problem in dem Wörtchen „damit“, das wir überinterpretieren. Eigentlich geht es um Beziehung und Liebe. Ich bin, weil Gott mich will und d.h. weil er mich liebt. Schon diese Erkenntnis ist Lobpreis. Insofern könnte man das Gebet auch viel einfacher formulieren: „Herr, mein Gott, lass mich auch morgen vor dir stehen und dich aus ganzen Herzen lieben.“
 
(Bild Helmut Schmitz)
 
Als junge Frau sah ich die Grenzen zwischen den Geschlechtern weniger scharf als heute. Damals war es mir wichtiger, Mensch zu sein, Frau zu sein erschien mir demgegenüber sekundär. Heute würde ich sagen, dass ich Mensch bin als Frau und dass mir das Mensch-Sein als Mann für immer verschlossen ist. Es gibt keine Brücken über diesen Abgrund. Das führt mich einerseits zu sehr unmodernen Ansichten über männliche und weibliche Berufs- und Familientätigkeit, gleichzeitig ist es mir wichtiger als früher, eine weibliche Perspektive einzubringen und mich von einseitig männlichen Sprachformen nicht angesprochen zu fühlen. Studenten durch Studierende zu ersetzen finde ich ein Vergewaltigung unserer Sprache, aber wenn von Söhnen, Knechten oder Brüdern die Rede ist, gehe ich davon aus, dass man andere meint als mich.
 
Die Unbarmherzigkeit der Frommen ist manchmal erschreckend. Die anderen sind verdammt und das ist in ihren Augen gut so. Ein sehr fragwürdiges Gottes- und Menschenbild! Trotzdem sind auch unsere heutigen weichgespülten Vorstellungen von Gott fragwürdig. Huldigen wir nicht manchmal einer Form von „wishful thinking“, die nur ein anderer Name für Flucht vor Gott ist? Wenn es ihn wirklich gibt, fordert er auch Entscheidungen.
 
Pfingsten
Alles liegt daran, dass wir die Geister unterscheiden und den Geist Gottes mit keiner der Stimmen in unserem Inneren verwechseln. Der Heilige Geist ist nicht die Stimme, die uns zuflüstert: „Du bist okay, mach weiter so“, sondern der alles verändernde Sturmwind, der Neues und Unerwartetes bringt, Beunruhigendes, auf das wir nie gekommen wären und dass wir uns bis heute nicht vorstellen konnten. Er kommt vom Himmel (vgl. Apg 2,2), aus der Unverfügbarkeit Gottes, er weht, wo er will (vgl. Joh 3,8) und er ist ein Geschenk, das nicht dem, der er erhält, nützt, sondern den anderen, für die er es einsetzen soll (vgl. 1 Kor 12,7).