Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Warum wagen wir eigentlich nicht, die Pandemie in Beziehung zu Gott zu setzen? Ist das richtig? Jesus hat uns vorausgesagt, dass Seuchen kommen werden und solche Seuchen hat es immer gegeben. Er hat uns nicht versprochen, dass wir alle mit über 90 ruhig einschlafen werden, wohl aber: „Ich bin bei euch alle Tage, bis zum Ende der Welt“. Diese Anwesenheit Gottes, sein Mit-uns-Sein in allem, was geschieht, in allem Schönen und auch in allem Beängstigenden sollten wir in den Blick nehmen und einander zusprechen.
Im Moment meditiere ich den Ausdruck „Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks", den ich neulich las. Ein Sakrament ist der Ort, an dem Gott und Mensch sich begegnen. Die Gegenwart ist dieser Ort, jeder Mensch, der auf mich zukommt, jede Aufgabe, die sich mir stellt, jedes Wort, das ich höre oder lese, ist Teil dieser sakramentalen Wirklichkeit, in all dem kommt Gott auf uns zu - auch in einer Pandemie. Unsere Antwort sollte lauten wie die Marias: „Mir geschehe nach deinem Wort“. Im Grunde geben wir diese Antwort, wenn wir das Vaterunser beten: „Dein Wille geschehe.“ Geben wir sie ganz bewusst, nicht nur allgemein dahingesagt, sondern bezogen auf alles, was im Alltag auf uns zukommt. Und versuchen wir nicht der Gegenwart auszuweichen, weder in eine vermeintliche bessere Vergangenheit noch in Träume von einer Zukunft ohne Corona, nur im Jetzt ist Gott mit uns. Aber im Jetzt ist er mit uns!
 
Jesus ist nicht wie wir Geschöpf, sondern er ging unmittelbar aus dem Vater hervor und hat dieselbe göttliche Natur wie der Vater. Er ist wie dieser ewig, sein Leben begann nicht erst, als er aus Maria geboren wurde, sondern er war schon vor aller Schöpfung beim Vater.
Aber er ist auch ganz und gar Mensch und bleibt es in alle Ewigkeit. Er war nicht nur ein Gott, der Menschsein spielt und dann wieder in den Himmel zurückkehrt. Die Kirche sagt uns: Jesus war Gott und Mensch zugleich, in ihm sind göttliche und menschliche Natur unvermischt und ungetrennt in einer Person vereinigt. Denn nur wenn Jesus wirklicher Mensch ist, ganz und gar zu uns gehört, kann er uns einen Zugang zu Gott verschaffen, kann er uns erlösen, denn nur dann begegne ich, wenn ich ihm begegne, wirklich Gott, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem Schöpfer der Welt.
Und das alles gilt auch schon für das Kind in der Krippe!
Die Adventszeit, wie sie in unserer Gesellschaft begangen wird, unterstützt es nicht, sie als Vorbereitungszeit auf Weihnachten zu nutzen oder wenn dann nur im materiellen Sinn. Wir brauchen aber eine geistige Vorbereitung, um als Christen wirklich die „Heilige Nacht“ zu feiern, um wirklich zu verstehen, dass wir etwas feiern, was es nie zuvor gab, ein völlig einzigartiges Ereignis, das die Weltgeschichte für immer verändert hat: Gott wurde Mensch. Denn Jesus war nicht nur ein besonders frommer Mann, ein Religionsstifter und Prophet, den Gott durch die Auferstehung zu sich holte, sondern er war bei Gott schon vor der Erschaffung der Welt und er ist und bleibt Gott.
Gott aber ist der ganz Andere, Gott ist das, was wir nicht sind und niemals sein werden, Gott ist der, zu dem es von uns aus auch mit allen Meditationstechniken keinen Weg gibt - und dieser unendliche Gott soll vor 2000 Jahren in einem entlegenen Winkel der Welt geboren wurden sein. Das ist menschlich gesehen völlig absurd, kein Mensch hätte von sich aus auf eine so verrückte Idee kommen können. Man muss sehr lange über die Worte „Gott“ und „Mensch“ und die absolute Unmöglichkeit sie miteinander zu verbinden nachgedacht haben, um wirklich zu begreifen, wie groß das ist, was wir an Weihnachten feiern.
Heute kam die erste Weihnachtskarte dieses Jahres: Rentiere, Glocken, Weihnachtsbäume. Früher hätte ich mich darüber geärgert, jetzt finde ich solche Karten, ebenso an den Häuserwänden emporkletternde Weihnachtsmänner harmlos. Wenn Menschen daran Freude haben, geht es mich nichts an, auch Gartenzwerge sind nicht mein Geschmack, aber auch die würde ich nicht bekämpfen. Viel schwieriger finde ich inzwischen Krippendarstellungen, Karten, die Maria mit dem Kind oder die Heiligen Drei Könige zeigen, wenn sie mir von Leuten geschickt werden, die dem christlichen Glauben fernstehen. Etwas, von dem ich überzeugt bin, dass es dem Urknall in seiner Bedeutung gleichkommt, wird in unserer Gesellschaft zur Folklore.
 
Lohnend fand ich das Buch von Ingolf U. Dalferth, Sünde. Die Entdeckung der Menschlichkeit. Es ist anspruchsvoll, anregend und „evangelisch“ im besten Sinn des Wortes. Nach Dalferth ist Sünde keine moralische Kategorie, sondern das Ignorieren der eigenen Geschöpflichkeit.
Ein Zitat aus diesem Buch: „Sünde ist die christliche Kurzformel für die unnötige Blindheit der Menschen gegenüber ihrem Angewiesen sein auf ein Leben aus dem Überschuss der Gnade. Sie zeigt an, dass Gott uns immer noch mehr bietet, als wir zu brauchen meinen. Wir sind nicht nur die, die wir aus uns machen. Wir sind der Ort, wo mehr geschieht, als wir selbst bewirken oder bemerken, weil uns durch andere und anderen durch uns Möglichkeiten zugespielt werden, von denen wir nicht einmal geträumt hätten. Geschöpfsein heißt, aus diesem Mehr zu leben, und Sündersein heißt, das so zu tun, dass man Gott unablässig Grund und Anlass bietet, einem in Überwindung der eigenen Verblendung Herz und Sinn dafür zu öffnen, dass man sein Leben Gottes Zuwendung verdankt. Wer dafür blind ist, verfehlt die Möglichkeiten, die ihm von Gott zugespielt werden“ (Dalferth, Sünde 389).