Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Unser Leben ist in Gottes Hand; wir brauchen keine Angst zu haben. Wir werden genau dann sterben, wenn er es will, keine Sekunde früher oder später, egal wie viel Desinfektionsmittel wir verwenden. „Fürchtet euch nicht“, ist einer der häufigsten Sätze in der Heiligen Schrift.
 
In diesem Jahr fühle ich mich besonders erschöpft und das geht vielen Mitschwestern so. Um gut zu leben, brauchen wir es, dass das meiste, das wir tun, eingeübt ist und ohne große Überlegungen abläuft: Jemanden begrüßen, irgendwo entlanggehen, miteinander essen usw. Die Pandemie zwingt uns, Handlungen, die wir bisher, ohne viel zu überlegen, taten, genau zu überlegen: Schade ich einem anderen? Schade ich mir selbst? Schade ich meinen Mitschwestern? Ärgert sich jemand über mich? Muss ich Maske tragen oder nicht? Jeder Schritt ist moralisch aufgeladen und hat etwas mit Verantwortung zu tun; das erschöpft innerlich.
„Er führt mich zur Erholung ans Wasser“. Dieser Psalmvers soll über meinen Ferien stehen. Christus ist auch in den Ferien derjenige, der mich führt und auf den ich hören will. Er will mein Leben, mein Glück und meine Erholung.
Allerdings weiß ich aus Erfahrung, dass ich mich in den Ferien sehr unterschiedlich gut erholt habe. Vor allem gibt es zwei Gefahren:
1.) Man tut Dinge, die einem nicht wirklich gut tun. Oft aus dem Bedürfnis heraus, Möglichkeiten zu nutzen, die im Alltag nicht gegeben sind. Zum Schluss hat man vielerlei getan, aber nichts richtig, und ist  müder und erschöpfter als vorher.
2.) Die andere Gefahr, vor allem wenn man sich sehr ausgelaugt fühlt, ist sich hängen zu lassen, nur zu gammeln und zu schlafen und am Ende eher depressiv als erholt zu sein.
 
In den „Unfrisierten Gedanken“ von Stanislaw Jerzy Lec findet sich der boshafte Satz: „Dass er starb, ist noch kein Beweis dafür, dass er gelebt hat“.
Aber ist dieser Satz überhaupt boshaft oder nur eine sehr hellsichtige Analyse der menschlichen Situation? Nach der Bibel ist Tod geradezu der Normalzustand und wirklich lebendig zu sein das Außergewöhnliche. Im 1. Johannesbrief heißt es: „Wer nicht liebt, bleibt im Tod“ (1 Joh 3,14), was doch wohl bedeutet, dass der Nicht-Liebende tot ist und dass von ihm gilt: „Dem Namen nach lebst du, aber du bist tot“ (Off 3,1).
Wirklich zu lieben, wirklich lebendig zu sein ist eine enorme Aufgabe, bei der man erst im Laufe der Jahre erkennt, dass man dazu einen anderen Geist braucht als den eigenen Verstand. Nur Gottes Geist kann uns lebendig machen und am Leben erhalten. Das ist ein Trost auch in all der Angst, die uns im Moment umgibt: Leben ist mehr als coronafrei zu sein.
 
„Glauben empfangen wir von Gott immer nur so viel, wie wir für den gegenwärtigen Tag gerade brauchen. Der Glaube ist das tägliche Brot, dass Gott uns gibt“ (D. Bonhoeffer).
 
Beim Lesen des Buches Deuteronomium fällt mir auf, dass Gott offenbar will, dass wir die Dinge nicht vermischen. Deutlich getrennt werden sollen Sabbat und Werktag, Opfermahl und profane Schlachtung, die verschiedenen Nahrungsmittel und die äußere Erscheinung von Mann und Frau. Man soll nicht verschiedene Tierarten kreuzen, nicht verschiedene Pflanzen zusammen anbauen und kein Mischgewebe tragen. Uns begegnet eine fremde Kultur, die uns zwingt wahrzunehmen, wie sehr wir in unserer Kultur alles miteinander vermischen und wie selten wir noch „Unvermischtem“ begegnen. Wir wollen alles verbessern - „optimieren“ - und mischen so lange, bis wir nur noch einen Einheitsbrei haben.
 
Ich will nun sicher nicht dafür plädieren, auf moderne Stoffe und Pizza zu verzichten, aber ich glaube, es bringt uns weiter - als Menschen und als Glaubende - immer wieder und immer öfter die Dinge einmal so zu lassen, wie sie sind. Das fängt mit ganz kleinen Veränderungen an, z.B. damit eine Tomate zu essen ohne sofort Salz darüber zu streuen.