Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Im Evangelium nach Johannes (Joh 13,16- 20) ist einerseits davon die Rede, dass wir selig sind, wenn wir wissen, dass der Sklave nicht größer ist als sein Herr und der Abgesandte nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Dann kommt eine Anspielung auf den Verrat des Judas, ohne dass man genau weiss, wie beide Aussagen zusammenhängen. Vielleicht haben moderne Schriftsteller recht, die in Judas nicht den geldgierigen Verräter sehen, sondern einen Menschen, der Jesus helfen wollte, endlich als Messias aufzutreten und meinte, dazu die Initialzündung geben zu müssen. Er wäre dann der Typos des Menschen, der meint besser zu wissen als Jesus, was zu geschehen hat. Wäre er damit nicht ein Bild für uns alle, die im Geheimen immer wieder meinen, wir wüssten, was für uns, für unsere Mitmenschen, für die Kirche und die Gesellschaft gut ist und es nur selten fertigbringen, einfach hinter Jesus herzugehen wie Sklaven hinter ihrem Herrn?
 
Im Moment bin ich in Schweden bei unseren Mitschwestern in der Abtei Mariavall. Ich geniesse die Schönheit der Landschaft, die Sonne, den Wald und das Meer. Und ehrlich gesagt geniesse ich es auch, in einem katholischen Umfeld zu sein, in dem man dankbar ist für den Glauben und die Gemeinschaft der Kirche. Die schwedischen Katholiken sind bis auf ganz wenige Einwanderer oder Konvertiten. Auch meine Mitschwestern sind fast alle Konvertitinnen, d.h. sie haben sich sehr bewusst als Erwachsene für den Glauben entschieden. Die katholische Kirche Schwedens ist klein und arm, aber sie hat die deutschen Probleme nicht.
In jeder Messe wird nach dem Vaterunser gebetet: „Schau auf den Glauben deiner Kirche und schenke ihr Einheit und Frieden.‟ Im Ausland wird das nochmal deutlicher, es geht nicht um meinen oder deinen Glauben, auf den Gott schauen soll, sondern um unser aller Glauben, um einen Glauben, an dem wir bestenfalls teilhaben, den wir aber nicht „machen‟. Es ist der Glaube der Kirche alle Zeiten und aller Orte.
 
Was wir in der deutschen Kirche wieder begreifen müssen, ist, dass ein Bischof sein Amt nicht von der Gemeinde, sondern von den Aposteln und damit letztlich von Christus empfangen hat. Die Kirche ist kein religiöser Verein, der sich selbst irgendwelche Ämter schafft, sondern eine Gründung Jesu Christi. Das bedeutet aber, dass diese sichtbare Kirche, die uns oft so ärgerlich, provozierend oder auch kleinkariert erscheint, Gegenstand unseren Glaubens ist. Die Kirche ist kein Werk von Menschen, sondern „Kirche Christi“.
Es wäre aber naiv, alles in der Kirche unmittelbar auf den irdischen Jesus zurückzuführen. Natürlich gibt es Entwicklung in der Kirche. Aber vor allem gibt es den Heiligen Geist, der die Kirche führt und sie für alle Zeit  - und ich bin überzeugt: auch in unserer Zeit - im Glauben feststehen läßt.
 
Wiedergelesen: G. Bernanos, Tagebuch eines Landpfarrers. Beim jetzigen Lesen empfinde ich die dort beschriebene Welt als sehr fremd. Aber der letzte Abschnitt berührt mich auch heute noch: „Es ist leichter als man glaubt, sich zu hassen. Die Gnade besteht darin, dass man sich vergisst. Wenn aber aller Stolz in uns gestorben wäre, dann wäre die Gnade der Gnaden, sich selbst demütig zu lieben als irgendeinen, wenn auch noch so unwesentlichen Teil der leidenden Glieder Christ.“
 
Noch ein Text aus meiner momentanen Lektüre:
„Man vergißt so oft, dass das Evangelium in dieser Welt Lämmern von Wölfen verkündigt wird und dass die Botschaft vom Gottesreich sich nach Jesu eigenen Worten an ein ehebrecherisches und sündiges Geschlecht (Mk 8,28) – damals wie heute – wendet. Wie kann man eigentlich erwarten, dass die Wölfe nicht über die Schafe herfallen? Er wäre vielleicht noch zu erwarten, dass die Jünger Jesu sich seiner und seiner Worte vor diesem „ehebrecherischen und sündigen Geschlecht“ nicht schämen würden. Indessen, auch mit dieser Möglichkeit rechnet der, der dem Petrus seinen Verrat vorausgesagt hat“ (E. Peterson).