Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Letzte Woche hatten wir eine Gruppe von Priestern zu Gast. In der Mittagshore und der Vesper lesen wir zur Zeit aus den Genesishomilien des Origenes. Einer dieser Text brachte alle zum Lachen, vielleicht weil klar wurde, dass die Vorstellung „früher war alles besser“ nicht der Wahrheit entspricht und noch nicht einmal für die erste Zeit der Kirche gilt. Denn Origenes sagt im 3. Jh. n. Chr.: „Ich fürchte, dass die Kirche noch immer in Traurigkeit und Seufzen Kinder gebären muss. Oder verursacht es ihr keine Traurigkeit und kein Seufzen, wenn ihr euch nicht versammelt, um das Wort Gottes zu hören, wenn ihr kaum an den Festtagen zur Kirche kommt, und auch das nicht so sehr aus Sehnsucht nach dem Wort als vielmehr um des Feiertages willen und mit dem Bestreben, teilzuhaben am öffentlichen Schuldenerlaß? Was soll ich denn tun, ich, dem die Verwaltung des Wortes Gottes anvertraut ist?... Wo und wann kann ich euch so finden, dass ihr Zeit habt? Das meiste davon, vielmehr fast alles, verbraucht ihr für irdische Beschäftigungen, ihr verbringt einen Teil eurer Zeit auf dem Markt und einen Teil beim Handel, der eine ist frei für den Ackerbau, der andere für Streitereien, keiner oder nur wenige sind frei, um das Wort Gottes zu hören. Aber warum erhebe ich Anklage gegen euch wegen eurer Beschäftigungen? Warum beklage ich mich über die Abwesenden? Auch ihr hier in der Kirche seid nicht aufmerksam, sondern habt euch daran gewöhnt, gewöhnliche Geschichten durchzuhecheln. Dem Wort Gottes und den heiligen Lesungen kehrt ihr den Rücken zu... Der Apostel Paulus gebietet, ohne Unterlaß zu beten (vgl. 1 Thess 5,17). Wenn ihr euch überhaupt nicht zum Gebet versammelt, wie wollt ihr das dann ohne Unterlaß erfüllen, was ihr immer unterlaßt? Doch auch der Herr gebietet: "Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet" (Mk 14,38). Wenn jene, die immer wach waren und beteten, die immer das Wort Gottes vor Augen hatten, dennoch der Versuchung nicht entrinnen konnten, was sollen dann die machen, die nur an den Festtagen zur Kirche kommen?“
Man muss zweierlei unterscheiden: den Glauben der Kirche, der unveränderbar ist und die Themen einer geschichtlichen Zeit, die von der Theologie aufgegriffen und aus dem Glauben heraus beantwortet werden müssen. Insofern haben weder die recht, die meinen, Jesus habe alle Fragen schon beantwortet, noch die, die meinen, wir wären der Gipfel der Menschheit und müßten alles neu erfinden. Es gibt auch neue theologische Themen, z.B. die Religionsfreiheit, die Bedeutung des nachbiblischen Judentums für den christlichen Glauben, die Verantwortung des Menschen für die Schöpfung und das Zueinander von Mann und Frau.
 
Im Moment wird manchmal von der Protestantisierung der katholischen Kirche gesprochen. Ich verstehe, was damit gemeint ist, finde diese Redeweise aber nicht sehr glücklich. Natürlich gibt es bleibende Differenzen zwischen den Konfessionen, und ich bin die letzte, die meint, diese Differenzen durch ein Gerede à la „wir meinen es doch alle gut und haben uns alle lieb“ übertünchen zu können. Vor allem das Verständnis von Sakramentalität trennt uns. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere Seite ist, dass ich überzeugt bin, dass die Gräben zur Zeit ganz anders verlaufen. Ich jedenfalls fühle mich einem evangelischen Christen, der wirklich an den dreifaltigen Gott glaubt und im steten Hören auf sein Wort lebt, viel tiefer verbunden als einem Katholiken, der mir bei jedem Artikel des Glaubensbekenntnisses überlegen lächelnd sagt: „Das kann man doch heute nicht mehr im Ernst vertreten.“
 

Im Moment erlebe ich eine große Ratlosigkeit unter vielen Katholiken, auch unter Priestern. Nicht jeder kann jede theologische Frage selbständig  durchdenken, sondern die meisten von uns - ich auch - sind darauf angewiesen, von der Kirche den Glauben verkündigt zu bekommen. Wer aber ist die Kirche? Die Bischöfe? Die Mitglieder des Zentralkomitees? Die Vollversammlung des Synodalen Weges? Sie alle sind Kirche, aber nicht die Kirche. Die Kirche ist der Leib Christi, die Gemeinschaft der Glaubenden an allen Orten und zu allen Zeiten. Um an diesem gemeinsamen Glauben festzuhalten und ihn neu ins Bewusstsein zu rufen, haben sich Christen zur Initiative neuer Anfang (https://neueranfang.online) zusammengetan. Es lohnt sich meines Erachtens, diese Seite einmal anzuschauen und dass dortige Manifest zu unterzeichnen. Es geht dabei nicht darum, neue Fronten aufzureißen, sondern im Gegenteil für die Einheit der Kirche zu arbeiten.

Manchmal bin ich der Diskussionen in der Kirche müde. Zu sehr scheint mir das Zweite, Dritte oder Zwanzigste vor dem Ersten besprochen zu werden. Man kann nicht über Zölibat, Unauflöslichkeit der Ehe oder all die anderen kirchlichen Themen reden, ohne vorher über die Liebe zu Christus zu sprechen, denn alles was man sagt, hängt ohne eine lebendige Beziehung zu Christus völlig in der Luft, ist nicht plausibel, ja mit den Augen von Nichtglaubenden betrachtet geradezu absurd.
Liebe zu Christus ist nicht die Hochschätzung eines vor 2000 Jahren Verstorbenen - das scheinen auch Katholiken zum Teil zu glauben -, sondern die Beziehung zu einem Lebenden, der handelt und spricht. - Spricht Christus denn wirklich? - Ja, er spricht, nicht immer sofort, wenn ich es möchte, aber wenn ich warte und mich auf ihn ausrichte, spricht er deutlich zu mir. Ich erkenne sein Wort daran, dass es nicht mit der Stimme meines eigenen Herzens übereinstimmt, sondern von außen kommt und mich liebevoll und bestimmt auf neue Wege führt.