Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Was tun die Heiligen im Himmel eigentlich den ganzen Tag? Wenn man unserer Liturgie glauben will, nicht anderes als Gott loben und für alle ihre  Schwestern und Brüder beten. Es dürfte gut sein, sich schon hier in das Tun des Himmels einzuüben.
 
Gott aus ganzem Herzen lieben und den Nächsten wie mich selbst, welche Überforderung! Dieses Gebot widerspricht sämtlichen anthropologischen Erkenntnissen, die klar belegen, dass Menschen immer auf ihren eigenen Vorteil aus sind und sich von einer geistigen Wirklichkeit wie Gott nur sehr kurze Zeit fesseln lassen. Es widerspricht auch meiner eigenen Erfahrung, denn ich kenne meine Halbherzigkeit und meinen Egoismus. Daher: Ich fühle mich von dieser Forderung Jesu diskriminiert und erwarte, dass es auch für laue Christen wie mich einen Platz in der Kirche gibt! Oder noch besser, dass man solch diskriminierende Gebote endlich aufgibt. Es muss reichen, Gott ein bisschen zu lieben und den Nächsten halb so viel wie sich selbst, alles andere ist dem heutigen Menschen nicht mehr verständlich zu machen.
Und jetzt im Ernst: Wir wollen einander mit Respekt und Akzeptanz begegnen und haben gelernt, zu uns selbst und zum anderen „Du bist okay“ zu sagen. Menschen, die ständig an anderen oder auch an sich selbst herumkritisieren, sind für ihre Umwelt nicht sehr erfreulich. Aber das gilt untereinander, nicht jedoch in der Begegnung mit Gott. Die momentane Fixierung in der Kirche auf moralische Fragen übersieht, dass wir alle - auch diejenigen unter uns, die moralisch perfekt sind oder sich dafür halten - vor Gott nicht okay, sondern Sünder sind und umkehren müssen wie alle anderen. Das Problem sind nicht Gottes Gebote, sondern unser Unglaube und daraus folgend unser Ungehorsam. Beides aber betrifft uns alle.
 
Die momentane Debatte über das Beichtgeheimnis scheint mir am eigentlichen Problem vorbeizugehen, denn das Fatale beim Missbrauch ist, dass nicht die Täter, sondern die Opfer sich schuldig fühlen und aus Scham oft lange nicht wagen, über das Geschehene zu sprechen. Genau damit rechnen die Täter. Wenn jetzt Gesetze erlassen werden, dass jeder, der im Beichtstuhl oder in geistlichen Gesprächen Kenntnis von Übergriffen erhält, das melden muss, wird diese Vorschrift nur den Tätern nützen. Den Opfern wird wieder einmal genau das verwehrt, was sie am dringendsten brauchen: Menschen, die ihnen zuhören, ohne sofort etwas im äußeren Bereich zu unternehmen. Der Weg von einem Erstgespräch bis zur wirklichen Loslösung vom Täter ist für ein Opfer oft sehr weit und genau der wird damit erschwert.
 
Im Lukasevangelium (Lk 7,11-18) findet sich der Bericht, wie Jesus den sogenannten „Jüngling von Nain“ auferweckt. Ich frage mich beim Lesen: Worüber weine ich? Was ist in mir tot? Was soll Jesus in mir lebendig machen? Nur wenn man das weiß, kann dieses Evangelium im eigenen Leben eine frohe Botschaft sein.
Manche Menschen - ich auch - weinen selten oder nie, der Alltag unterdrückt die Tränen, „the show must go on“. Um die Gabe der Tränen beten.
 
In einem Vortrag ein interessanter Gedanke: In früheren Zeiten war klar, dass die Sünden "meine Sünden" sind und dass ich für sie verantwortlich bin. Der Glaube dagegen war nicht so sehr "mein Glaube" als vielmehr der Glaube der Kirche, an dem ich als einzelne Christin teilhatte. Heute ist es umgekehrt: Sünde gilt als etwas Gemeinsames, Strukturelles, Systemisches, das man sich kaum persönlich zurechnet, der Glaube dagegen als etwas ganz Persönliches: Jeder hat seinen eigenen Glauben, in den niemand hineinreden darf, schon gar nicht mit Verweis auf den Glauben der Kirche. Aber ist es das, was Jesus wollte?