Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Zur Zeit lesen wir im Gottesdienst den Propheten Ezechiel. Er geht wie alle Propheten Israels sehr hart mit dem Volk ins Gericht, wobei der Hauptvorwurf lautet, dass Israel seinem Gott aber nicht vertraut, sondern seine Hoffnung auf alles Mögliche setzt. Ich fühle mich getroffen, gerade auch in der gegenwärtigen Situation. Worauf hoffe ich - für Mariendonk, für mich selbst?
Ich bin froh, dass unsere alten Mitschwestern heute zum zweiten Mal geimpft werden, aber vor dem Tod retten wird sie die Impfung nicht. Uns alle werden keine Schnelltests retten, keine Impfung, kein Ende des Lockdowns, so wünschenswert das alles ist, ohne Gott wird diese Welt früher oder später verglühen und jeder einzelne wird sein wie nie gewesen. Doch wenn Christus wirklich auferstanden ist und den Tod besiegt hat, wie wir Christen glauben, dann wäre es wirklichkeitsfremd, seine Hoffnung auf irgend etwas anderes als auf ihn zu setzen.
 
Ich bin froh und dankbar, dass so schnell eine Impfung gegen Covid19 entwickelt wurde und glaube, dass jeder einzelne Mensch, der geimpft wird, für uns alle ein Gewinn ist. Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass Geimpfte Vorteile bekommen, z.B. im Hotel übernachten, ins Restaurant gehen oder an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen können, denn ich sehe nicht, warum mir als Ungeimpfter ein Nachteil entsteht, wenn andere etwas Schönes unternehmen können. Man kann doch nicht im Ernst fordern, dass nur weil nicht alle dürfen, niemand darf. Leben wir denn in einem Kindergarten? Sind Mißgunst und Neid die Hauptmotive für unser Handeln?
 
"Wenn zwei von euch auf der Erde übereinstimmen in dem, was sie erbitten, werden sie es von meinem himmlischen Vater erhalten“ (Mt 18,19f).
Origenes erklärt dazu:
„Der Einklang führt zusammen und bietet dem Sohn Gottes Raum, der nur in die Mitte derer kommt, die zusammenklingen. Das Zusammenklingen verwirklicht sich auf zwei Weisen: dadurch, dass man die gleiche Lehre besitzt und dadurch, dass man gleichförmig lebt.
Wenn zwei von uns auf der Erde übereinstimmen in dem, was sie erbitten, werden sie es vom Vater Jesu erhalten Man erhält von Gott nicht, um was man gebeten hat, wenn man nicht auf Erden übereinstimmt. Der Grund dafür, dass wir nicht erhört werden, wenn wir beten, ist, dass wir weder in der Lehre noch in der Lebensweise übereinstimmen. Wenn wir der Leib Christi sind, müssen wir die aus göttlicher Musik stammende Symphonie wahren. Wie es nämlich in der Musik ohne Zusammenklang der Stimmen keinen Genuss des Hörens gibt, so freut sich Gott auch nicht an der Kirche, wenn sie nicht zusammenklingt noch erhört er sie“ (Origenes, Kommentar zum Matthäusevangelium 14,2 stark gekürzt).
Wir leben in einer Zeit des Streites, des Streites auch in der Kirche. Das belastet uns alle. Auch viele Klöster sind zerrissen zwischen den verschiedenen Vorstellungen und Ansprüchen ihrer Mitglieder. Wo nicht Gott, der Eine, im Mittelpunkt steht, findet Spaltung und in ihrer Folge Vereinzelung statt. „Zerstreuung“ ist in der Bibel immer das Ergebnis eines Abfalls von Gott.Zum Glauben gehört der immerwährende Kampf, die Einheit zu wahren.
 
Viele Menschen wissen genau, was sie tun sollten und tun es doch nicht. Das macht geistliche Begleitung oft so fruchtlos - der Weg wird nicht gegangen. Es entsteht dann viele Gerede über die Schwierigkeit, das Richtige zu erkennen, es werden Gründe und Gegengründe für alles und jedes aufgezählt, aber was fehlt, ist der Mut zu einer Entscheidung. Vom Begleiter wird gefordert, in dieses Problematisieren einzustimmen, aber was er tun sollte, ist, die Begleitung so schnell wie möglich abzubrechen. Und ein Weiteres: bleibend bereit zu sein, wenn der andere auf Gottes Ruf hört und sich öffnet.
 
In der Tagespost fand ich letzte Woche folgenden Leserbrief:
 „Wo ist eigentlich das Problem? Sie müssen sich als gläubige Katholiken nicht umbringen, sondern können ihr qualvolles Ende auskosten. Sie müssen nicht abtreiben oder eine Frau zur Abtreibung überreden, sondern können sich 18 Jahre liebevoll um die Kinder kümmern. Sie müssen keinen gleichgeschlechtlichen Sex ausüben, sondern können sich in Askese gedulden. Sie müssen nicht die Ehe brechen, sondern können eine lebenslange liebevolle Beziehung pflegen. Aber deswegen müssen doch andere, an keine religiösen Ideen gebundene Menschen Ihnen und Ihren Ideen nicht nachfolgen oder gar rechtlich beeinträchtigt werden. Leben Sie doch Ihre Gebote und lassen Sie alle anderen nach deren Façon selig werden.“
Spontan würde ich sagen: Der Mann hat völlig recht. Christen sollten Gottes Gebote erst einmal selbst halten, bevor sie das von ihren Mitmenschen fordern. In der frühen Kirche geschah Evangelisierung dadurch, dass die Getauften anders lebten als ihre heidnische Umwelt und dadurch Bewunderung und Interesse erregten!
Doch ein Wörtchen möchte ich hinterfragen, nämlich „ihre Gebote“. Es sind nicht meine Gebote, auch nicht die der Kirche oder die des Papstes, sondern es sind Gottes Gebote. Als solche lassen sie sich nicht ohne weiteres in eine staatliche Gesetzgebung überführen und deshalb möchte ich auch nicht, dass Menschen, die anders denken, rechtlich beeinträchtigt werden. Aber verkünden muss ich, dass der, der uns geschaffen hat, besser als wir selbst weiß, was zu unserem Glück führt, und dass seine Gebote einzuhalten für jeden Menschen gut und lebensförderlich ist. Manchmal allerdings wundere ich mich, warum dieser Anspruch so viele provoziert.  Es muss ja niemand zuhören, wenn die Kirche spricht. Insofern die Rückfrage: Wo ist eigentlich das Problem?