Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Normalerweise sind Heiligenlegenden nicht meine bevorzugte Lektüre. Aber in den letzten Wochen las ich auf Empfehlung einer Bekannten ein Buch, das mich beeindruckt und auf eine eigentümliche Weise getröstet hat: Martin Mosebach, Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer (2018). In diesem Buch geht es um die 21 koptischen Wanderarbeiter, die 2015 von IS-Terroristen ermordet wurden. Doch das Buch ist nicht schrecklich, noch nicht einmal deprimierend, denn es geht nicht um die Täter, nicht einmal primär um die Opfer, sondern darum, wie eine Kirche, die immer Minderheit war, mit einem solchen Ereignis umgeht.
Und wie geht sie damit um? Sie ist voll Stolz und Freude, dass Gott sie gewürdigt hat, Märtyrer hervorzubringen. Die Eltern, die Ehefrauen, die Nachbarn der Ermordeten sind froh, dass sie Menschen gekannt haben, die jetzt bei Gott sind und für sie eintreten. Der Bischof wagt es zu sagen: „Ich gehe kein besonderes Wagnis ein, wenn ich behaupte, kein Kopte in Oberägypten würde den Glauben verraten“ (59). Und über die Priester heißt es: „Der Tod hatte die Rangordnung verändert: Eben noch waren die Wanderarbeiter aus El-Or ihre Söhne gewesen, jetzt schauten sie zu ihnen auf als zu den bedeutendsten Persönlichkeiten, die ihnen in ihrem nicht kurzen Leben begegnet waren und die ihrer eigenen Existenz einen ganz unerwarteten Sinn verliehen.“ Sie „hatten nicht gewußt, dass diese braven, frommen Männer... sehr bald schon, genau das sein würden, was sie jetzt waren - die Märtyrer, die Gekrönten, die im Himmel auf Thronen saßen und zu denen die Priester, denen sie einst die Hände geküßt hatten, jetzt auf Knien beten“ (145f).
Unsere Kirche verehrt die Märtyrer, aber wäre ich selbst bereit, für meinen Glauben zu sterben? Ich würde nicht wagen, das fraglos zu bejahen. Und wenn einen Menschen, den ich kenne, dieses Schicksal ereilt, würde ich mich dann freuen? Und doch weiß ich, dass diese Kirche mir Vorbild im Glauben sein kann und dass wir in Deutschland auf solche Christen mit Ehrfurcht schauen sollten.
 
Im Moment scheint sich unsere ganze Gesellschaft in einer Art Warteschleife zu befinden. Aber worauf warten wir? Darüber lohnt sich nachzudenken.
Wenn ich mich selbst und unsere Gemeinschaft anschaue, dann warten wir darauf, unser altes Leben endlich zurück zu bekommen. Noch haben wir nicht wirklich akzeptiert, dass es kein Zurück in ein Leben vor 2020 geben wird; wir hoffen insgeheim, es wird wieder so werden wie früher. Doch das ist vermutlich ein Irrtum.
Richtiges Warten wäre das ganz bewußte Warten auf das, was kommt, im Glauben gesagt, das Ausschau-Halten nach Gott. „Ich will auf den Herrn warten, der jetzt sein Angesicht vor uns verhüllt, auf ihn will ich hoffen“ (vgl. Jes 8,17).
Eine vielleicht überraschende Frage, die aber weiterhilft: Was tut Gott eigentlich den ganzen Tag? Die Antwort der Hl. Schrift: Auch er wartet. Er wartet, dass wir uns ihm zuwenden, er wartet auf uns wie der Vater auf den verlorenen Sohn.
Corona als Zeit des Wartens. Nicht auf Godot, sondern auf die Begegnung mit dem lebendigen Gott.
 
Manchmal frage ich mich, ob ich eigentlich eher optimistisch oder eher pessimistisch in die Welt schaue. Wenn ich die Frage zu beantworten versuche, entdecke ich drei Ebenen: kurzfristig, mittelfristig, langfristig.
Kurzfristig, d.h. in Bezug auf heute und morgen bin ich optimistisch. Ich stehe meistens gut gelaunt auf, freue mich auf den Tag und denke, es wird schon alles gut gehen. Und ich erlebe viel Gutes und Schönes.
Langfristig, d.h. von den Verheißungen Jesu her gedacht, halte ich mich an den Spruch einer Mitschwester: „Ende gut, alles gut. Und wenn noch nicht alles gut ist, dann ist es eben noch nicht das Ende.“ Ich glaube an eine Zukunft in der Freude Gottes.
Das Problem ist die mittelfristige Perspektive. Da bin ich leider sehr pessimistisch, sowohl was unsere Gesellschaft als auch was unsere Kirche angeht. Und leider sehe ich im Moment wenig, was mich von dieser negativen Einschätzung abbringen würde.
 
Meine große Frage ist, wie wir auch in Zukunft ein wirklich kontemplatives Leben führen können, ohne uns von all dem, was möglich ist und was man müßte / sollte / brauchte zu sehr in Beschlag nehmen zu lassen.
Diese Frage spitzt sich angesichts der heutigen Medien zu und wir sprechen in der Gemeinschaft immer wieder darüber. Für mich selbst ist das schwierig, denn ich muss als Äbtissin die ganze Gemeinschaft hören und darf ihr nicht meine eigenen Überzeugungen aufdrängen, andererseits bin ich den neuen Medien gegenüber sehr viel reservierter eingestellt als der Durchschnitt unserer Gemeinschaft. Ich sehe die Chancen, aber ich fürchte, die Verluste sind größer, nicht nur in unserer monastischen Gemeinschaft.
 
„Die Gottheit Christi ist der höchste Gipfel, der Mount Everest des Glaubens sozusagen. An einen Gott glauben, der in einem Stall geboren wurde und am Kreuz gestorben ist! Das ist weit anspruchsvoller, als an einen weit entfernten Gott zu glauben, den jeder sich nach eigenem Belieben vorstellen kann... Das Gesagte hat wichtige Konsequenzen auch für die Ökumene. Den es gibt zwei mögliche Versionen: die Ökumene des Glaubens und die Ökumene des Unglaubens. Erstere vereint alle jene, die glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist und dass Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ist; letztere vereint all jene, die sich darauf beschränken, diese Dinge zu „interpretieren“ (jeder auf seine Weise und dem eigenen philosophischen System entsprechend). Das wäre eine Ökumene, in der alle dasselbe glauben, weil keiner mehr wirklich an irgendetwas glaubt, im wahren Sinn des Wortes „glauben“. Die grundlegende Unterscheidung der Geistes im Bereich des Glaubens ist nicht die Unterscheidung zwischen Katholiken, Orthodoxen und Protestanten, sondern die Unterscheidung zwischen denen, die an Christus als Sohn Gottes glauben und denen, die nicht daran glauben“ (Kardinal Raniero Cantalamessa „Jesus Christus - Wahrer Gott“, Artikel im Osservatore Romano vom 2.4.21).
Cantalamessa fordert, dass Jeder, der Theologie lehren will, vor allem an die Gottheit Jesu Christi glauben muss, das ist der entscheidende Glaubensartikel, von dem alles andere abhängt. Tatsächlich ist ohne diesen Glauben jede kirchliche Verkündigung sinnlos. Aber welcher Proteststurm würde sich erheben, wenn man Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Kirche diese einfache Frage stellen würde: Glaubst Du, dass Jesus Christus Gott ist? D.h. würde sich überhaupt ein Proteststurm erheben oder nicht bei vielen nur mitleidiges Lächeln?