Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Jesus ist nicht mein bester Freund, nicht mein Nachbarn, nicht mein Lieblingsschriftsteller und auch nicht der nette Junge von nebenan. Er ist mein Herr und mein Gott. Er sagt Dinge, vor denen ich zurückschrecke, die ich spontan ablehne, von denen ich mich angegriffen und verurteilt fühle. Der Weg zum Verstehen geht nicht so, dass ich mich in ihn hinein denke – wie könnte ich mich in jemanden hinein denken, der Gott und Mensch zugleich ist –, sondern so das ich gehorche und hoffe, durch diesen Gehorsam irgendwann mehr zu verstehen.
Jesus ist Gott, das bedeutet, dass alles, was er mir sagt, nur ganz entfernte Ähnlichkeit hat mit dem Wort eines menschlichen Freundes. Er sagt mir nicht etwas über Gott, sondern er ist Gott. Ich kann ihn in mein Inneres hinein lassen, ihn aufnehmen und mich von ihm verwandeln lassen. Was ich nicht kann, ist mit ihm zu diskutieren, jedenfalls nicht, wenn Diskussion bedeutet, dass beide Partner bereit sein müssen, ihre Meinung zu ändern. Jesus, das lebendige Wort Gottes, diskutiert nicht mit mir, es steht da und wartet auf meine Zustimmung. Und bleibend wehrt sich etwas in mir…
Es gehört zum Glauben, diese Nicht-Übereinstimmung, diesen Widerstand stehen zu lassen, ihn nicht mit frommen Worten zu zu decken, sondern ihn anzunehmen und mehr und mehr zu erkennen, dass es gar nicht anders sein kann. Als Mensch, der immer auch gebrochen, zwiespältig und sündig ist, kann ich nicht einfach Ja zu Gott sagen. Wenn ich es in leuchtenden Augenblicken kann, dann ist das Gnade, die mich über mich selbst hinaus hebt und Grund ist zu großem Dank.
Jesus lieben? Was heißt lieben? Spontane Sympathie? Eher selten, zu fremd ist er mir. Sagen: Gut, dass es dich gibt? Schon eher, ich kann mir die Welt ohne ihn nicht vorstellen. Dran bleiben und weiter zuhören? Ja, und versuchen seinen Willen zu erkennen und zu tun. Und im übrigen wie Petrus sagen: Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich liebe.
 
Viele von uns fühlen sich im Moment bedrückt: von der Pandemie, von der politischen Lage, von der Situation in unserer Kirche. Wir wissen nicht, wie alles weitergehen wird und fühlen uns ausgeliefert. Hören wir auf Jesus: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“. Dieser Satz hat zwei Teile: „Himmel und Erde werden vergehen“, sie haben keinen Bestand, das müssen wir akzeptieren, egal, ob es uns zusagt oder nicht. „Aber meine Worte werden nicht vergehen“ ist die andere Seite. Vertrauen wir auf dieses Wort, glauben wir ihm! Glauben kann man nicht ein für allemal, sondern Glaube muss immer wieder neu errungen werden. Das hat Dietrich Bonhoeffer sehr schön ausgedrückt: „Glauben empfangen wir von Gott immer nur so viel, wie wir für den gegenwärtigen Tag gerade brauchen. Der Glaube ist das tägliche Brot, das Gott uns gibt.“ Und ich möchte noch hinzufügen: Dieses Brot kann man teilen, tun wir es, gerade jetzt im Advent. Suchen wir den Glauben jeden Tag neu zu empfangen und einander mitzuteilen!
 
Manchmal frage ich mich, ob ich in diesem Blog nicht viel zu viel zum Thema Corona schreibe. Lasse ich mich durch die Pandemie von Wichtigerem abhalten? Sollte ich nicht eher über den Glauben schreiben? Aber auf der anderen Seite: Christlicher Glaube ist keine Gegenwelt, die sich in transzendenten Höhen abspielt und mit dem, was die Menschen bewegt, wenig oder nichts zu tun hat, sondern in Christus ist Gott uns ganz nah gekommen, so nah, dass wir ihm nur noch in der Welt und durch die Welt begegnen können.
Ich denke, die Pandemie ist ein Stopschild. Nehmen wir es wahr? Oder versuchen wir nur, die Pandemie organisatorisch zu bewältigen? Eine Alternative wäre innezuhalten und nachzudenken. Ganz grundsätzlich darüber nachzudenken, wohin wir eigentlich wollen.
 
Oft werde ich gefragt, ob ich nicht den Eindruck habe, im Kloster etwas zu verpassen. Doch, diesen Eindruck habe ich, und vor meinem Eintritt war das eine Frage, die ich mir oft stellte. Ich würde auf Partnerschaft, Kinder, Reisen, kulturelle Erlebnisse verzichten müssen, wollte ich das? Ich empfand die Frage aber schon damals als falsch gestellt. Es ging mir nicht um Verzicht, sondern um eine Wahl. Tatsächlich verpasst man ständig, in jeder Minute, etwas, und auf das gesamte Leben bezogen hat selbst der im umfassendsten Sinne reiche Mensch viel verpasst. Jede echte Entscheidung gibt und nimmt, sie eröffnet einen Weg und verschließt andere. Ins Kloster zu gehen, schloss damals und auch heute noch vieles aus, nicht ins Kloster zu gehen, würde anderes ausschließen.
 
Auf den Eintrag vom 7.11.20 erhielt ich einige Rückmeldungen, die mir wieder einmal deutlich machten, dass Freiheit zwei Seiten hat, die Freiheit von etwas und die Freiheit zu etwas. Letzere Freiheit ist im Moment eingeschränkt, denn wir können vieles nicht tun. Aber es gibt auch die andere Seite: Wir müssen vieles nicht tun. Eine Dame schrieb mir, dass sie im Moment weniger Angst empfindet, als das Gefühl freier zu leben. Sie kann zwar wie wir alle vieles nicht tun, was sie möchte, aber die Arbeit im Homeoffice ist für sie eine neue Freiheit, die beflügelt, denn sie bedeutet freie Zeiteinteilung. „Die Eingeschränktheiten empfinde ich als Loslassen vom Alltag... und somit als Herausforderung Neues zu finden. Ich kann nicht jammern, eher (fast) jauchzen, über diese „Verschnaufspause. Ja, es ist eine aufgezwungene Situation, mit vielen Einschränkungen, aber gerade diese Situation empfinde ich als Chance.“