Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Beim Lesen unserer Kirchenzeitung packt mich oft die Wut. Im Pathos der Nachdenklichkeit immer wieder dieselben Platitüden. Die Kirche muss sich verändern. Ja und nochmals Ja! Aber nicht nach dem Maßstab der säkularen Gesellschaft, sondern im Hören auf Gottes Wort. Und was sagt das Wort Gottes uns? „Ihr sollt nicht das Gleiche tun wie diese Völker, wenn ihr den Herrn, euren Gott, verehrt... Ihr sollt nicht tun, was jeder Einzelne für richtig hält, wie es hier bei uns heute noch geschieht“ (Deut 12,4.8). Und das Volk antwortet heute dasselbe, was das Volk Israel damals dem Propheten Samuel geantwortet hat: „Wir wollen wie alle anderen sein“ (1Sam 8,20).
 
Berufung ist ein komplexer Vorgang: Christus ruft und ein Mensch hört. Aber der Ruf Christi ergeht in doppelter Weise und nur wenn beides zusammen kommt, sprechen wir von einer Berufung zum Priestertum oder zum Ordensleben. Es gibt den inneren Ruf, den ein Mensch spürt und der ihn sagen lässt: „Ich möchte dir nachfolgen“ (vgl. z.B. Mk 5,18). Dieser innere Ruf kann sehr stark sein, aber er muss ergänzt werden durch den äußeren Ruf Jesu: „Folge mir nach!“ Diese Antwort gibt Jesus nicht immer, in Mk 5,19 bekommt der Mann, der um die Erlaubnis bittet, bei Jesus bleiben zu dürfen, diese Erlaubnis nicht, sondern eine andere Aufgabe.
In der Zeit der Kirche, in der wir leben, erfolgt die von außen kommende Berufung durch die Kirche. Deshalb kann niemand sagen, er oder sie sei zu etwas berufen, was die Kirche nicht bestätigt. Das gilt auch für Menschen, egal ob Männer oder Frauen, die sich zum Priestertum oder zum Ordensleben berufen fühlen, aber von der Kirche dazu keinen Auftrag erhalten und darunter leiden. Für sie stellt sich die Frage, was Jesu wirklich von ihnen will. In Mk 5,19 erhält der Geheilte einen anderen Auftrag, der nicht weniger wichtig ist.
 
Heute ist das Fest des heiligen Thomas von Aquin. Dazu ein Text dieses großen Kirchenlehrers:
„Alles ist in dem Maß erkennbar, als es Sein und Wahrheit besitzt, aber der Erkennende erkennt nur so viel, wie seine Erkenntniskraft reicht. Jedes geschaffene geistige Wesen ist endlich, also ist auch sein Erkennen endlich. Gott ist von endlicher Kraft und Wirklichkeit und daher auch von unendlicher Erkennbarkeit, daher kann er von keinem geschaffenen Geist in dem Maß erkannt werden wie er [in sich] erkennbar ist. Er bleibt für jeden geschaffenen Geist unbegreiflich“ (Thomas von Aquin, Johanneskommentar 213).
Besonders berührt mich der Ausdruck „unendliche Erkennbarkeit“. Wir werden nie aufhören, Gott immer tiefer zu erkennen und gerade dass wir ihn nicht „begreifen“, d.h. nie sagen können: „Jetzt weiß ich, wer Gott ist“, wird auf ewig unsere Freude sein.
 
Es gibt in der Bibel das auserwählte Volk, den Lieblingsjünger, Menschen, die Jesus beruft und andere, die er nicht zur Nachfolge zuläßt. Als Bericht über Geschehnisse vor 2000 Jahren nehmen wir es hin, heute wäre es diskriminierend.
Nirgends im Evangelium die Idee, dass die Einzelnen selbst entscheiden, ob Nachfolge „ihr Ding“ ist. Sie werden berufen und können nur entweder gehorchen oder sich verweigern. Keiner kann sagen: „Ich würde aber lieber...“ - Wie fern ist uns das.
 
Glaube bedeutet nicht, etwas spontan wahrscheinlich zu finden. Glaube hat immer auch etwas mit Wollen zu tun. Das wiederum erregt den Projektionsverdacht. Doch dasselbe gilt auch für den Atheismus.