Blog von Äbtissin Christiana Reemts

In einem Film über C. S. Lewis heißt es: „Wir lesen um zu wissen, dass wir nicht allein sind“, ein Motto, das mir persönlich sehr wichtig ist. Im Moment könnte ich auch formulieren: „Wir schreiben um zu erfahren, dass wir nicht allein sind“, da ich so viele Rückmeldungen auf meinen Eintrag vom 8.2. erhalten habe. Offenbar gibt es viele Menschen in unserer Kirche, die verwirklichen wollen, was man die „Ordnung der Liebe“ nennt, d.h. Gott an erste Stelle zu setzen und alles andere seinem Rang entsprechend an zweite oder dritte Stelle.
Aber natürlich gab es auch Gegenwind. Deshalb hier als Klarstellung: Ich habe nichts gegen die tridentinische Messe, die ein offiziell zugelassener Ritus ist, und auch nichts gegen Mundkommunion! Es ist mir wichtig, die Hostie mit größter Ehrfurcht zu kommunizieren, wofür es meiner Ansicht nach verschiedene Möglichkeiten gibt. Wenn jedoch Menschen in der Coronazeit lieber ganz auf die Kommunion verzichten als sie mit der Hand zu empfangen, dann habe ich dafür kein Verständnis, sondern es gilt in meinen Augen das Wort Jesu: „Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen... Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft, um eure eigene Überlieferung aufzurichten“ (Mk 7,8f).
 
Meine Eltern waren linke Sozialdemokraten, daher spielte bei uns die Partei die Rolle, die in anderen Familien die Gemeinde spielt. Als ich Abitur machte und anfing zu studieren, betrachtete ich mich als linke Feministin und fand die Beziehung von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre ein Modell, das ich mir auch für mich selbst vorstellen konnte.
Als ich zum Glauben fand, tat sich mir eine neue Welt auf und ich habe viele Jahre damit verbracht, immer tiefer in die abendländische Theologie und Philosophie einzudringen - mit steigender Faszination. Ich habe die Bibel gelesen und versucht zu verstehen, was Gott sagen mir will. Es war mühsam, meine Vorurteile abzulegen und wirklich zuzuhören. Aber es hat sich gelohnt, meine jetzige Welt ist unendlich reicher.
Und wo stehe ich heute? Ich reibe mir die Augen und muss feststellen, dass ich auf einmal als erzkonservativ gelte, obwohl ich mich immer noch für eine linke Feministin halte, wenn auch nicht für eine die die Beziehung von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre als Familienmodell propagieren würde. Aber was heute als linke Politik und Theologie verkauft wird, hat für mich nichts mehr mit Freiheit und Gerechtigkeit zu tun, schon gar nicht mit Wahrheit und Eintreten für die Rechte von Frauen und Kindern. Oft möchte ich schreien: „Halt, seid ihr denn alle verrückt?“
Zur Zeit sehe ich unser Kloster und auch mich selbst zwischen allen Stühlen. Das ist eine relativ ungemütliche Position. Die Progressiven finden uns hoffnungslos altmodisch, die Konservativen lehnen uns ab, weil wir nicht die tridentische Messe feiern und die Mundkommunion nicht für die Mitte unseres Glaubens halten. Dabei wollen wir im Grunde nur eins: Katholisch sein, dasselbe glauben wie Paulus, Origenes, Athanasius, Augustinus, Thomas von Aquin, John Henry Newman, Hans Urs von Baltasar und Gott immer tiefer verstehen.
 
Beim Lesen unserer Kirchenzeitung packt mich oft die Wut. Im Pathos der Nachdenklichkeit immer wieder dieselben Platitüden. Die Kirche muss sich verändern. Ja und nochmals Ja! Aber nicht nach dem Maßstab der säkularen Gesellschaft, sondern im Hören auf Gottes Wort. Und was sagt das Wort Gottes uns? „Ihr sollt nicht das Gleiche tun wie diese Völker, wenn ihr den Herrn, euren Gott, verehrt... Ihr sollt nicht tun, was jeder Einzelne für richtig hält, wie es hier bei uns heute noch geschieht“ (Deut 12,4.8). Und das Volk antwortet heute dasselbe, was das Volk Israel damals dem Propheten Samuel geantwortet hat: „Wir wollen wie alle anderen sein“ (1Sam 8,20).
 
Berufung ist ein komplexer Vorgang: Christus ruft und ein Mensch hört. Aber der Ruf Christi ergeht in doppelter Weise und nur wenn beides zusammen kommt, sprechen wir von einer Berufung zum Priestertum oder zum Ordensleben. Es gibt den inneren Ruf, den ein Mensch spürt und der ihn sagen lässt: „Ich möchte dir nachfolgen“ (vgl. z.B. Mk 5,18). Dieser innere Ruf kann sehr stark sein, aber er muss ergänzt werden durch den äußeren Ruf Jesu: „Folge mir nach!“ Diese Antwort gibt Jesus nicht immer, in Mk 5,19 bekommt der Mann, der um die Erlaubnis bittet, bei Jesus bleiben zu dürfen, diese Erlaubnis nicht, sondern eine andere Aufgabe.
In der Zeit der Kirche, in der wir leben, erfolgt die von außen kommende Berufung durch die Kirche. Deshalb kann niemand sagen, er oder sie sei zu etwas berufen, was die Kirche nicht bestätigt. Das gilt auch für Menschen, egal ob Männer oder Frauen, die sich zum Priestertum oder zum Ordensleben berufen fühlen, aber von der Kirche dazu keinen Auftrag erhalten und darunter leiden. Für sie stellt sich die Frage, was Jesu wirklich von ihnen will. In Mk 5,19 erhält der Geheilte einen anderen Auftrag, der nicht weniger wichtig ist.
 
Heute ist das Fest des heiligen Thomas von Aquin. Dazu ein Text dieses großen Kirchenlehrers:
„Alles ist in dem Maß erkennbar, als es Sein und Wahrheit besitzt, aber der Erkennende erkennt nur so viel, wie seine Erkenntniskraft reicht. Jedes geschaffene geistige Wesen ist endlich, also ist auch sein Erkennen endlich. Gott ist von endlicher Kraft und Wirklichkeit und daher auch von unendlicher Erkennbarkeit, daher kann er von keinem geschaffenen Geist in dem Maß erkannt werden wie er [in sich] erkennbar ist. Er bleibt für jeden geschaffenen Geist unbegreiflich“ (Thomas von Aquin, Johanneskommentar 213).
Besonders berührt mich der Ausdruck „unendliche Erkennbarkeit“. Wir werden nie aufhören, Gott immer tiefer zu erkennen und gerade dass wir ihn nicht „begreifen“, d.h. nie sagen können: „Jetzt weiß ich, wer Gott ist“, wird auf ewig unsere Freude sein.