Blog von Äbtissin Christiana Reemts

„Bei allen was vollkommen ist, stieß ich auf Grenzen, doch dein Gebot ist unendliche Weite“ (Ps 118,96). Ich weiß, dass moderne Theologie die Autonomie des Menschen für einen der größten Werte hält, aber ich selbst erfahre immer wieder, dass es Gnade ist, wenn nicht mein, sondern Gottes Wille geschieht.
 
„Suche den Frieden und jage ihm nach“ (Ps 34,15). Wohin soll ich ihm nachjagen? Dahin, wohin er vorangegangen ist. Unser Friede ist Christus, der auferstanden ist und in den Himmel auffuhr. Suche den Frieden und jage ihm nach, denn auch du wirst auferstehen, verwandelt werden und dann den Frieden umfangen. Im Himmel ist ja der vollkommene Friede.
Wir werden also den Frieden erst am Ende erreichen. Einen Anfang des Friedens wollen wir aber auch hier schon haben. Wie könnte das aussehen? „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mt 19,19). Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, halte Frieden mit ihm! Zwar kann es in dieser Welt kaum ohne Meinungsverschiedenheiten und Reibereien abgehen, nur dürfen sie die Eintracht nicht zerstören, die Liebe nicht töten.
Christus sagte: „Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33). Auf Erden verspreche ich euch keinen Frieden, denn in diesem Leben gibt es keinen wahren Frieden, keine wahre Ruhe. Verheißen ist uns aber der Friede in der Freude der Unsterblichkeit, in der Gesellschaft der Engel. Wer ihm nicht schon nachjagt, solange er auf dieser Welt ist, der wird ihn nicht besitzen, wenn die neue Welt Gottes kommt (Augustinus, Erklärung von Ps 34).
 
Im Krieg spielt plötzlich das biologische Geschlecht wieder eine größere Rolle: Männer kämpfen, Frauen kümmern sich um Alte und Kinder. Natürlich gibt es auch kämpfende Frauen, aber die von der ukrainischen Regierung erlassene Regelung verbietet nur Männern, das Land zu verlassen. Ist das ungerecht? In gewisser Weise ja, aber Männer, die Frauen und Kinder haben, werden froh sein, dass ihre Familien in Sicherheit sind.
Und hier bei uns? Es gibt viele - auch ungerechte Gründe - warum wir die jetzigen Flüchtlinge freundlicher aufnehmen als die von 2015, aber ein Grund ist auch dabei das Geschlecht der Flüchtlinge. Wir haben vor Frauen und Kindern schlicht weniger Angst als vor jungen Männern. Ist das ungerecht? Ja, es ist ungerecht, denn es zeigt, dass wir Unterschiede machen. Aber vielleicht gibt es diese Unterschiede schlicht und einfach.
 
Fest des heiligen Benediktus
Ein „alter Christus“ - ein anderer Christus werden. Geläufiger ist der Ausdruck „Christus nachfolgen“, aber er evoziert eher ein Tun, während „ein anderer Christus werden“ ein gewandeltes Sein anzeigt. Die Formulierung entspricht sehr genau der Hoffnung, mit der ich ins Kloster eintrat. Hat sie sich erfüllt? Bejahen kann ich das nicht, muss ich auch nicht, Gott wird es beurteilen und - so hoffe ich - ergänzen, was fehlt.
 
Nochmal zum Propheten Jeremia: Im Moment finde ich seine Botschaft fast unerträglich, ständig spricht er von Krieg,, Hunger und Vertreibung. Jeremia lebte in dem von den Babyloniern belagerten Jerusalem, und seine Botschaft für seine Mitbürger lautete: 1. Gott hat euch dieses Unheil wegen eurer Sünden zugefügt und 2. Ergebt euch dem König von Babel, denn er ist mein Werkzeug.
Wie würden die Einwohner von Kiew oder Mariupol reagieren, wenn ihnen ein Prophet mit einer solchen Botschaft käme? Wahrscheinlich ebenso wie die Einwohner von Jerusalem, sie würden einen solchen Propheten mundtot machen. Wie würde ich reagieren? Vermutlich genauso.
Es ist schwierig, biblische Geschichte eins zu eins auf die Politik der Gegenwart zu beziehen, obwohl man das beim Hören unwillkürlich tut und sei es in der Form der Abwehr. Ich bin überzeugt, dass die Bibel das Medium ist, in dem Gott zu uns spricht und das bedeutet, dass alle Texte mir und uns etwas zu sagen haben, aber diese Aktualisierung muss jeder Einzelne und jede Gemeinschaft von Menschen für sich vollziehen, nicht für die anderen. Zu beurteilen, was  Jeremia für die Menschen in der Ukraine zu sagen hat, steht mir nicht zu, aber mich zu weigern ihn zu hören, weil sein Wort in Kriegszeiten so hart ist, steht mir noch viel weniger zu.