Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Zu viele Richter... Hunderte, Tausende...
In der Mißbrauchskrise, die unsere Kirche zur Zeit erschüttert, gibt es Opfer, die endlich gehört werden müssen, es gibt Täter, die schwer gesündigt haben, und es gibt Verantwortliche, die die Opfer ignoriert und die Täter gedeckt haben. Daran gibt es nichts, aber auch gar nichts zu beschönigen.
Und dann gibt es Richter. Hunderte, Tausende... Man begegnet ihnen auf Schritt und Tritt. Sie wissen, wer schuld ist, wo die Ursachen liegen, was man hätte anders machen sollen. Sie sind sich ihrer eigenen Makellosigkeit sicher, und da sie  auf der Seite der Guten und Gerechten stehen, ist es ihr gutes Recht, Steine zu werfen.
Jesus sagt auch heute nur: "Geht hin und sündigt nicht mehr."
 
Eine Gefahr der Karwoche liegt darin, dass man meint, ein vergangenes Geschehen „nachspielen“ zu müssen. Man erinnert sich fromm an das, was Jesus vor 2000 Jahren für uns getan hat und bedauert vielleicht, nicht selbst dabei gewesen zu sein.
Aber Jesus lebt, er will uns und unser Leben an sich ziehen, nicht in einem Mysterienspiel, das mit dem Alltag nicht zu tun hat, sondern indem er diesen Alltag ganz und gar prägt. Aber glauben wir überhaupt an seine reale Präsenz in unserer Gegenwart, in unserer Kirche, in unserem Leben?
Nur wer glaubt, dass der Zimmermannssohn, Jesus von Nazareth die Himmel durchschritten hat und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt hat, um dort für uns einzutreten, ist im Vollsinn des Wortes Christ.
 
Wir feiern in dieser Woche nicht den Tod, sondern das Leben. Wir gehen den Weg Christi mit, der ein Leidensweg ist, und singen zugleich: „Durch das Holz des Kreuzes kam die Freude über den ganzen Erdkreis.“
Was zeichnet Christen aus? Sie sind Menschen, die sich für das Leben und die Freude entschieden haben. Allerding ist es ein langer Weg, wirklich Christ zu werden.
 
Palmsonntag
Ambivalenz dieses Tages: Wir legen unsere Kleider vor Jesus auf den Weg und mit unseren Kleidern uns selbst, wir huldigen ihm mit Zweigen und rufen: „Gesegnet sei der da kommt im Namen des Herrn!“ Wir meinen es ernst und doch steht hinter dieser Begeisterung schon die Verleugnung bis hin zum: „Kreuzige ihn!“ Die Leidensgeschichte zwingt uns immer neu zu fragen, wo wir uns in ihr verorten. Sind wir die Jünger, die Pharisäer, die Schaulustigen? Werden wir bis unter das Kreuz mitgehen, wenn es verlangt wird? Ohne diese Frage jedes Jahr neu zu stellen, sind die Feierlichkeiten der kommenden Tage eine Form von frommer Folklore.
 

unser Hungertuch (gestaltet von Jan Masa)

Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn. Er ist von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen, der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Denn durch sein Sterben ist er ein für allemal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für Gott.  So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, für Gott aber leben in Christus Jesus (aus dem Römerbrief und dem 1 Korintherbrief zusammengestellt).