Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Es gibt Worte, die plötzlich treffen und dann viele Tage mitgehen. Ein solches Wort ist für mich das Wort aus dem Propheten Jeremia: „Ich aber habe mich nicht entzogen, hinter dir Hirte zu sein“ (Jer 17,16). Ich hatte dieses Wort noch nie gehört, denn in der früheren Einheitsübersetzung lautete es anders. Es drückt für mich sehr genau aus, wie ich mein Amt und überhaupt jedes Amt in der Kirche verstehe: Hinter ihm Hirt sein. Das bedeutet auf der einen Seite, wirklich zu führen, sich nicht wegzuducken, sich nicht entziehen, wenn Gegenwind kommt, sondern den Auftrag, Hirt /Hirtin zu sein mit allen Kräften zu übernehmen, auf der anderen Seite aber auch hinter Christus zu bleiben, nicht zu meinen, ich wüßte besser als er, was „heute“ zu tun ist.
 
„Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie“ (Mk 6,4). Ich muss zugeben, dass das auch in unserer Gemeinschaft gilt. Bücher oder Aufsätze von Mitschwestern werden von allen möglichen Leuten gelesen, im eigenen Haus eher weniger. Das ist schade, denn manchmal entgeht einem so etwas. Ich jedenfalls war sehr beeindruckt, als ich mir gestern eher zufällig die Seite ansah, die unsere Schwester Benedikta für die Fastenzeit erstellt hat.
 
Kirche ist nicht in erster Linie eine moralische Anstalt, ihr Auftrag ist, das Evangelium zu verkünden. Aus dem Evangelium folgen auch Konsequenzen für die Lebensführung, aber ohne Glauben, d.h. ohne eine lebendige Christusbeziehung, sind viele moralische Überzeugungen des Christentums nur schwer einsichtig zu machen.
Der frühe griechische Theologe Origenes hat einmal gesagt: „Christus trägt über keinen den Sieg davon, der es nicht will. Er siegt nur durch Überzeugen. Er ist ja das Wort Gottes“. Insofern erschrecken mich mehr noch als die vielen liberalen Halbchristen, denen ich begegne, Menschen wie der Patriarch von Moskau, die meinen, mit Gewalt bekämpfen zu dürfen, was sie für falsch halten. Ein Blick auf Jesus müßte doch zeigen, dass das nicht der Weg ist, den er gelehrt hat.
 
Ein Vorwurf, den ich immer wieder höre, ist der, dass ich als Christin, gar als Nonne, in einer „Blase“ lebe. Solche „Blasen“ gibt es ja tatsächlich, d.h. es gibt Menschen, die die Wirklichkeit nur noch gefiltert an sich heranlassen und nichts mehr aufnehmen, was ihren Vorurteilen nicht entspricht.
Aber oft dient dieser Vorwurf als Totschlagargument, wenn ich etwas äußere, was dem Mainstream widerspricht. Dann ist mit „Blase“ der katholische Glaube gemeint und fast immer erheben diesen Vorwurf nicht ungläubige Menschen, sondern solche, die selbst Katholiken sind. Sie möchte ich dann fragen: „Glaubst du eigentlich wirklich? Glaubst du, dass Jesus der Sohn Gottes ist, dass wir in seinen Leib hineingetauft sind und sein göttliches Leben immer neu in der Eucharistie empfangen?“ Diese Frage ist für mein Gegenüber erst recht die Bestätigung dafür, dass ich noch nicht in der Gegenwart angekommen bin. Aber dazu stehe ich, denn das, was man „Binnenwelt“, „Ghetto“ oder neudeutsch „Blase“ nennt, nenne ich „in Christus sein“. Und ich wünschte, ich wäre darin schon weiter, denn er, der das Licht und die Wahrheit in Person ist, macht mein Leben und Denken keineswegs enger, sondern öffnet es im Gegenteil immer mehr.
 
Wir haben zur Zeit eine nur allzu berechtigte Angst. Was wird auf uns zukommen?
Schauen wir in die Bibel, so finden wir dort immer wieder die Aufforderung, keine Angst zu haben. Im Buch Josua wird Angst als Kennzeichen der Feinde Israels beschrieben, denen „das Herz zerschmolz und der Atem stockte“, als sie von all dem hörten, was Gott für Israel getan hatte (Jos 2,11; 5,1). Sobald Israel jedoch sündigt, findet sich diese Formulierung auch auf das Volk Gottes bezogen: „Da zerschmolz das Herz des Volkes und wurde zu Wasser“ (Jos 7,5). Angst und Mut sind in der Bibel weniger Charaktereigenschaften als Folge der intakten oder gestörten Beziehung zu Gott. So kann Josua  nur dann tapfer sein, wenn er täglich Kraft aus der Heiligen Schrift schöpft, gleichzeitig braucht er aber Tapferkeit, um auch dann nach Gottes Wort zu handeln, wenn es der eigenen Einschätzung der Situation widerspricht. Das ist eine Erfahrung, die wir alle täglich machen, denn jeder von uns muss täglich aufs Neue das „Land“ seines Lebens in Besitz nehmen, und das erfordert für uns genauso wie für Josua Kämpfe und Auseinandersetzungen, die angstbesetzt sind. Wir sind Menschen und damit verwundbar. Josef Pieper erklärt, dass ein Engel nicht mutig sein muss, weil er nicht verwundet werden kann, während für Menschen Tapferkeit bedeutet, Verwundung zu riskieren, sogar die äußerste Verwundung, den Tod.
Josua wird gesagt: „Der Herr, dein Gott, ist mit dir überall, wo du unterwegs bist“ (Jos 1,9). Wer das wirklich glaubt, wer vertraut, dass sein Leben gehalten ist, dass ihm nichts passieren kann, dass kein Haar von seinem Kopf fällt, ohne dass Gott es weiß, will und zulässt (vgl. Mt 10,30), kann mutig sein.
Warum aber haben wir oft Angst? Dieselbe Frage stellt Jesus seinen Jüngern: „Warum seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Mk 4,40). Angst ist fehlendes Vertrauen und damit Unglaube. Von daher ist es verständlich, dass mit der Entfernung von Gott die Angst wächst, dass wir, insofern wir Sünder sind, Angst haben. Gott sagt uns immer wieder: „Fürchte dich nicht!“ Auf den Gehorsam gegenüber dieser göttlichen Weisung müssen wir ein ganzes Leben lang hinwachsen, indem wir uns und unser Leben immer mehr loslassen (vgl. Mk 8,35-37), „gelassen“ werden, so dass wir, wie es im Gesang des Benediktus heißt, „befreit aus Feindeshand ohne Angst ihm dienen dürfen“ (Lk 1,74). Es ist ein sehr langer Prozess zu lernen, dass bei allem, was geschieht, eine Hand führt, die Liebe ist, so dass wir mit Paulus sagen können: „Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Röm 8,28). Das gilt auch heute. Vertrauen wir also!