Blog von Äbtissin Christiana Reemts

„Die Glaubenskongregation schnürt dem Heiligen Geist die Luft ab“. Ich lese diesen Satz und muss lächeln. Es passiert vieles in unserer Kirche, was mich bedrückt, ja beängstigt, aber das ist meine geringste Sorge.
 
Als Äbtissin in der katholischen Kirche ist man sehr verschiedenen Stimmen ausgesetzt. Die einen sagen: „Ihr habt zu wenig Novizen, weil ihr nicht fromm genug seid“, die anderen: „Ihr seid zu fromm, das spricht heute keinen mehr an.“ Die einen sehen den Fehler darin, dass wir Deutsch beten und nicht bei der Wandlung knien, die anderen finden es unmöglich, dass wir das Ordenskleid tragen und nicht in den Urlaub fahren.
Im Evangelium ist davon die Rede, dass jemand „alles“ verkauft, um die eine kostbare Perle zu erwerben, wobei die Perle das Himmelreich ist, aber auch der Glaube. Wenn man erkannt hat, wie kostbar dieser Glaube ist, wird man konservativ, d.h. man möchte diesen Schatz bewahren und verhindern, dass er wieder für „alles“ eingetauscht wird.
Ich habe nichts gegen Veränderungen in der Kirche, aber sie müssen mit dem überlieferten Glauben übereinstimmen, sonst weiß ich nicht, warum ich in dieser Kirche bleiben soll. Der christliche Glaube ist keine von Menschen gemachte religiöse Überzeugung, die man beliebig abändern kann, sondern er ist Offenbarung Gottes, die man im Laufe seines Lebens immer tiefer verstehen sollte. Wenn wir diesen Glauben beiseite legen, konstruieren wir uns eine eigene Religion, um nicht zu sagen, verfallen wir dem Götzendienst. Annahme oder Ablehnung des überlieferten Glaubens bedeutet Annahme oder Ablehnung der Wahrheit, die Gott ist. In diesem Zusammenhang auf die Möglichkeiten des eigenen Verstandes zu verweisen („ich finde aber...“), zeugt von Arroganz, ja von Dummheit. Wenn es wirklich einen Gott gibt, der sich offenbart, dann kann Wahrheit nur von ihm empfangen werden und zwar auf dem Weg, den er für den besten hält. Wahrheit an einer anderen Stelle zu suchen als dort, wo er sie hinterlegt hat, in der Heiligen Schrift und im Glauben der Kirche, kann nur in die Irre führen.
Der Glaube der Kirche relativiert den eigenen geschichtlichen Standort und zeigt uns, dass wir nicht unbedingt der bis jetzt unerreichte Höhepunkt der Menschheitsgeschichte sind. Der Glaube steht uns bei im Kampf gegen alle Formen des Götzendienstes, sei es auch die Vergötzung der eigenen Vernunft. Er lehrt uns, kritisches Denken auch auf uns selbst, auf unsere eigene Vernunft anzuwenden und im Spiegel früherer Denkbemühungen zu erkennen, wie viel von dem, was uns als der letzte Schrei erscheint, nur dem entstammt, dem was moderne Philosophie „die Verfallenheit an das Man“ nennt. Wenn wir aus der Tradition erkennen, dass ein Origenes oder Augustinus auf Fragen, die uns heute bewegen, tiefere Antworten zu geben wußte als das, was unsere moderne wissenschaftliche Theologie zustandebringt, könnte uns das zu größerer Bescheidenheit führen und vielleicht zu der Bereitschaft auf die Wahrheit und nur auf sie zu hören, wo immer sie uns begegnet.
 
Zum Sonntag Laetare ein schöner Abschnitt aus einem Buch von H. de Lubac:
„Da die Welt ein Ziel hat, hat sie einen Sinn, was zugleich Richtung und Bedeutung besagt. Das ganze Menschengeschlecht also solches ist Gottes Kind, das sich trotz allem, und ungeachtet der verwirrenden Vielfalt seiner Gebärden, in einer ungestümen Bewegung... gelenkt von den beiden Händen Gottes, dem Wort und dem Geist, die es trotz seiner Fehltritte nie völlig loslassen, dem Vater entgegenbewegt... Denn es gibt einen Hafen, es gibt ein Endziel. Das All schreit nach Erlösung und hat auch die Gewissheit, sie zu erlangen“ (H. de Lubac, Glauben aus der Liebe 125f).
 
Heute liest die Kirche das Evangelium vom Pharisäer und vom Zöllner. Es hat eine geradezu bestürzende Aktualität, nur frage ich mich, ob die heutigen Pharisäer nicht die Journalisten, Theologen und wir alle sind, während die Bischöfe und Priester die Gruppe der Zöllner bilden, zu denen wir zum Glück ja nicht gehören. Wenn ich manche Ausführungen lese (ich denke im Moment an ein Interview mit einem bekannten Moraltheologen), dann finde ich, dass manche Menschen schon ziemlich von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt sind und sehr selbstsicher andere verurteilen. „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Müssen wir das nicht alle sagen? Ich jedenfalls muss es sagen.
 
In den aktuellen Diskussionen ist immer wieder von „Zwangszölibat“ die Rede und es wird gefordert, diese unmenschliche Bedingung für das Priestertum endlich aufzugeben. Bei vielen Beiträgen, die ich lese, fühle ich mich persönlich angegriffen, denn ich lebe selbst in dieser Lebensform und empfinde sie nicht als ein Joch , sondern als ein Geschenk, für das ich Gott danke. Manchmal vermisse ich allerdings, dass unsere Priester sich zu dieser Lebensform bekennen und von ihrer Schönheit sprechen.
Wir müssen in unserer Kirche neu den Mut haben, davon zu sprechen, dass man auch auf ganz vitale Interessen und Begierden verzichten kann. Dazu brauchen wir ein neues Verhältnis zur Sexualität, nicht im Sinn immer weiterer Liberalisierung, sondern im Sinn tieferer Humanisierung.  Kein Mensch hat ein Recht darauf, seine sexuellen Wünsche jederzeit befriedigen zu können, egal auf wen sich sein Begehren richtet. Bei Pädophilen ist uns das klar, aber es gilt für jede Lebensform, dass Liebe immer auch den Verzicht auf das Ausleben eigener Wünsche fordert.
In unserer Kirche gibt es Menschen wie meine Mitschwestern und mich, die, um Gott und die Menschen freier lieben zu können, auf Ehe, Familie und Geschlechtsverkehr verzichten. Wir wollen damit leiblich sichtbar machen, dass wir Christus nichts vorziehen. Dieser Verzicht schenkt uns Zeit für Gebet und Bibelstudium, Zeit für andere Menschen. Wir sind dadurch keine besseren Christen als Eheleute, aber wir sind von Christus wie die Priester zu einer anderen Aufgabe berufen worden. Was ärgert unsere Gesellschaft eigentlich so maßlos daran?