Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Zur Zeit lesen wir in der Mittagshore und in der Vesper das 2. Buch der Könige - keine sehr erbauliche Lektüre. Die Könige Israels und Judas werden an ihrer Treue zu Jahwe und seinen Weisungen gemessen, die sich daran erweisen muss, dass sie alle kanaanäischen Kultstätten dem Boden gleichmachen und die dortigen Priester umbringen. Die meisten Könige versagen, zu faszinierend sind die einheimische Kulte. Doch selbst ein Mann wie Jehu (vgl. 2Kön 10) erhält nur eingeschränkt die Zustimmung Gott, weil er zwar die Fremdkulte in Israel vernichtete, nicht aber die eigenmächtigen Formen der Jahweverehrung, die entwickelt worden waren, damit es überall erreichbare Kultorte gab, gerade dort, wo der Tempel in Jerusalem weit war.
Das polemisch auf unsere Kirche zu beziehen, auf selbstgemachte Gottesdienste, ist einfach, vielleicht zu einfach, denn damit schiebe ich das Wort Gottes zu schnell von mir weg. Doch wo stellen  diese Bücher mich in Frage, wo richten sie mich? Wo mache ich mir mein Gottesbild, mein Christusbild, mein Gebetsleben so zurecht, wie es für mich am bequemsten ist?
Niemand sollte diese Frage zu schnell beantworten, denn wir halten immer das, was wir gerade tun, für das Richtige und Beste. Doch es gibt Sünde nicht nur außen, sondern gerade auch im Innersten und Persönlichsten, in meiner Beziehung zu Gott.
 
„Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist“ (Joh 6,65). Erster Impuls: „Das ist ungerecht, was tun die, denen es nicht gegeben ist?“ Doch mit dieser Empörung stelle ich mich über Gott, indem ich sein Tun beurteile. Die Versuchung dazu ist groß, immer wieder ertappe ich mich dabei, an die Bibel meine Maßstäbe anzulegen, statt die Maßstäbe der Bibel an mich und mein Leben anzulegen.
Die richtige Art und Weise, diesen Bibelvers aufzunehmen, ist vermutlich das Gebet: „Herr Jesus Christus, tritt du beim Vater für mich ein, damit er mir schenkt, dass ich zu dir kommen kann.“ Ein etwas paradoxes Gebet, aber auch nicht paradoxer als das Gebet: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24).
 
Was suchen die Menschen, die zu uns kommen? Oft nicht das, was wir zu geben haben oder jedenfalls nicht das, was uns das Wichtigste ist, die Gebets- und Eucharistiegemeinschaft, das Leben als Kirche im Kleinen.
Ich nehme eine deutliche Verschiebung der Frömmigkeit wahr, hin zu mehr persönlichen Formen. Viele Menschen kommen in unsere Krypta, um still zu beten und eine Kerze anzuzünden - das ist offenbar das neue Sakrament. Andere kommen, um in unseren Seminaren und bei Bibelgesprächen etwas für sich und ihre Gottesbeziehung mitzunehmen. Nur sehr wenige möchten an unserem Chorgebet teilnehmen, das ist ihnen zu lang, zu fremd, zu unpersönlich.
Sich selbst als Kirche zu verstehen -”sentire cum ecclesia” - wird immer unverständlicher. Aber so entsteht ein Christentum ohne Kirche, was in meinen Augen eine Schrumpfform ist. Viele geistliche Begriffe sind auch, aber nicht in erster Linie auf den einzelnen zu beziehen: Umkehr, Reinigung, Demut. Sicher muss ich umkehren, neu werden, in Demut meine Schwäche erkennen und annehmen. Aber viel schwieriger ist es, „unsere“ Schwäche, die Schwäche der Kirche, ihre Sündigkeit, Armut und Niedrigkeit zu akzeptieren, ohne ihr die Treue aufzukündigen.
 
Morgen feiern wir das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Selbst viele Katholiken wissen mit diesem Fest nichts anzufangen. Sie  kommen sich sehr aufgeklärt vor, wenn sie mir erklären, was alles gegen den Glauben insgesamt und gegen die Vorstellung der „Himmelfahrt“ eines Menschen im Besonderen spricht. Dabei ist das, was sie äußern, oft nur ziemlich platte Pseudo-Naturwissenschaft.
Was mir leid tut und mich ratlos macht: Viele Menschen weigern sich die Antworten des Glaubens zu verstehen, sie finden sie zu schwierig. Tatsächlich haben sie recht, die Antwort ist oft komplizierter als die Frage, aber es ist unreif, nur Fragen zu stellen und bei den Antworten wegzuhören.
 
 
Manchmal geht einem plötzlich etwas auf, was man eigentlich immer schon wissen konnte. So ging es mir, als mir klar wurde, dass die Kirche nicht schrumpft, sondern unaufhörlich wächst, wächst bis zum Ende der Welt. Von Schrumpfung kann man nur sprechen, wenn man unter Kirche ausschließlich die jetzt lebenden Katholiken versteht und selbst dann nur, wenn man seinen Blick sehr eingeschränkt auf Europa richtet. Aber zur Kirche gehören alle Gläubigen aller Zeiten, von Maria und den Apostel bis zu denen, die die Wiederkunft Christi erleben werden. Mit jedem getauften Kind wächst die Kirche.