Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Fastenzeit
bedeutet die Rückkehr zu dem, was wir eigentlich wollen. Wir fallen ständig aus der Gemeinschaft mit Gott heraus und ziehen ihm andere Dinge vor. Diese Dinge sind oft nicht in sich böse, sie werden es aber, wenn wir sie vergötzen. Daher ist Umkehr nötig oder besser gesagt erneute Hinwendung zu Gott.
Und Fastenzeit bedeutet, die Freude zu suchen. Diese Freude, die wir suchen, ist nicht unsere Freude, sondern seine Freude (Joh 17,13). Sie ist Anteil an der Freude des dreifaltigen Gottes. In ihr besteht das Reich Gottes (Röm 14,17). Was hindert diese Freude? Vor allem unser von Adam ererbtes Mißtrauen, dass Gott uns etwas nehmen will, dass Umkehr zu ihm mit Verlust verbunden ist. Von daher wäre ein erster Schritt der Umkehr, einzugestehen, dass wir der Fastenzeit nicht nur mit Freude, sondern auch mit Unlust entgegensehen und ihn zu bitten, uns seine Freude zu schenken.
Für uns im Kloster ist die Fastenzeit keine ganz besondere Zeit, keine Zeit, in der wir aszetische Höchstleistungen vollbringen. Der heilige Hieronymus schreibt: „Bei Weltleuten ist ein anderer Maßstab anzulegen als bei gottgeweihten Jungfrauen und Mönchen. Der in der Welt lebende Mensch zehrt während der Fastenzeit von dem, was er in seinem Magen aufgespeichert hat. Er gleicht der Schnecke, die sich von ihrem eigenen Schleim nährt, und bereitet den Magen für neue Speisen vor. Die Jungfrau und der Mönch sollen während der Fastenzeit ihre Pferde nur soweit anstrengen, dass man merkt, sie wissen, dass die Fahrt nie unterbrochen werden darf. Eine Anstrengung auf Zeit darf größer sein, eine ständige erfordert weises Maßhalten der Kräfte. Dort handelt es sich nur um eine Atempause, hier aber heißt es ständig weitergehen“ (Brief 107,10 an Laeta). Ganz so würde ich es vielleicht heute nicht mehr sagen, aber es stimmt schon, wir leben nie besonders üppig und daher auch in der Fastenzeit nicht anders als das ganze Jahr hindurch, nur konzentrierter und bewußter.

 

Ein Satz aus der Lesung geht mir heute immer wieder nach: "Denkt daran, dass im Herrn eure Mühe nicht vergeblich ist" (1 Kor 15,58).
Vergeblich, leer, fruchtlos, manchmal kann ich mich tatsächlich des Gedankens nicht erwehren, dass alles, was ich tue, dieses Prädikat trägt, und ich höre auch von anderen, die in und für die Kirche arbeiten, dass sie oft denselben Eindruck haben. "Fünfzig Jahre als Priester gearbeitet - und das Ergebnis: Leere Kirchen, Mitbrüder, die den Dienst quittiert haben oder bei denen sich zeigt, dass sie ein Doppelleben führten, ich selbst fühle mich ausgebrannt..."
Ja, das alles stimmt, aber es ist nur die äußere Seite, das, was wir Menschen sehen. Ob unser Leben vor Gott fruchtbar ist, können wir nicht beurteilen, das beurteilt Gott. Wir sollen das Unsrige tun im Vertrauen auf den Zuspruch: "Denkt daran, dass im Herrn eure Mühe nicht vergeblich ist." Solche Sätze erfordern oft mehr Glauben als jeder Artikel des Glaubensbekenntnisses.
 
Das Coronavirus, die Stürme der vergangenen Tage und jetzt die Sorge, es könnte einen Krieg geben, läßt ein Gefühl der Hilflosigkeit aufkommen. Hinzu kommt die Frage, wie es in Köln weitergehen und wohin uns der Synodale Weg führen wird.
Meine Zuversicht in all diesen Nöten kommt weder aus dem Optimismus „es noch immer gut gegangen“ (ist es nicht...), noch aus meinem Vertrauen in die menschliche Vernunft (dazu sehe ich wenig Anlass...), sondern allein aus dem Glauben, dass nicht wir die Welt tragen, sondern Gott. Er wird unsere selbsteingebrockten Probleme nicht wegzaubern, er wird uns nicht einmal vor dem Tod retten, wohl aber, so hoffe ich, durch den Tod hindurch.
Und ansonsten halte ich es mit Luther - Sie wissen: die Sache mit dem Apfelbäumchen... Mein Apfelbäumchen, das ich mir heute gegönnt habe, war ein Besuch in der Impressionisten-Ausstellung des Folkwang-Museums Essen („Renoir, Monet, Gauguin“). Sehr lohnend! So viel Schönheit tröstet und schenkt Kraft.
 
„Wir danken Gott, dem Vater Jesu Christi, unseres Herrn, jedesmal, wenn wir für euch beten“ (Kol 1,3).
Ich habe vor einigen Tagen etwas über das Murren geschrieben und denke, dieses Murren kann es auch im Blick auf die anderen geben. Das äußert sich in Ärger oder zumindest abfälligem Denken und Reden und vor Gott in Klage oder Bitte. Dabei vergessen wir manchmal, füreinander zu danken. Die anderen sind zuerst und vor allem Gabe, und das gilt nicht nur für die, die es uns leicht machen, sie als göttliches Geschenk anzunehmen, sondern auch für die, auf die wir meinen gut verzichten zu können.
 
Im Moment lese ich viel von dem amerikanischen Philosophen und Theologen Peter Kreeft, der in typisch angelsächsischer Manier sehr lesbar, ja unterhaltsam schreibt und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb bis zu letzten Fragen vorstößt. Man hat ihn den neuen C.S.Lewis genannt und ich denke, diese Bezeichnung trifft zu. Bis jetzt am meisten beeindruckt hat mich sein Buch über die Eucharistie (Peter Kreeft, Symbol und Substance), das leider nur in Englisch - einen sehr leicht lesbaren Englisch - vorliegt. In diesem Buch läßt Kreeft Tolkien (Katholik), C.S.Lewis (Anglikaner), Billy Graham (Baptist) und einen weiteren Protestanten über ihr Verständnis von Eucharistie sprechen, vor allem darüber, wie man sich in den unterschiedlichen Konfessionen die Gegenwart Christi in der Eucharistie vorstellt. Die Dialogform zwingt dazu, mitzugehen, ja selbst Stellung zu beziehen. Als Ordensschwester feiere ich täglich Eucharistie, aber noch nie hat mich ein Buch über die Eucharistie so herausgefordert.