Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Für mich war die Gottesfrage immer eine der wichtigsten Fragen meines Lebens und ich habe lange gebraucht, bis ich akzeptieren konnte, dass es Menschen gibt, die diese Frage nicht nur anders beantworten, sondern gar nicht stellen. Immer, schon als Jugendliche, war die Existenz Gottes so etwas wie das Vorzeichen vor der Klammer: Wenn man an Gott glaubte, änderte sich alles, wenn man es nicht tat, auch. Von daher sind mir Menschen fremd, die Gott einfach als Teil des Lebens, z.B. als Bereicherung der Sonn- und Feiertage, ansehen oder als Kraftquelle, die Energie gibt für das, was man, zunächst unabhängig von ihm, plant. Beide Haltungen erscheinen mir, obwohl weit verbreitet, als Götzendienst.
Ein Hauptgrund, warum ich mich als Jugendliche für einen existentialistisch geprägten Atheismus entschied, war die Überzeugung, dass Gott, wenn es ihn gab, „der Herr“ ist (dieses Wort verwendete  ich damals allerdings nicht) und Anspruch auf meinen Gehorsam hat. Ich aber wollte nicht gehorchen, sondern frei sein und tun, was ich wollte. Um es mit Dostojewski zu sagen: „Wenn Gott nicht existiert, dann ist alles erlaubt.“ Aber die Frage blieb immer irgendwie offen; genauso wie ich als Glaubende immer weiß: „Vielleicht ist doch alles nur eine Illusion“, so wußte ich als Nichtglaubende immer: „Vielleicht ist es doch wahr“.
 
„Bei allen was vollkommen ist, stieß ich auf Grenzen, doch dein Gebot ist unendliche Weite“ (Ps 118,96). Ich weiß, dass moderne Theologie die Autonomie des Menschen für einen der größten Werte hält, aber ich selbst erfahre immer wieder, dass es Gnade ist, wenn nicht mein, sondern Gottes Wille geschieht.
 
„Suche den Frieden und jage ihm nach“ (Ps 34,15). Wohin soll ich ihm nachjagen? Dahin, wohin er vorangegangen ist. Unser Friede ist Christus, der auferstanden ist und in den Himmel auffuhr. Suche den Frieden und jage ihm nach, denn auch du wirst auferstehen, verwandelt werden und dann den Frieden umfangen. Im Himmel ist ja der vollkommene Friede.
Wir werden also den Frieden erst am Ende erreichen. Einen Anfang des Friedens wollen wir aber auch hier schon haben. Wie könnte das aussehen? „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mt 19,19). Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, halte Frieden mit ihm! Zwar kann es in dieser Welt kaum ohne Meinungsverschiedenheiten und Reibereien abgehen, nur dürfen sie die Eintracht nicht zerstören, die Liebe nicht töten.
Christus sagte: „Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33). Auf Erden verspreche ich euch keinen Frieden, denn in diesem Leben gibt es keinen wahren Frieden, keine wahre Ruhe. Verheißen ist uns aber der Friede in der Freude der Unsterblichkeit, in der Gesellschaft der Engel. Wer ihm nicht schon nachjagt, solange er auf dieser Welt ist, der wird ihn nicht besitzen, wenn die neue Welt Gottes kommt (Augustinus, Erklärung von Ps 34).
 
Im Krieg spielt plötzlich das biologische Geschlecht wieder eine größere Rolle: Männer kämpfen, Frauen kümmern sich um Alte und Kinder. Natürlich gibt es auch kämpfende Frauen, aber die von der ukrainischen Regierung erlassene Regelung verbietet nur Männern, das Land zu verlassen. Ist das ungerecht? In gewisser Weise ja, aber Männer, die Frauen und Kinder haben, werden froh sein, dass ihre Familien in Sicherheit sind.
Und hier bei uns? Es gibt viele - auch ungerechte Gründe - warum wir die jetzigen Flüchtlinge freundlicher aufnehmen als die von 2015, aber ein Grund ist auch dabei das Geschlecht der Flüchtlinge. Wir haben vor Frauen und Kindern schlicht weniger Angst als vor jungen Männern. Ist das ungerecht? Ja, es ist ungerecht, denn es zeigt, dass wir Unterschiede machen. Aber vielleicht gibt es diese Unterschiede schlicht und einfach.
 
Fest des heiligen Benediktus
Ein „alter Christus“ - ein anderer Christus werden. Geläufiger ist der Ausdruck „Christus nachfolgen“, aber er evoziert eher ein Tun, während „ein anderer Christus werden“ ein gewandeltes Sein anzeigt. Die Formulierung entspricht sehr genau der Hoffnung, mit der ich ins Kloster eintrat. Hat sie sich erfüllt? Bejahen kann ich das nicht, muss ich auch nicht, Gott wird es beurteilen und - so hoffe ich - ergänzen, was fehlt.