Blog von Äbtissin Christiana Reemts

Manchmal frage ich mich, ob ich eigentlich eher optimistisch oder eher pessimistisch in die Welt schaue. Wenn ich die Frage zu beantworten versuche, entdecke ich drei Ebenen: kurzfristig, mittelfristig, langfristig.
Kurzfristig, d.h. in Bezug auf heute und morgen bin ich optimistisch. Ich stehe meistens gut gelaunt auf, freue mich auf den Tag und denke, es wird schon alles gut gehen. Und ich erlebe viel Gutes und Schönes.
Langfristig, d.h. von den Verheißungen Jesu her gedacht, halte ich mich an den Spruch einer Mitschwester: „Ende gut, alles gut. Und wenn noch nicht alles gut ist, dann ist es eben noch nicht das Ende.“ Ich glaube an eine Zukunft in der Freude Gottes.
Das Problem ist die mittelfristige Perspektive. Da bin ich leider sehr pessimistisch, sowohl was unsere Gesellschaft als auch was unsere Kirche angeht. Und leider sehe ich im Moment wenig, was mich von dieser negativen Einschätzung abbringen würde.
 
Meine große Frage ist, wie wir auch in Zukunft ein wirklich kontemplatives Leben führen können, ohne uns von all dem, was möglich ist und was man müßte / sollte / brauchte zu sehr in Beschlag nehmen zu lassen.
Diese Frage spitzt sich angesichts der heutigen Medien zu und wir sprechen in der Gemeinschaft immer wieder darüber. Für mich selbst ist das schwierig, denn ich muss als Äbtissin die ganze Gemeinschaft hören und darf ihr nicht meine eigenen Überzeugungen aufdrängen, andererseits bin ich den neuen Medien gegenüber sehr viel reservierter eingestellt als der Durchschnitt unserer Gemeinschaft. Ich sehe die Chancen, aber ich fürchte, die Verluste sind größer, nicht nur in unserer monastischen Gemeinschaft.
 
„Die Gottheit Christi ist der höchste Gipfel, der Mount Everest des Glaubens sozusagen. An einen Gott glauben, der in einem Stall geboren wurde und am Kreuz gestorben ist! Das ist weit anspruchsvoller, als an einen weit entfernten Gott zu glauben, den jeder sich nach eigenem Belieben vorstellen kann... Das Gesagte hat wichtige Konsequenzen auch für die Ökumene. Den es gibt zwei mögliche Versionen: die Ökumene des Glaubens und die Ökumene des Unglaubens. Erstere vereint alle jene, die glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist und dass Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ist; letztere vereint all jene, die sich darauf beschränken, diese Dinge zu „interpretieren“ (jeder auf seine Weise und dem eigenen philosophischen System entsprechend). Das wäre eine Ökumene, in der alle dasselbe glauben, weil keiner mehr wirklich an irgendetwas glaubt, im wahren Sinn des Wortes „glauben“. Die grundlegende Unterscheidung der Geistes im Bereich des Glaubens ist nicht die Unterscheidung zwischen Katholiken, Orthodoxen und Protestanten, sondern die Unterscheidung zwischen denen, die an Christus als Sohn Gottes glauben und denen, die nicht daran glauben“ (Kardinal Raniero Cantalamessa „Jesus Christus - Wahrer Gott“, Artikel im Osservatore Romano vom 2.4.21).
Cantalamessa fordert, dass Jeder, der Theologie lehren will, vor allem an die Gottheit Jesu Christi glauben muss, das ist der entscheidende Glaubensartikel, von dem alles andere abhängt. Tatsächlich ist ohne diesen Glauben jede kirchliche Verkündigung sinnlos. Aber welcher Proteststurm würde sich erheben, wenn man Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Kirche diese einfache Frage stellen würde: Glaubst Du, dass Jesus Christus Gott ist? D.h. würde sich überhaupt ein Proteststurm erheben oder nicht bei vielen nur mitleidiges Lächeln?
 
Nach den Kar- und Osterfeierlichkeiten bin ich erschöpft und ich glaube, die meisten meiner Mitschwestern auch. Wir waren so viele Stunden in der Kirche, haben so lange gesungen und gebetet, dass es jetzt erstmal genug ist. Auch Freude kostet Kraft, das darf man sich ruhig eingestehen. Insofern bin ich dankbar, dass die Osterwoche bei uns eher erholsam ist.
Doch gerade in diesem Jahr habe ich in der Liturgie immer wieder gedacht, was ich auch schon im vorigen Beitrag schrieb: Ich muss mich noch viel radikaler entscheiden. Entweder ich höre all die biblischen Texte, in die ich in diesen Tagen ganz besonders eintauche, die Lesungen, aber auch die Psalmen, als Wort des lebendigen Gottes und riskiere damit, dass sich meine Wahrnehmung von Realität verändert: Gott ist die eigentliche Wirklichkeit, alles andere ist nur dann wirklich und lebendig, wenn es mit ihm zusammenstimmt, sonst ist es Schein und Nichtigkeit. Oder ich nehme die Welt, wie sie mir in der Gesellschaft, in den Medien und oft auch in der Kirche begegnet als die eigentlich Realität, dann wird Gottes Gegenwart zunehmend Schein und Nichtigkeit und die Auferstehung Jesu Christi ist nicht mehr als eine vage mythologische Erzählung, die niemandem wirklich hilft.
Ich erinnere mich an meine Schulzeit, bei der es im Religionsunterricht eine  Unterrichtseinheit „Tod und Auferstehung Jesu“ gab. Wir lernten etwas über Bultmann und hörten, dass es keine Rolle spielt, ob das Grab Jesu leer war. Das war in den 70er Jahren keine revolutionäre These, sondern Mainstream. Meine Freundinnen und ich fanden das als Jugendliche verwirrend. Wir hätten die Glaubensaussage der Bibel im Religionsunterricht akzeptiert, wenn auch nicht unbedingt geglaubt; wir hätten es auch hingenommen, wenn unser Lehrer uns verkündet hätte, das alles seien Märchen. Aber er ließ sich weder auf das eine noch auf das andere festnageln. Deshalb ließen wir uns von einem anderen Religionslehrer sagen, wo die Worte standen, die eine von uns vage im Kopf hatte: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein, alles andere ist vom Bösen“ (Mt 5,37) und schrieben sie auf ein Blatt, das wir dem Lehrer hinlegten. Ich glaube, es war damals schon etwas betroffen. Heute dagegen regiert das damalige Wischiwaschi unangefochten und nennt sich vornehm Postmoderne.
 
„Wer erkannt hat, dass Christus als unser Pascha geopfert worden ist und dass man das Fest dadurch feiern muss, dass man von dem Fleisch des Wortes isst, der hört niemals auf, das Paschafest zu begehen, das ja als „Übergang“ übersetzt wird, denn in seinem Denken, in jedem Wort und mit jeder Tat geht er von den Dingen dieses Lebens zu Gott hinüber“ (Origenes, Gegen Celsus 8,22).
Entweder ist die Auferstehung Christi und die Vernichtung des Todes wirklich passiert, dann ist dieses Geschehen die Mitte und der Angelpunkt der Welt, nicht nur für die Christen, sondern für alle Menschen aller Zeiten. Oder Christus ist genauso tot wie Platon oder Buddha, dann ist das Christentum eine veraltete Philosophie und nicht wert, dass man sich mit ihm befasst. Man muss sich entscheiden!