Blog von Äbtissin Christiana Reemts

In einer alten Predigt zum Karsamstag wird der Abstieg Jesu in die Unterwelt beschrieben. Dort sagt er zu Adam und damit zu allen Menschen:

„Steh auf von den Toten, ich bin das Leben der Toten. Steh auf, du Werk meiner Hände nach meinem Bild und Gleichnis geschaffen. Steh auf und lass uns von hier wegziehen, denn wir beide zusammen bilden eine einzige und untrennbare Person. Um deinetwillen wurde ich, dein Gott, zu deinem Sohn; um deinetwillen nahm ich, der Herr, Sklavengestalt an; um deinetwillen stieg ich, der ich über allen Himmeln wohne, herab auf die Erde und unter die Erde.
Für dich, den Menschen, wurde ich wie ein hilfloser Mensch; für dich, der du den Garten verließest, wurde ich im Garten den Juden ausgeliefert und im Garten gekreuzigt. Schau auf meinem Rücken die Geißelung, die ich hinnahm, um dir die Last deiner Sünden abzunehmen, die deinem Rücken aufgebürdet ist. Schau meine Hände, die ans Holz genagelt sind um deinetwillen, der du in schlechter Weise deine Hände nach dem Holz ausgestreckt hast. Den Schwamm habe ich genommen, um den Schuldschein deiner Sünde auszulöschen. Das Rohr habe ich genommen, um dem Menschengeschlecht den Freiheitsbrief zu unterschreiben. So steh denn auf und lass uns von hier wegziehen.
Der Feind entführte dich einst aus dem irdischen Paradies; ich aber will dich nicht mehr ins Paradies, sondern auf einen himmlischen Thron setzen. Ich verbot dir einst den Baum des Lebens, der nur ein Gleichnis war, aber sieh, nun bin ich selbst mit dir vereint als das Leben. Ich stellte Kerubim auf, um dich, wie es sich für einen Knecht ziemt, zu bewachen; ich mache, dass Kerubim dich, wie es sich für einen Gott ziemt, verehren.
Lasst uns von hier wegziehen, vom Tod zum Leben, von der Verwesung zur Unverweslichkeit, von der Finsternis ins ewige Licht. Steht auf, lasst uns aufbrechen vom Schmerz zur Freude, von der Knechtschaft zur Freiheit, vom Kerker ins himmlische Jerusalem, aus den Fesseln in die Freiheit, von der Gefangenschaft in die Freude des Paradieses, von der Erde zum Himmel. Denn dazu bin ich gestorben und auferstanden, um zu herrschen über die Lebenden und die Toten. Lasst uns aufbrechen und von hier wegziehen, denn mein himmlischer Vater wartet auf das verlorene Schaf. Die 99 Schafe der Engel harren auf ihren Mitknecht Adam: wann er wohl aufsteht, wann er wohl heimkehrt zu Gott. Ein Kerubimthron ist bereit, die Träger stehen und warten, das Hochzeitsgemach ist hergerichtet, die Speisen sind bereitet, die ewigen Wohnungen sind gerüstet, die Schätze alles Guten sind aufgetan, das Himmelreich ist für euch bereit. „Was kein Auge je gesehen, kein Ohr gehört und was in keines Menschen Herz emporstieg” (1 Kor 2,9): diese Güter erwarten den Menschen.
(Pseudo-Epiphanius, Karsamstagshomilie, von mir gekürzt)

 

„Dich aber, Gott und Herr, bitten wir, dich unseren König Christus: Breite immerdar deine gewaltigen Hände aus über deine heilige Kirche und über dein heiliges Volk, schützend, verteidigend, bewahrend. Erhebe dich auch jetzt über uns als unser Siegeszeichen und gewähre uns, mit Moses zusammen das Siegeslied anstimmen zu dürfen. Denn dein ist die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen“ (Hippolyt, Homilie auf das Osterfest).
Nehmen wir neu wahr, wie absurd die Botschaft unseres Glaubens rein menschlich gesehen ist: Wir sagen von einem hilflos am Galgen Hängenden, dass er alle Macht der Welt hat! Und doch ist es wahr.
 
Jesus ist bei uns - ganz real, aber sakramental vermittelt in den Gestalten von Brot und Wein und in seinen bevollmächtigen Zeugen. Diese Zeugen sind dann wahre Zeugen, wenn sie nicht ihre eigenen Einsichten verkünden, so intelligent sie auch sein mögen, sondern sein Wort, ob gelegen oder  ungelegen.
Dort wo die Eucharistie gefeiert wird und wo es ein sakramentales Priestertum gibt, ist die Kirche Jesu Christi. Lebendig ist sie allerdings nur, wenn etwas Drittes hinzukommt: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13,34).
 
Zu viele Richter... Hunderte, Tausende...
In der Mißbrauchskrise, die unsere Kirche zur Zeit erschüttert, gibt es Opfer, die endlich gehört werden müssen, es gibt Täter, die schwer gesündigt haben, und es gibt Verantwortliche, die die Opfer ignoriert und die Täter gedeckt haben. Daran gibt es nichts, aber auch gar nichts zu beschönigen.
Und dann gibt es Richter. Hunderte, Tausende... Man begegnet ihnen auf Schritt und Tritt. Sie wissen, wer schuld ist, wo die Ursachen liegen, was man hätte anders machen sollen. Sie sind sich ihrer eigenen Makellosigkeit sicher, und da sie  auf der Seite der Guten und Gerechten stehen, ist es ihr gutes Recht, Steine zu werfen.
Jesus sagt auch heute nur: "Geht hin und sündigt nicht mehr."
 
Eine Gefahr der Karwoche liegt darin, dass man meint, ein vergangenes Geschehen „nachspielen“ zu müssen. Man erinnert sich fromm an das, was Jesus vor 2000 Jahren für uns getan hat und bedauert vielleicht, nicht selbst dabei gewesen zu sein.
Aber Jesus lebt, er will uns und unser Leben an sich ziehen, nicht in einem Mysterienspiel, das mit dem Alltag nicht zu tun hat, sondern indem er diesen Alltag ganz und gar prägt. Aber glauben wir überhaupt an seine reale Präsenz in unserer Gegenwart, in unserer Kirche, in unserem Leben?
Nur wer glaubt, dass der Zimmermannssohn, Jesus von Nazareth die Himmel durchschritten hat und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt hat, um dort für uns einzutreten, ist im Vollsinn des Wortes Christ.